Dublin - Sie waren unbewaffnet, es ging von ihnen keinerlei Gefahr aus. Zu diesem Ergebnis kam in der vergangenen Woche eine Untersuchungskommission unter Vorsitz der Richterin Siobhán Keegan. Sie musste über ein Ereignis urteilen, das bereits vor 50 Jahren stattgefunden hatte. Im August 1971 waren britische Soldaten des Ersten Bataillons des Fallschirmjäger-Regiments drei Tage lang im katholischen Belfaster Stadtteil Ballymurphy Amok gelaufen. Sie erschossen zehn Menschen, darunter einen Pfarrer, der mit einem weißen Tuch wedelte, und eine Mutter von acht Kindern, die sich um einen Verletzten kümmerte.

Die Armee hatte eine Lizenz zum Töten, sagte ein Ex-Soldat vor der Kommission. Es gab damals lediglich eine Scheinuntersuchung, die alsbald eingestellt wurde. Auch jetzt droht den Soldaten keine Gefahr, denn die britische Regierung bereitet zurzeit ein Gesetz vor, das britischen Soldaten eine Amnestie für Verbrechen zusichern soll, die sie in Uniform begangen haben. Hätte man das Massaker von Ballymurphy ernsthaft untersucht, wäre der Blutsonntag von Derry verhindert worden. Dieselben Fallschirmjäger ermordeten fünf Monate später in Nordirlands zweitgrößter Stadt 14 unbewaffnete Menschen.

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Die Irisch-Republikanische Armee (IRA) erhielt danach starken Zulauf, viele junge Männer schlossen sich ihr an. Einen davon traf ich ein paar Jahre später im Felons Social Club auf der Falls Road in West-Belfast. Er hatte sich uns vorgestellt, weil an unserem Tisch noch ein Platz frei war, aber seinen Namen hatte ich schnell wieder vergessen. Er war, genau wie ich, 22 Jahre alt, und er bestellte eine Runde, für die wir uns revanchierten, wie es in Irland üblich ist.

Es war im September 1976. Ich hatte einen Job als Assistenzlehrer für Deutsch in Lisburn südlich der nordirischen Hauptstadt angetreten. Da ich in Belfast wohnte, ging ich öfter in den Felons Club, weil das Bier dort billig war. Ein „Felon“ ist ein Verbrecher, aber das war ironisch gemeint: Die Clubmitglieder waren verurteilte Kämpfer der Irisch-Republikanischen Armee (IRA), Nelson Mandela war Ehrenmitglied. Der junge Mann, der sich an unseren Tisch setzte, hatte drei Jahre wegen Waffenbesitzes im Gefängnis verbracht und war im Frühjahr freigelassen worden.

An den Wochentagen fuhr ich täglich die zehn Meilen lange Strecke nach Lisburn zu meiner Schule. Die Landstraße führte durch die Vororte Finaghy und Dunmurry, vorbei an der Balmoral Furniture Company. Eines Tages im Oktober war von dem Möbelgeschäft nur noch eine Ruine übrig. Die IRA hatte es am Abend zuvor in die Luft gesprengt. Bei dem Anschlag wurde niemand verletzt. Die Polizei war recht schnell zur Stelle, und nach einer Schießerei wurden die vier IRA-Männer verhaftet.

In der Zeitung stand ein Bericht über den Vorfall – mit Fotos der Attentäter. Einen davon erkannte ich sofort. Es war der junge Mann aus dem Felons Club. Sein Name war Bobby Sands. Er und die drei anderen wurden zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt.

Sie kamen ins Gefangenenlager Long Kesh in der Nähe von Lisburn. Im März 1976 war der politische Status für die IRA-Gefangenen abgeschafft worden. So saßen sie nur mit einer Decke bekleidet in ihren Zellen, weil sie die Gefängnisuniform ablehnten. Nach jahrelangem erfolglosem Kampf gegen die Kriminalisierungspolitik griffen die Gefangenen zum letzten Mittel, das ihnen blieb. Sie traten in den Hungerstreik.

