Am vergangenen Wochenende wurde in Berlin ein Symposion über Popliteratur abgehalten. Im Kreuzberger Archiv der Jugendkulturen diskutierten Literaturwissenschaftler, Soziologen, Journalisten, Lektoren und Popliteraturproduzenten: leidenschaftlich und liebevoll, quellenkundig und methodologisch hoch reflektiert. Es war also ein äußerst ungewöhnliches Symposion über Popliteratur. Noch ungewöhnlicher und erfreulicher war nur der Umstand, dass "Popliteratur" hier entgegen der gegenwärtig verbreiteten, tatsächlich aber ebenso reflexionsfaulen wie kulturhistorisch ungebildeten Weise einmal nicht bloß als Literatur verstanden wurde, in der "Pop" als solcher irgendwie vorkommt oder - schlimmer noch - als bloßes Ermächtigungswort zum Selbstbefindlichkeitsspiegeln, Generationenerfinden oder sonstigem Drauflosschwatzen dient. Die Popliteratur, um die es hier ging, ist als Popliteratur vielmehr selber Pop, insofern sie nämlich erstens populär ist - genau genommen: das älteste, langlebigste und meistgelesene Produkt der deutschen Nachkriegsliteratur - und zweitens seit jeher unter popkulturellen, also kulturindustriell-lohnschreiberhaften Bedingungen produziert wird. Es ging um "Perry Rhodan"."Perry Rhodan" ist eine Serie von Science-Fiction-Heftromanen, die seit dem Jahr 1961 ununterbrochen in wöchentlichen Lieferungen fortgeschrieben wird; gegenwärtig befindet sie sich bei der Heftnummer 2 186. Zweiundvierzig Jahre realer Zeit und weit über dreitausend Jahre im Serienuniversum sind vergangen, seit der titelgebende Weltraummajor bei seinem Mondflug auf außerirdische Besucher stieß. Mit Hilfe der Arkoniden und ihrer überlegenen Technik hat Perry Rhodan die Menschheit seither nicht nur glücklich geeint und vor der atomaren Selbstvernichtung gerettet, sondern - dank eines Zellaktivators ist er inzwischen unsterblich - auch zu den Planeten und Sternen geführt, ihrer "kosmischen Bestimmung" entgegen. Auf jeder neuen Etappe des Wegs ist er neuen außerirdischen Völkern begegnet, neuen Freunden und neuen Gefahren. Auf jeder neuen Etappe wurde aber auch sein Wissen über das Wesen des Universums gemehrt, über die seit Äonen kosmosbestimmenden Kämpfe, in denen er auf ihm selbst schwer durchschaubare Weise mal als Protagonist, mal als Getriebener und als Opfer erscheint.Anders als die meisten anderen Heftromanserien - und das ist, wie der Science-Fiction-Autor Dietmar Dath in seinem Eingangsvortrag erklärte, das Faszinierende und auch literarisch Interessante daran - besteht "Perry Rhodan" nicht aus unverbundenen Einzelromanen, sondern entfaltet seine Geschichte tatsächlich seriell: in der schrittweisen Verschachtelung der einzelnen Episoden wie insbesondere auch in der dauernden Umdeutung dessen, was schon geschah, im Lichte neu erworbenen Wissens. In den immer mächtigeren und immer unbegreiflicheren Wesenheiten, denen die Menschheit auf ihrem Weg durch das Weltall begegnet (Superintelligenzen, Kosmokraten, Materiequellen), erkennt sie alsbald kommende Entwicklungsstufen ihrer selbst: Seit der Begründung der Serie strickt "Perry Rhodan" - wie Dath formulierte - nicht nur an einer geschlossenen Chronologie, sondern an einer eigenen Evolutionstheorie.Das ist so pophaft größenwahnsinnig und selbstüberschätzend, so verblasen und gigantoman, wie es klingt. Es ist aber, wenn man die Hefte über einen längeren Zeitraum verfolgt, auch ausgesprochen aufregend und amüsant - gerade weil das Verblasene und Gigantomane sich seitens der "Perry Rhodan"-Autoren aus allerkonservativster Philologenarbeit, aus disziplinierter Datenpflege und Verwaltung der sich stetig verkomplizierenden intergalaktischen Verwandtschafts- und Machtverhältnisse ergibt. Neben dem Exposé-Redakteur und den zehn wechselnd eingesetzten Romanautoren wacht ein eigener "technischer Redakteur" fortwährend über die triftige Weiterentwicklung der Raumschifftechnik und die Konsistenz der intergalaktischen Genealogien. Seine Leistung schafft wesentlich den Zauber der Serie, wie auch der Germanist Rainer Stache darlegte - leider nur habe "Perry Rhodan" hier schon bessere Zeiten gesehen. Eine neue Generation von Autoren sei in den letzten Jahren ans Ruder gelangt, die das kosmisch Erhabene nur noch unter technischen Gesichtspunkten sehe und als Möglichkeit zum Spektakel. In einzelnen Romanen würden heute so viele Geheimnisse flott und folgenlos ausgestreut und enthüllt, wie sie zu besseren Zeiten in einem ganzen Hundert-Hefte-Zyklus genüsslich ausgekostet worden wären. Stache warnte eindringlich davor, "Perry Rhodan" dem kurzlebigen Effekt, dem Grellheits- und Tempodiktat der "Spaßgesellschaft" zu unterwerfen. Wenn die Serie ihr Existenzrecht behalten wolle, müsse sie sich den langen Atem des kosmologischen Weltenbaus bewahren: "den Willen zur narrativen Nachhaltigkeit".Das nutzlose Wissen der mythischen Science-Fiction erschien bei ihm als schönstes und leider auch letztes Reservat des freien Geistes in einer vollständig zweckrational gewordenen Welt. Staches Kritik war dem Gegenstand kongenial: Zu so viel selbstüberschätzender Selbstüberhöhung traut sich nur der wahrhafte Pop.PABEL MOEWIG VERLAG Wird Perry Rhodan ein Opfer der Spaßgesellschaft? Dass er sich seit einigen Jahren die Haare blondiert, hat viele Leser seiner Abenteuer verstört (hier ein aktualisiertes Porträt).

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