Berlin - Von seinem Fenster aus schickt Mustafa jeden Abend mit dem Lichtschalter Signale zum Nachbardorf hinüber. Dort leben seine Frau und die gemeinsamen Kinder. Doch die Familie ist unerreichbar, denn dazwischen steht die gigantische Mauer, die Palästina von Israel trennt. Da sein Pass abgelaufen ist, lässt sich Mustafa auf den Versuch eines illegalen Grenzübertritts ein.

In einem Sammeltaxi voller skurriler Passagiere beginnt eine Odyssee quer durch das Westjordanland. Aus wenigen Metern Entfernung wird eine unendlich erdscheinende Reise, die Mustafa mehr und mehr mit seinen uneingestandenen Lebenslügen konfrontiert.

Regisseur Ameen Nayfeh weiß, wovon er erzählt. Selbst 1988 in der Westbank geboren, ist er mit den Widersprüchen seiner Heimat aufgewachsen. In der Gestalt eines Roadmovies macht er deren absurde, doch sehr reale Gemengelage für sich und uns nachvollziehbar. Sein Spielfilmdebüt „200 Meters“ eröffnet in diesem Jahr das Alfilm Festival Berlin.

Reisen als Metapher

Mit 20 langen und mehreren kurzen Filmen sowie mit Regie-Gesprächen und Diskussionen wird eine der global am stärksten im Umbruch befindlichen Regionen vermessen. Alfilm bietet die Möglichkeit, eine Ahnung von jenem Melting Pot zu erhalten, der gewöhnlich unter dem Sammelbegriff „arabische Welt“ subsummiert wird. Was dort geschieht, hat längst auch unmittelbar mit uns zu tun.

So unterhaltsam wie lehrreich zeigt dies ein Dokumentarfilm aus Deutschland. Florian Kunerts „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“ führt nach Ostsachsen. Im dortigen Neustadt befand sich bis 1990 der Hauptsitz des Kombinats Fortschritt, in dem mehr als 50.000 Beschäftigte Landmaschinen für die DDR und den gesamten Ostblock herstellten. Auch mit dem Nahen Osten bestanden Handelsbeziehungen. Heute sind die Betriebsanlagen verödet. Ausgerechnet in einem der einstigen Wohnheime sind Menschen aus Syrien untergebracht. Mit der Kamera werden einige von ihnen bei einem „Deutsch-Orientierungskurs“ begleitet. Dabei schieben sich DDR-Erinnerungen und die globale Gegenwart immer wieder auf überraschend-kuriose Weise übereinander.

Um das Reisen als übergeordnete Metapher geht es in gleich mehreren Beiträgen. Zu den packendsten Filmen des Festivals gehört „Abou Leila“ des in Paris geborenen Algeriers Amin Sidi-Boumédiené. Hier begeben sich zwei alte Freunde in die Wüste, um dort nach einem legendären Terroristen zu suchen. Die beiden eher tollpatschigen Kopfgeldjäger geraten in einen Strudel aus Albträumen, Gewalt, Korruption und Magie. 

12. ALFILM – Arabisches Filmfestival Berlin: indiekino-club.de, pro Film 4,50 Euro, für Abonnenten der Plattform (5 Euro pro Monat) sind vier Filme inklusive. Start: 21.4.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.