Der Frieden scheint gefährdeter denn je

Bobby Sands war der erste. Er starb vor 40 Jahren, am 5. Mai 1981, nach 66-tägigem Hungerstreik. Mehr als 100.000 Menschen nahmen an der Beerdigung auf dem Milltown-Friedhof in Belfast teil. Nachdem neun weitere Hungerstreikende den Sommer über gestorben waren, brachen die Gefangenen ihre Aktion am 3. Oktober 1981 ab. Da Premierministerin Margaret Thatcher ihren Ruf als „eiserne Lady“ gewahrt hatte, zeigte sie sich nun konzessionsbereit. Der politische Status wurde de facto wieder eingeführt.

Sands war am 40. Tag seines Hungerstreiks bei einer Nachwahl ins britische Unterhaus gewählt worden. Ein anderer Hungerstreikender gewann die Wahl zum Dubliner Parlament. Bei Sinn Féin, dem politischen Flügel der IRA, setzte sich die Erkenntnis durch, dass eine politische Strategie neben dem bewaffneten Kampf erfolgversprechend sein könnte. 1986 beschloss ein Parteitag, den Boykott des Dubliner Parlaments aufzugeben und die Sitze einzunehmen. Das Londoner Unterhaus wird bis heute boykottiert.

Danny Morrison, damals Vizepräsident von Sinn Féin, gilt als Erfinder der Doppelstrategie mit der „Wahlurne in einer Hand und dem Gewehr in der anderen“. Er leitete die Wahlkampagne für Sands. „Sands hatte mir Kurzgeschichten und Gedichte aus dem Gefängnis geschickt“, sagt Morrison. „Ich druckte sie in der Sinn-Féin-Zeitung ab.“ Sands schrieb auch die Lieder „Back Home In Derry“ und „McIlhatton“, das eine über die Strafdeportation von Iren nach Australien, das andere über einen Schwarzbrenner. Beide Lieder wurden von der irischen Folk-Legende Christy Moore aufgenommen.

Mary Lou McDonald, die heutige Sinn-Féin-Präsidentin, war zwölf Jahre alt, als Sands starb. „Seine Wahl ins Unterhaus war ein Wendepunkt“, sagt sie, „dadurch wurde nicht nur der Grundstein für die politische Entwicklung von Sinn Féin gelegt, sondern sie bereitete auch den Boden für den Friedensprozess und alles, was danach folgte.“

Heute scheint der Frieden, der am Karfreitag 1998 nach 30 Jahren Krieg und 3500 Toten durch das Belfaster Abkommen besiegelt wurde, mehr gefährdet denn je. Im April lieferten sich protestantische Loyalisten wochenlang Scharmützel mit der Polizei, manche der Angreifer waren nicht älter als zwölf Jahre. Hauptgrund für den Unmut ist das Nordirlandprotokoll des Brexit-Vertrags. Es regelt, dass Nordirland weiterhin Teil des EU-Binnenmarkts bleibt und sich deshalb an die Zollregeln der EU halten muss. Dadurch soll eine harte Grenze in Irland vermieden werden, aber stattdessen wurde eine Zollgrenze zwischen Nordirland und Großbritannien errichtet.

Am 3. Mai war es 100 Jahre her, dass Nordirland gegründet und die Insel geteilt wurde. Damals hat man die Grenze so gezogen, dass die pro-britischen Protestanten eine bequeme Zweidrittelmehrheit hatten und die pro-irischen Katholiken in Schach halten konnten. Diese Mehrheit ist dahin, bei den Wahlen im nächsten Jahr könnte Sinn Féin stärkste Kraft werden, denn der Democratic Unionist Party (DUP), zurzeit noch die größte Partei Nordirlands, laufen die Wähler davon.

Aus lauter Verzweiflung hat die Partei ihrer Chefin Arlene Foster das Misstrauen ausgesprochen, Ende des Monats tritt sie als Parteivorsitzende zurück, Ende Juni gibt sie ihr Amt als First Minister (Erste Ministerin) Nordirlands auf. Ihr Vergehen: Sie hat sich bei der Abstimmung über ein Verbot der Konversionstherapie für Homosexuelle der Stimme enthalten, statt dagegen zu stimmen.

