Bitterfeld - Es ist wunderschön in Bitterfeld, der rechtesten Stadt in Deutschland. Der Große Goitzschesee ist nur ein paar Schritte von der Stadtmitte entfernt. Man kann kilometerlang am Ufer entlanggehen, es ist sehr still. Ist das wirklich die gleiche Stadt, über die es zu DDR-Zeiten hieß: „Bitterfeld, Bitterfeld – wo der Dreck vom Himmel fällt“? Der schmutzige Chemie-Standort ist längst Geschichte. Aus der vom Tagebau ausgezehrten Landschaft entstand der künstlich geflutete See, auf dessen Wellen an diesem Tag kleine Boote in der Sonne schaukeln.

Nach etwa zwei Kilometern erreicht man den Pegelturm. 26 Meter hoch ist das schmale Stahlgebilde, das aussieht wie eine sehr hohe Wendeltreppe. An dieser Stelle des Seeufers gibt es einen kleinen Überweg über die Bundesstraße zu einem großen Parkplatz. Hier wartet Volker Olenicak. Der 55-Jährige ist mitverantwortlich dafür, dass Bitterfeld im Rest Deutschlands weniger als ehemalige Chemie-Dreckschleuder oder derzeitiges Ferienparadies wahrgenommen wird, sondern vor allem als rechte Hochburg.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

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Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Bitterfeld

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

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Olenicak ist AfD-Politiker und vor fünf Jahren mit einem Rekordergebnis in den Landtag eingezogen. Er bekam 31,8 Prozent der Wählerstimmen, das ist bundesweiter Rekord. Jetzt macht er wieder Wahlkampf. Mit einem Slogan, der der CDU Angst machen dürfte: „Die neue Mitte“. Das steht auch auf dem Transporter, mit dem Olenicak auf den Parkplatz eingebogen ist. Der Wagen ist auffällig mit dem AfD-Logo bemalt, dem Datum für die Wahl und einem großen Foto vom Kandidaten selbst. Darüber steht „Für unsere Heimat“ auf schwarz-rot-goldenem Grund.

Den Treffpunkt auf dem Parkplatz hat Olenicak vorgeschlagen, damit die Journalistin aus Berlin nicht den ganzen Weg zurück in die Stadt laufen muss. Das passt zu ihm. Er ist ein freundlicher Mann, der auf die Leute zugeht. Auf den Wahlkampfveranstaltungen hält er nur kurze Reden, steht danach lieber am Rand und unterhält sich mit denen, die gekommen sind.

Lena Giovanazzi
Der 55-jährige Volker Olenicak versteht sich und die AfD als „die neue Mitte“.

Im Auto zurück in die Stadt erzählt er, dass er  2013 in die AfD eingetreten ist, nachdem er zwei Monate mit sich gehadert habe. Die AfD Sachsen-Anhalt gilt als einer der rechtesten Landesverbände der Partei, der vor allem dem völkisch nationalistischen rechten Flügel von Björn Höcke nahesteht. Olenicak sagt dazu, dass er sich für Höcke schäme. Das sei auch nur ein Westimport, der viel Wind mache. „Ich habe ihn erst ein-, zweimal getroffen“, sagt er und zuckt die Schultern. Über die Frage, wie radikal er selbst sei, ärgert er sich. „Sie wollen mich mit Ihren Fragen provozieren“, sagt er, und stellt klar, dass voll und ganz hinter dem Wahlprogramm der AfD steht. Der AfD gehe es um den Bürger. Die „Altparteien“ dagegen interessierten sich nur für sich selbst und nicht für die Probleme der ganz normalen Leute.

Rund ein Viertel lebt von Transferleistungen: „Die Leute sind nicht zufrieden“

Einer von diesen ganz normalen Bitterfeldern steht an einer großen Baustelle wenige Meter vom Seeufer entfernt. Er ist seit Januar Rentner und hat Zeit zuzusehen, wie ein Bagger große Mengen von Erde zusammenschiebt.  „Sehen Sie, wie schön das wird?“, fragt er und deutet auf die Kreuzung, die hier gerade entsteht. Die Fahrbahn wird verengt, dafür sollen Bänke aufgestellt und mehr Platz für Grün geschaffen werden. „Ich bin hier in Bitterfeld geboren“, sagt der Mann. Er freut sich darüber, dass die Stadt von Jahr zu Jahr schöner wird. „Das ist kein Vergleich mehr mit dem Dreck, den wir in den 70er-Jahren hier hatten“, sagt er. Dennoch rechnet er damit, dass am Sonntag viele seiner Nachbarn wieder AfD wählen. „Mir geht es gut“, sagt er. Aber das treffe eben längst nicht auf alle zu. „Die Leute sind nicht zufrieden.“

