Berlin - 1962 war „Citizen Kane“ zum ersten Mal regulär in den Kinos der Bundesrepublik zu sehen, mehr als 20 Jahre nach seiner Premiere in New York. Anlässlich des verspäteten Starts verwies Enno Patalas darauf, dass unbefangene Zuschauer den Film für ein zeitgenössisches Werk halten könnten – mischen sich doch in ihm ganz offensichtlich verschiedene Einflüsse der Moderne. 

Gesetzt den (unwahrscheinlichen) Fall, dass damals jemand ohne Kenntnis der Hintergründe in den Kinosaal gekommen wäre, so hätte dieser Besucher „Citizen Kane“ vielleicht als das etwas apologetische Langfilmdebüt eines Studenten empfinden können, der auf besonders schlaue Weise möglichst viele seiner Lieblingsregisseure zitieren wollte. Deutlich ablesbar wären etwa die Spuren von Ingmar Bergman, Michelangelo Antonioni oder Alain Resnais; von Akira Kurosawa einmal ganz abgesehen.

Ein Mensch, der an der Einsamkeit zerbricht

Natürlich wird umgekehrt ein Schuh daraus. Was Orson Welles als 24-jähriger Debütant 1941 geschaffen hat, war seiner Zeit so weit voraus, dass faktisch bis heute seine Innovationspotenziale noch nicht ausgeschöpft wurden. Der polyfone Umgang mit dem Ton, die dynamischen Verknüpfungen von Personen, Orten und Zeiten, die tief gestaffelte Fotografie, nicht zuletzt die multiperspektivische und nicht chronologische Erzählweise machen „Citizen Kane“ zu einer Art Enzyklopädie der Filmsprache, die an Aktualität nichts verloren hat. Und da sprechen wir ja bis jetzt erst einmal nur von der Form!

Die Geschichte um den Selfmademan Charles Foster Kane, dem nahezu alles gelingt und der dann doch an der Einsamkeit zerbricht, besticht noch immer durch Empathie und Komplexität. Als reicher Erbe früh der eigenen Kindheit beraubt, wächst er zu einem Popanz des amerikanischen Traums heran, zu einem alles verschlingenden Monstrum, in dessen Innerem ein leeres Zentrum klafft.

Erfolgreiche Verweigerung

Welles selbst nannte seine Kunstfigur einen „Menschenfresser, der von einer Bank erzogen wurde“. Der Rest ist Legende. Zeitungstycoon Hearst erkannte sich in diesem Spiegel wieder und versuchte mit aller Macht, den Film und seinen Urheber zu vernichten. Welles wiederum trotzte mit der Arroganz der Jugend, ließ sich auf ein Kräftemessen ein. Die Hybris seines von ihm im Film verkörperten Anti-Helden schien eine Gegenübertragung auf ihn selbst zu vollziehen.

Er fasste nie Fuß in Hollywood. Jahrzehntelang nomadisierte er mit einem mobilen Schneidetisch durch europäische Hotelzimmer, bohrte ominöse Finanzierungsquellen beim persischen Schah, in Franco-Spanien oder bei privaten Mäzenen an. War er zuletzt dann vielleicht jener gestrauchelte Titan, von dem er in seinem Erstling in einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung erzählt hatte?

Sein Schaffen beweist das Gegenteil! Nicht nur, weil er trotz aller Widrigkeiten noch einige großartige Werke wie „Othello“ (1952) oder „Der Prozess“ (1962) schuf. Mehr noch steht seine Haltung als gelebtes Beispiel einer erfolgreichen Verweigerung gegenüber den Zugriffen eines sich allmächtig wähnenden Marktes. Und wir können seine Filme sehen. Und staunen.

„Citizen Kane“ ist auf verschiedenen Plattformen zugänglich sowie auf DVD und Blu-Ray erhältlich.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.