Der 84 Jahre alte Theodor Barthels aus Steglitz hat schon viele Baustellen in Berlin besucht, die interessanteste für ihn befindet sich derzeit aber an der Friedrichstraße 100 in Mitte. Auf dem Areal zwischen dem Admiralspalast und der S-Bahn-Trasse betrieb Barthels Vater Ernst von 1927 bis 1945 das Speiselokal Franziskaner, ein gutbürgerliches Bier- und Weinrestaurant mit bis zu 2 500 Plätzen. Im Zweiten Weltkrieg war das Franziskaner bei einem Bombenangriff am 3. Februar 1945 schwer beschädigt worden, die Keller wurden verschüttet. Nach der Teilung Berlins lag die Fläche größtenteils brach. Seit ein paar Tagen rollen auf dem Areal nun Bagger, um die Baugrube für ein neues Hotel- und Bürohaus mit Geschäften auszuheben.Der Tresor war leerBarthels ist gespannt, was die Bauarbeiter zu Tage fördern. "Den Tresor aus unserem früheren Büro haben sie vor Kurzem rausgeholt", sagt er. "Er war aber leer." Dass in den verschütteten Kellern noch Silber-Besteck aus dem Franziskaner liegt, das im Krieg dort in Sicherheit gebracht worden war, hält Barthels für unwahrscheinlich. "Es ist ja damals so viel geplündert worden. Ich glaube nicht, dass etwas übrig geblieben ist." Den Begriff Silberschatz, der in diesen Tagen für Bestecke, Schüsseln und Platten geprägt wurde, hält er ohnehin für "eine große Erfindung". "Das war Hotel-Silber, nicht echt, sondern Besteck mit einer Silberauflage." Dass in den 40er-Jahren angeblich 25 000 einzelne Teile in die Keller geschafft worden seien, wie manche mutmaßen, könne nicht zutreffen. "Höchstens 2 500 Stück" seien dorthin gebracht worden, sagt er.An das Franziskaner kann sich der Rentner noch gut erinnern. Vom Schnitzel bis zum Hummer habe es zig verschiedene Gerichte gegeben. "Ich habe nach der Schule immer Gulasch gegessen, schon in der Küche", berichtet Barthels. Zur Friedrichstraße verkaufte ein zum Haus gehörender Imbiss belegte Brötchen und Bockwurst. Geöffnet war von elf Uhr vormittags bis zwei Uhr nachts. "Ab 18 Uhr war das Franziskaner immer knüppeldicke voll", so Barthels. Zu den prominenten Besuchern soll auch Schauspieler Charlie Chaplin gehört haben. Nach dem Krieg wollte Ernst Barthels den Lokalbetrieb wieder aufnehmen. Doch dazu kam es nicht. Der Restaurant-Pächter wurde unter dem Vorwand, er solle zum Bezirksamt kommen, um die Gewerbeanmeldung aufleben zu lassen, im September 1945 aus seiner Wohnung in Zehlendorf in den sowjetisch besetzten Ostteil gelockt und dort verhaftet. Dann wurde er nach Sachsenhausen gebracht, wo er zwei Jahre später starb. Erst 1953 habe er von Mitarbeitern des Roten Kreuzes vom Tod seines Vaters erfahren, berichtet Theodor Barthels. Russische Stellen bestätigten den Tod offiziell erst vor wenigen Jahren. 1947 verlor die Familie bei den Enteignungen in der sowjetischen Zone ihr Betriebsvermögen. Sämtliche Anträge auf Entschädigung wurden später abgewiesen, weil es keine Entschädigungen für Enteignungen in der Besatzungszeit gab. Theodor Barthels verdiente seinen Lebensunterhalt nach 1945 zunächst mit einem Fuhrunternehmen, dann mit einer chemischen Reinigung und schließlich als Angestellter einer Glasfirma.Der Liegenschaftsfonds des Landes Berlin verkaufte das alte Franziskaner-Grundstück 2006 an einen Hamburger Investor, der dort jetzt bauen will. Vor einem Problem des alten Franziskaners wird der Neubau in jedem Fall verschont bleiben: vor herunter fliegenden Zigarettenkippen. Im damals nicht überdachten Teil des Franziskaner-Wintergartens neben der S-Bahntrasse kam es zwischenzeitlich nämlich immer wieder vor, dass S-Bahn-Fahrgäste vor der Einfahrt des Zuges in den Bahnhof ihre Zigarettenstummel aus dem Fenster warfen. Manche Kippe landete in der Suppe eines Gastes. Heute ist das Rauchen in der Bahn ja verboten.------------------------------Foto: (3) An der Friedrichstraße befand sich das Franziskaner. Der Sohn des Lokal-Begründers, Theodor Barthels, zeigt eine historische Mappe. Oben: das Besteck.