Von den knapp 40.000 Bitterfeldern sind rund ein Viertel von staatlichen Transferleistungen abhängig. Seit der Wende hat sich die Einwohnerzahl quasi halbiert. Dabei kehrt gerade die Solarindustrie nach Bitterfeld zurück. Zehn Jahre nach dem Untergang der Branche siedeln sich neue Firmen an und bringen mittelfristig Tausende Jobs mit. Gut bezahlte Jobs. Doch die Fachkräfte, die das anzieht, leben lieber in Halle oder Leipzig und pendeln. Nach Bitterfeld will keiner. Die Stadt lockt Familien, die hier ein Grundstück kaufen, deshalb jetzt sogar mit Prämien. Aber gebraucht werden Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants. Am Marktplatz heißt das größte Geschäft „MacGeiz“. Es gibt ein paar kleinere Imbisse, das ist alles.

Lena Giovanazzi
Marktplatz in Aken, Landkreis Anhalt-Bitterfeld.

Spricht man mit den Menschen in der Stadt, bekommt man den Eindruck, dass sie vor allem in  Ruhe gelassen werden wollen. So formuliert es jedenfalls eine Frau, die in einem Geschäft an der Walter-Rathenau-Straße sitzt. Sie ist auf einen kurzen Plausch mit der Verkäuferin vorbeigekommen und will, wie alle anderen, die man hier trifft, ihren Namen nicht sagen. Die Angst um die Einnahmen für ihre kleine Werbeagentur habe ihr weniger zugesetzt als Gängelei in der Corona-Krise. „Das hat wirklich genervt“, sagt sie. „Im letzten Jahr hieß es erst, Masken bringen doch gar nichts. Dann waren davon auf einmal so viele da, dass die Regierung gesagt hat, alle müssen sie tragen.“

Die Maskenpflicht als Trick der Regierung, um einen Überbestand loszuwerden – und die Bürger müssen zahlen. So sehen es auch die anderen Frauen im Geschäft. Sie alle tragen keine Maske, weniger aus Protest, sondern, weil man doch sowieso nicht weiß, was jetzt gerade vorgeschrieben ist. Den Medien misstrauen sie ebenso wie den Politikern in Berlin und in Magdeburg. „Die CDU macht nur, was ihr selbst nutzt“, sagt die Frau. Die Grünen wiederum betrieben eine absolut weltfremde Politik. „Ich bin schon für Umweltschutz, aber es muss doch bezahlbar bleiben“, mischt sich eine andere ins Gespräch. Jahr für Jahr verbrauche sie weniger Strom. „Ich schreibe mir das genau auf“, sagt sie. „Aber ich zahle jedes Jahr mehr. Das ist doch nicht gerecht.“ Sie alle finden, dass sich die Politik mehr um die Belange der Bürger kümmern muss. Und das, so die einhellige Meinung in diesem kleinen Geschäft, mache nun mal nur die AfD.

Volker Olenicak sieht das natürlich genauso. Er sitzt jetzt hinter dem Schreibtisch in seinem Bürgerbüro, einen Steinwurf vom Marktplatz entfernt. Er betreibt in der gleichen Straße noch einen Telefonladen. Es waren mal zwei, aber wegen seiner Abgeordnetentätigkeit hat er das Geschäft verkleinert. Zwei Tage in der Woche lädt er zu Sprechstunde. Er steht aber auch mittwochs und freitags mit einem Stand auf dem Marktplatz, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. „Die anderen Herrschaften machen das nur wenn Wahlkampf ist“, sagt er und meint damit die Konkurrenten aus den anderen Parteien.

Volker Olenicak will Landrat werden: „Einer von hier“

Nachdem eine Wahlumfrage die AfD kurzzeitig als stärkste Fraktion noch vor der CDU ermittelt hatte, tauchen auch immer mehr Bundespolitiker im Landtagswahlkampf von Sachsen-Anhalt auf. Der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz besuchte in Halle die Synagoge und den Imbiss, in dem eine Rechtsradikaler im Oktober 2019  zwei Menschen erschossen hat. Und er erzählte, dass er als junger Anwalt Betriebsräte im Osten beraten habe. Die Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock erläuterte vor Anhängern in Magdeburg das Wahlprogramm und lobte die Leistung der Sachsen-Anhaltiner Grünen in der Kenia-Koalition des Landes. Robert Habeck machte das Gleiche auf dem Marktplatz in Wittenberg und musste gegen rechte Sprechchöre ankämpfen. CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff bekam Besuch vom CSU-Amtskollegen Markus Söder aus Bayern und vom Parteivorsitzenden Armin Laschet. Man besuchte Zeitungsredaktionen in Halle und den Tagebau im Süden des Landes.

