Wo die Flut nach "Katrina" in New Orleans die größten Schäden hinterließ, errichtet eine Stiftung vorbildliche Öko-Häuser: Richtig bauen mit Brad Pitt

NEW ORLEANS. Die Royal Street in New Orleans beginnt im alten French Quarter. Hier liegt die Old Bank Of Louisana, das als Filmkulisse bekannte klassizistische Gerichtsgebäude, die St. Louis Cathedral und William Faulkners Wohnhaus. Sie läuft weiter, parallel zum Mississippi, an spanischen Bürgerhäusern mit Patios und Balkonen vorbei und kreuzt dann den Kanal.Östlich heißt die Straße immer noch Royal Street, aber sie sieht ganz und gar nicht mehr königlich aus. Das Straßenschild ist schäbig und schief an einen Pfahl genagelt. Den alten, nunmehr hölzernen Häuschen in verblassenden Pastellfarben sind die Spuren der großen Flut anzusehen, die über das Viertel kam, als vor zweieinhalb Jahren Hurrikan Katrina die Deiche einriss. Staubige Palmen stehen an der Straße und struppige Bananenbäume. Aber noch leben hier Menschen, Familien, auch Lokalgrößen wie der Rapper Magic. Das hier ist der Lower Ninth Ward, dessen Bilder um die ganze Welt gingen, als Katrina kam.Stiftung fürs historische QuartierAber bald soll es hier besser aussehen. Viel besser. Der Lower Ninth Ward soll ein Öko-Paradies werden. Treibende Kraft ist Brad Pitt, der Schauspieler und Architekturfan, der mit seiner Frau Angelina Jolie eine Villa im French Quarter gekauft hat. Pitt hat eine Stiftung gegründet, "Make it Right" (Mach es richtig), und gibt dafür zusammen mit dem Filmproduzenten Steve Bing bis zu fünf Millionen Dollar, nämlich einen eigenen Dollar für jeden, den Dritte spenden. Die Stiftung beauftragte 14 Architekten aus New Orleans und aller Welt - aus Berlin ist das Architekturbüro Graft dabei - Musterhäuser zu entwerfen, energiesparend, aber in das historische Quartier passend."Make it Right" arbeitet mit der Umweltorganisation Global Green zusammen, und auch ein Bauplanungs-Unternehmen wurde schon ausgesucht. Zunächst will die Stiftung Zuschüsse für 150 Energiesparhäuser geben, von denen jedes mit 150 000 Dollar veranschlagt ist. Die Mittel sollen vornehmlich die Mehrkosten abdecken, die durch die ökologische Bauweise entstehen: Solarzellen, Isolierwände, Zisternen. Wer was bekommt, wird an Ort und Stelle entschieden."Wir wollen alle, die hier leben, an einen Tisch holen, um unseren Stadtteil möglichst rasch wieder aufzubauen, und besser als zuvor", sagt Charles Allen. Allen, ein großer schlanker Enddreißiger ist Professor am Zentrum für Biologie und Umweltforschung an der Tulane University, und lebt im Lower Ninth Ward. Auch sein Vater wohnt hier, gleich um die Ecke, allerdings immer noch in einem Wohnwagen, wie so viele in New Orleans. Hier, im westlichen Teil des Viertels, in dem früher fast 20 000 Menschen lebten, hat der Hurrikan knapp die Hälfte der Häuser beschädigt. Am östlichen Ende wurde fast alles weggeschwemmt. An diesem Sonntagnachmittag trifft sich eine Gruppe von Anwohnern, darunter auch Allen, im Gemeinderaum einer kleinen Kirche an der Royal Street, um über den Wiederaufbau zu reden, und darüber, wie die Zuschüsse aus der Stiftung "Make It Right" verteilt werden. Mehr als die Hälfte der Bewohner des Lower Ninth Ward sind auch Eigentümer der Grundstücke und Häuser, es sind meist Leute aus dem einfachen Mittelstand, darunter auch viele schwarze Familien."Alle müssen auf den Tisch legen, was sie besitzen, über welches Einkommen und welche Ressourcen sie verfügen. Dann wird verhandelt, was die Stiftung gibt, entweder ein Darlehen zu einem niedrigen Zinssatz, oder ein Zuschuss." Wie hoch der ist, das wird noch ausgetüftelt, womöglich bis zur Hälfte der Baukosten. Wichtig ist das auch, damit die Bewohner eher Kredite bekommen, gerade jetzt, wo die Banken wegen der Immobilienkrise strenger werden. "Aber nur Familien, die schon vor Katrina hier lebten, bekommen Geld von der Stiftung", betont Allen. "Es geht ja darum, die Bewohner von New Orleans heimzuholen."In der Innenstadt residiert das Architekturbüro Billes. Gerald Billes hat eines der Musterhäuser entworfen, ein Einfamilienhaus aus holzartigem, recycelbarem Material, das sich architektonisch einfügt. "Der Lower Ninth Ward wurde im 19ten Jahrhundert angelegt, da redet die Denkmalbehörde beim Aufbau mit", sagt Billes. Deshalb orientieren sich die Architekten an traditionellen Bauformen des amerikanischen Südens, wie dem "Shotgun" - ein Haus, in dem alle Zimmer hintereinander aufgereiht sind, so dass man mit einem Gewehr hindurch schießen könnte - oder