Johnson hat die Unionisten fallen lassen

Zu ihrem Nachfolger wählte die DUP vor acht Tagen den Landwirtschaftsminister Edwin Poots – einen Kreationisten, der die Evolutionstheorie ablehnt und glaubt, dass die Erde vor 6000 Jahren von Gott geschaffen wurde. Er hält auch nichts von der Urknalltheorie. Poots begründet das mit der IRA-Bombenkampagne: Es sei nicht vorstellbar, dass aus einer großen Explosion das Gute dieser Erde entstanden sei. Schließlich habe es viele Explosionen in Nordirland gegeben, aber dabei sei nie etwas Gutes herausgekommen.

Es ist für die anderen Parteien schwierig, mit der DUP ins Regierungsgeschäft zu kommen. Aber das müssen sie, denn im Belfaster Abkommen ist eine Mehrparteienregierung vorgeschrieben. Poots und seine Partei verteufeln Homosexualität, gleichgeschlechtliche Ehe und Abtreibung.

Die DUP hatte als einzige Partei in Nordirland für den Brexit geworben – in der Hoffnung, dass sie dafür mit besonders engen Beziehungen zum Mutterland belohnt würde. Doch der britische Premierminister Boris Johnson hat die Unionisten zugunsten des Brexit-Vertrags mit der EU fallen gelassen. Nordirland ist für englische Politiker weit weg, sie würden die Problem-Provinz gerne auf die irische Regierung abwälzen, auch wenn sie sich nicht trauen, es laut zu sagen.

Vielleicht wird ihr Wunsch in nicht allzu ferner Zukunft erfüllt, denn ob die Rechnung der DUP aufgeht, mit Poots an der Spitze den Stimmenverlust abzuwenden, ist fraglich. Die Stimmen, die man am rechten Rand holt, wird man bei den liberaleren Unionisten an die moderate Alliance Party verlieren. Dann wäre Sinn Féin die stärkste Partei. Könnte Bobby Sands’ Traum von einem vereinigten Irland in einigen Jahren wahr werden?

Sein Hungerstreik inspirierte den Regisseur Steve McQueen, der für „12 Years A Slave“ einen Oscar gewonnen hat, zu dem Spielfilm „Hunger“. Er wurde 2008 in Cannes uraufgeführt und handelt von den letzten sechs Wochen im Leben von Bobby Sands, der im Film von Michael Fassbender gespielt wird. „Kunst kann ein Thermometer sein, um die Temperatur und das Klima zu einem bestimmten Zeitpunkt zu messen“, sagt McQueen. „Sie kann Debatten anstoßen.“

McQueen sagt, die Bilder der Hungerstreikenden haben ihn als Kind beeindruckt. Sands ist längst weit über Irland hinaus zur Legende geworden. Eine Giebelwand auf der Falls Road ziert sein Porträt, gemalt hat es Danny Devenney, ein Freund von Sands, seitdem sie 1973 gemeinsam im Gefängnis saßen und den anderen Gefangenen die irische Sprache beibrachten. „Wir hatten dieselben Interessen“, erzählte mir Devenney in seinem Studio neben einer Boxschule auf der Falls Road. „Wir liebten T-Rex, die Beatles und den Fußballer George Best. So wurden wir Freunde.“

Im Felons Social Club finden heute Konzerte, Pressekonferenzen, Geburtstags-, Hochzeits- und Beerdigungsfeiern statt. Die Zeiten, in denen man aus Angst vor Anschlägen nur nach einer Leibesvisitation hineingelassen wurde, sind vorbei, und die ständigen Razzien der britischen Armee und der Polizei gibt es auch nicht mehr. Das Gebäude, das früher den Methodisten gehörte, ist nur einen Steinwurf vom Milltown-Friedhof entfernt, wo Bobby Sands begraben ist.

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