Nach Bitterfeld kam niemand.

Dafür ist Volker Olenicak da. Und er bleibt es auch. Er will am 6. Juni als Landrat gewählt werden. Slogan: „Einer von hier.“ Für den Landtag kandidiert er nicht mehr, weil sein Wahlkreis weggefallen ist. So etwas passiert immer wieder, wenn sich Einwohnerzahlen verändern, aber Olenicak hält es für keinen Zufall, dass ausgerechnet der stärkste Wahlkreis der AfD aufgelöst wurde. Die Arbeit im Landtag sei absolutes Neuland für ihn gewesen, sagt er. Er ist kein Akademiker, hat keine Verwaltungserfahrung. Bevor er sich selbstständig gemacht hat, hat als Facharbeiter auf dem Bau, in einer Molkerei und später in einer Entsorgungsanlage gearbeitet. Er lebt schon immer in Bitterfeld. Dass er den Landkreis vor fünf Jahren haushoch gewann, war für ihn keine Überraschung.

Lena Giovanazzi
Im Gespräch mit möglichen Wählern: Volker Olenicak (AfD) will am 6. Juni Landrat werden. Gute Chancen hat er.

Nach der Wahl im März 2016 hatte die AfD-Fraktion im Magdeburger Landtag erst einmal mit sich selbst zu tun. Bundesweit erregte die Partei vor allem durch ihren damaligen Fraktionsvorsitzenden André Poggenburg Aufsehen. Wegen seines Führungsstils verließen gleich drei Abgeordnete die Fraktion. Als Poggenburg beim Politischen Aschermittwoch in Richtung der Türkischen Gemeinde von „Kümmelhändlern“ und „Kameltreibern“ sprach, war das Maß voll, er musste zurücktreten. In der Fraktion weinte ihm offenbar niemand eine Träne nach.

Olenicak war nach Ansicht von Beobachtern in den vergangenen fünf Jahren ein eher unauffälliger Abgeordneter. Er selbst will über die will über den Streit in der Partei nicht sprechen. „Man kommt mit den einen besser klar, als mit den anderen“, sagt er nur vage. Ansonsten schwärmt er über seine Arbeit im Petitionsausschuss. Da hätten Fraktionszugehörigkeiten meist gar keine Rolle gespielt. „Es war eine völlig andere Zusammenarbeit, weil es in erster Linie um die Bürger und ihre Anliegen ging.“ Olenicak findet, das sollte immer so sein. Deshalb will er Landrat werden. Ein Landrat für alle Bürger, die wie er finden, dass es mit dem Niedergang des Staates so nicht weitergehen kann.

AfD-Politiker Olenicak: „Ich bin selbst ein Wendegewinner“

„Das geltende Recht wird mit Füßen getreten“, sagt er und rollt mit seinem Schreibtischstuhl etwas weiter auf die Zuhörerin zu. Er meint damit auch das Asylrecht, das seiner Meinung nach nicht mehr richtig angewendet mit. „Tausende sind zu Unrecht hier, aber sie werden nicht abgeschoben“, sagt Olenicak.  „Ich will nicht Trump nachäffen. Also, ich meine nicht, dass es um Deutschland zuerst gehen sollte. Aber es muss schon in erster Linie um unsere eigenen Bürger gehen.“ Gegen Ausländer habe er nichts, aber sie müssten integriert werden. Es soll allen gut gehen, die mit anpacken wollen. Aber eben nur denen.

Auf die Frage, ob er glaube, dass ein Großteil der Hartz-IV-Empfänger seiner Meinung nach das Geld zu Unrecht bekomme, poltert er los: „Sie müssen mal an Ihren Fragen arbeiten.“ Hartz IV sei für jene, die es verdienen, zu wenig. Und für die, die es nicht verdienen, zu viel. Genauer wird es nicht.