dem "Camelback", dessen hinterer Dachteil einen kamelrückenartigen Höcker für einen Dachboden hat. Keller seien wegen des Wasserdrucks vom nahen Mississippi nicht sinnvoll, sagt Billes.Ein paar Neuerungen soll es allerdings schon geben. Das Musterhaus steht auf einer Plattform, rund zwei Meter über dem Boden, damit es bei Flut nicht so leicht vom Wasser erreicht wird. Und es gibt einen Fluchtweg zur Dachterrasse, damit ein Hubschrauber die Bewohner im Notfall abholen kann. Unter der Plattform sammelt eine Zisterne Regenwasser, Toiletten und Bäder haben wassersparende Armaturen, auf den Dächern verwandeln Solarpaneele Sonnenenergie in Strom. Der kann ins Netz eingespeist werden, wenn mehr produziert als gebraucht wird. "So ist Solarenergie am effektivsten", sagt Billes.Die Wetterwand zum Südwesten ist extra dick und aus Stein, das isoliert besser, und zwar nicht gegen Kälte, sondern gegen Hitze. Klimaanlagen sind an der Golfküste die größten Stromfresser. Zu Haustür und zur Veranda führen die traditionellen Stufen. "Die Leute haben uns erzählt, das sei wichtig", sagt Billes. "Die sind es gewohnt, auf der Treppe zu sitzen und mit den Nachbarn zu reden."Auch Steve Dumez, der am Rande des French Quarter, in einem Hochhaus mit Blick über die Mississippi-Windung sitzt, plant für "Make it Right". Sein Musterhaus hat ein hohes, schräges Dach, das Durchzug zulässt, und in einer Variante einen Spalt in der Hauswand, der frische Luft hereinlässt. Sein Haus liegt drei Meter über dem Bodenniveau. Hier kann das Auto neben der Regenwassersammelanlage parken. Dumez will die Veranda mit industriell hergestellten Metallgittern vom Wohnzimmer teilen. So etwas greife das traditionelle Design von New Orleans auf, sei aber sehr viel preiswerter herzustellen als die handgeschmiedeten Jalousien von früher, sagt er. Bei ihm liefern Sonnenpaneele auf dem Dach heißes Wasser."Grundsätzlich wäre es möglich, ein Nullenergiehaus zu bauen, das seinen Gesamtverbrauch selber produziert, aber das ist teurer als die 150 000 Dollar, mit denen wir auskommen sollen", sagt Dumez. Den Bewohnern sei Energiesparen wichtig, weil das die Kosten senke, aber auch der Klimawandel sei ein Grund: "Es kommen immer mehr und stärkere Hurrikane über New Orleans, weil sich das Wasser im Golf von Mexico aufheizt", sagt Dumez. "Energiesparen heißt für uns auch, an den Ursachen der Überschwemmung ansetzen."Erster SpatenstichBei den 150 Ökohäusern soll es nicht bleiben, hofft Charles Allen, zumal hier früher mehr als 5 000 Häuser standen. Wie viel Geld bereits hereingekommen ist, ist noch unklar, aber einige Millionen Dollar sind es schon. Viele von Brad Pitts Hollywood-Freunden haben an "Make It Right" gespendet: Star-Wars-Prinzessin Carrie Fisher ist darunter, Bill Cosby, Goldie Hawn, Jack Nicholson, Tom Cruise, Barbra Streisand.Staatliche Gelder fließen nach wie vor zögerlich. Der Staat Louisiana hat zwar zusammen mit Washington ein Programm aufgelegt, mit dem Infrastruktur und Wohnhäuser wieder aufgebaut werden sollen. "Aber das dauert ewig", sagt Allen. Auch die Versicherungen zieren sich. "Viele von denen wollen nur für Sturmschäden zahlen, aber nicht für Wasserschäden", sagt Allen. "Dabei hat das Wasser die meisten Schäden verursacht."Am vergangenen Wochenende war erster Spatenstich, Baubeginn für die ersten zwanzig Häuser wird Anfang April sein. Ein Muster-Ökohaus steht bereits, finanziert von Global Green; Architekt ist John Williams, eines der Büros, die für Brad Pitts Stiftung arbeiten. Hier können die Anwohner schon sehen, wie sie einmal wohnen werden. Das Haus steht einen Block von der Royal Street entfernt, am hohen grünen Mississippi-Deich. Noch wirkt es neu und fremd, aber es ist das erste Zeichen der Hoffnung im Lower Ninth Ward.------------------------------Monster-HurrikanDer Hurrikan "Katrina" traf am 29. August 2005 auf die südöstlichen Teile der Golfküste der USA und richtete gewaltige Schäden an. Er gehörte zu den verheerendsten Naturereignissen in der Geschichte der USA. Durch den Sturm und seine Folgen kamen über 1 800 Menschen ums Leben. Der Sachschaden belief sich auf etwa 81 Milliarden US-Dollar.New Orleans war besonders stark betroffen: Zwei Brüche im Deichsystem führten dazu, dass bis zu 80 Prozent des Stadtgebietes bis zu 7,60 Meter unter Wasser standen.------------------------------Karte: Überflutete Gebiete in New Orleans------------------------------Foto: Organisator: Charles Allen vor dem ersten Musterhaus, das von der Organisation Global Green errichtet wurde.