Dann erzählt Olenicak davon, dass ihn viele ältere Leute ansprechen, weil sie kein Geld haben und jetzt noch ihre Rente besteuert wird. Es gebe auch viele Menschen in der Region, die Vollzeit arbeiten und dann von 1300, 1400 Euro leben müssen. Das findet er ebenso ungerecht wie die Tatsache, dass die Seniorenbegegnungsstätte dichtgemacht wurde, weil kein Geld da ist. 

Olenicak hat jetzt die Hände in den Schoß gelegt und blickt vor sich hin. Er kommt auf seine Kinder zu sprechen. Die sehen das genauso wie er. Seine Tochter ist vor Jahren nach Australien gegangen, war erst als Rucksacktouristin unterwegs und blieb dann der Liebe wegen hängen. Mittlerweile sind drei Kinder da, von Rückkehr ist nicht mehr die Rede. „Sie ist gegangen, weil sie auch findet, dass Deutschland den Bach runtergeht“, sagt Olenicak. Genauer kann das nicht beschreiben. „Die Unzufriedenheit ist eher so eine Gefühlsnummer“, sagt er. „In der DDR gab es auch Kriminalität, aber keiner hatte Angst, überfallen zu werden. Heute ist das anders.“

Es geht bei alledem auch weniger um die Wirtschaft oder Arbeitslosigkeit. „Ich bin selbst ein Wendegewinner“, sagt er. Den Mauerfall hat er bejubelt. „Ich hab kurz vorher sogar noch meinem Bruder geholfen, in die Prager Botschaft reinzukommen.“ Er selbst wollte nicht weg, weil sein Sohn gerade auf die Welt gekommen war. Olenicak blieb in der Heimat, der Bruder lebt heute mit seiner Familie in der Nähe von Nürnberg.

Im Kreis Anhalt-Bitterfeld ist die AfD eine ganz normale Partei

In diesem Moment geht die Tür auf und ein Mann mit Rucksack kommt er herein. „Ich habe heute keine Sprechstunde und auch keine Zeit für dich“, sagt Olenicak. Der Mann nickt und geht wieder. Der komme sonst gerne einfach mal auf einen Kaffee vorbei, sagt der AfD-Abgeordnete. „Es geht halt auch um Kontakt.“ Da ist er wieder, der freundliche Kümmerer, und man beginnt zu ahnen, warum die Linkspartei im Land bei den Wahlen immer schlechter abschneidet. Viele Menschen haben offenbar eine Alternative gefunden.

Zumindest im Kreis Anhalt-Bitterfeld ist die AfD eine ganz normale Partei. Das merkt man auch bei der abendlichen Diskussionsrunde im Kulturhaus in Wolfen. Nach dem Interview ist Olenicak gleich weiter dorthin gefahren. Er nimmt fünf Minuten später als die anderen Kandidaten auf der Bühne Platz, weil er vor der Halle noch mit ein paar Leuten spricht.

Dann geht es um Fragen, wie man die Ehrenamtlichen im Landkreis besser unterstützen kann und ob die Sportvereine die Plätze weiter unentgeltlich nutzen dürfen. Die Personalchefin einer größeren Firma tritt ans Mikrophon und fragt, was die Kandidaten tun wollen, um mehr Fachkräfte in die Region zu bekommen, auch aus dem Ausland. Zuvor bedankt sie sich aber erst mal für das Engagement der drei Herren und den fairen Wahlkampf, den sie bisher gemacht hätten. Es ist bereits die vierte derartige Diskussionsrunde, immer in einer anderen Ecke des großen Landkreises Anhalt-Bitterfeld. Im Laufe der Diskussion zeigt sich, dass  sich die einzelnen Städte untereinander alles andere als grün sind und der Kreistag ein entsprechend zerstrittenes Gremium ist.

Olenicak verspricht, dass er ein Landrat für alle sein möchte, und bleibt ansonsten eher allgemein. Gegen ihn kandidieren ein CDU-Bürgermeister, der nicht bei allen beliebt zu sein scheint, und ein Landtagsabgeordneter der Linken, der erst nach seiner Wahl überhaupt in den Landkreis ziehen will. Gut möglich, dass Olenicak es mindestens in die Stichwahl schafft. Er selbst wäre auch nicht überrascht, wenn er auf Anhieb gewählt würde, sagt er. Ganz sicher ist er sich aber, was die AfD auf Landesebene betrifft. „Wir werden auf jeden Fall stärkste Fraktion werden“, sagt Olenicak. Dann könne Haseloff die „Koalition der Schande“ auf keinen Fall weiterführen. Die Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen wäre am Ende. Und dann? Olenicak zuckt die Schultern: „Man muss eben miteinander reden.“

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.