Nach fast 20 Jahren in den USA hatte ich gerade beschlossen, nach Deutschland zurückzukehren. Ich hatte meine Eigentumswohnung in Yonkers leergeräumt und war für die letzten Tage bis zu meinem Abflug am 17. September zu einer Freundin nach Brooklyn gezogen, nur zwei Straßen von der berühmten Promenade entfernt – das ist der Ort, von dem man die besten Fotos auf die Twin Towers, das World Trade Center, machen konnte.

Am Morgen des 11. Septembers hatte ich mich mit einer Freundin in Manhattan verabredet. Aber noch war ich zu Hause und schrieb gerade eine E-Mail an meinen Bruder in Berlin, als es plötzlich rumpelte. Ich überlegte, ob ich meinem Bruder schreiben sollte, dass es gerade ein kleines Erdbeben gegeben hatte, entschied mich dann aber dagegen. Ich schickte die E-Mail ab und ging zu meinem damals vierjährigen Sohn, der etwas frühstücken wollte. Wir waren alleine im Haus, meine Freundin und ihr Mann waren schon vor zwei Stunden aus dem Haus gegangen, um ihre Kinder in Schule und Kindergarten zu bringen.

Dann klingelte das Telefon und die Freundin, mit der ich verabredet war, rief an. Ich solle den Fernseher anmachen, es sei gerade ein Flugzeug in das World Trade Tower geflogen. Ich könne nicht nach Manhattan rein kommen. Das verwirrte mich sehr. Warum sollte mich ein Flugzeug – ich hatte ein kleines Sportflugzeug vor Augen – daran hindern, nach Manhattan zu fahren? In den vielen Jahren, in denen ich in Manhattan gewohnt hatte, hatte ich einige Hochhaus-Brände gesehen, aber deswegen muss man ja nicht gleich in Panik verfallen. Ich schaltete den Fernseher ein und sah, wie ein zweites Flugzeug – ein großes Linienflugzeug – in den zweiten Turm krachte. Was war denn da los? Was für eine Erklärung konnte es für zwei solcher Unfälle kurz hintereinander geben?

Ich packte meinen Sohn und trat auf die Straße. Sie war merkwürdig leer. Doch als wir auf die Promenade bogen, sahen wir Hunderte von Menschen. Sie standen alle still oder leise wimmernd an der Reling und schauten über den East River auf die Südspitze von Manhattan. Manchen liefen Tränen übers Gesicht. Brooklyn Hights ist eine Gegend, in der viele Menschen wohnen, die im Financial District arbeiten. Hier standen die Angehörigen von Menschen, die in diesem Moment da drüben unterwegs waren.

Diejenigen, die Handys hatten, versuchten unentwegt, jemanden zu erreichen, der näheres wusste. Ein Kind fragte, ob sein Daddy jetzt nach Hause kommen würde. Ich hatte meine Video-Kamera dabei und machte ein paar Aufnahmen. Ehrlich gesagt kann ich mich nicht erinnern, ob mir damals klar war, dass die Punkte, die man manchmal sah, Menschen waren, die in ihren Tod sprangen. Das ganze war einfach zu unwirklich, zu unglaublich, zu schrecklich. Und dann begann der eine Turm ganz langsam in sich zusammenzusacken. Die Menge stöhnte auf. Da waren keine einzelnen Rufe oder Schreie, es war ein großes, gemeinsames, einstimmiges Stöhnen.

Wenn ich diesen Moment später im Fernsehen sah, erschien mir der Zusammensturz des Turms immer recht schnell zu gehen, doch als ich es live vor Augen sah, dauerte es eine Ewigkeit. Jetzt verstand ich überhaupt nichts mehr. Da ich die Gegend um das World Trade Center gut kannte und auch wusste, wie riesig dieser Turm war, hatte ich keinen Zweifel daran, dass in diesem Moment, nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt, Tausende von Menschen unter unvorstellbaren Schuttmassen begraben worden waren. Es musste eine Explosion gewesen sein.

Die Idee, dass dieses Unglück im Zusammenhang mit den Flugzeugen stand, kam mir nicht. Wie sollten denn die Feuer da oben dazu führen, dass dieses riesige Gebäude in sich zusammenfiel? Ich war mir sicher, dass Raketen eingeschlagen waren. Mit anderen Worten, ich dachte, Manhattan werde angegriffen und ein Krieg sei ausgebrochen. Während um mich herum Menschen entweder fassungslos da standen oder zusammenbrachen, nahm ich meinen Sohn bei der Hand und lief mit ihm zurück in die Wohnung, nur fort von dem Kriegsgeschehen. Glücklicherweise hatte meine Freundin mehrere Fernseher und PBS, der öffentliche Sender, brachte dann den ganzen Tag harmlose Kindersendungen: Barney, The Big Red Dog und Sesame Street.

Währenddessen zippte ich durch die anderen Kanäle, die alle immer wieder die gleichen Bilder brachten und erste Erklärungen lieferten. Ein Terrorangriff. Es gab weitere Flugzeugabstürze. Dann stürzte auch der zweite Turm in sich zusammen. Der Himmel über Manhattan war eine riesige schwarze Rauchwolke. Ansonsten gab es keine Flugzeuge mehr, keinen regulären Flugverkehr, aber Hubschrauber und Kriegsjets düsten über uns hinweg. Später am Vormittag kehrte der Mann meiner Freundin mit einem der Kinder nach Hause. Er hatte eines der Flugzeuge gesehen, als er mit dem Auto gerade über die Brücke fuhr und war dann steckengeblieben.

Wir gingen mit den Kindern auf den nahe gelegenen Spielplatz. Die Kinder rannten und spielten, als sei nichts geschehen, aber die Erwachsenen standen mit starren Gesichtern daneben und wussten nichts mit sich anzufangen. Am Nachmittag kam auch meine Freundin nach Hause mit der größeren Tochter. Für mich stellte sich nun die Frage: Würde ich am 17. September meinen Flug nach Hause antreten können? Aller Flugverkehr war eingestellt worden und die Airline war überhaupt nicht zu erreichen. Wollte ich überhaupt fliegen? Und würde ich so lange hierbleiben wollen?

Die Luft war offensichtlich voller giftiger Dämpfe und Stoffe, da mochten die Behörden auch das Gegenteil versichern. Ich beschloss, mich in einem Reisebüro nach Möglichkeiten zu erkundigen, von hier wegzukommen. Ich ließ meinen Sohn zu Hause bei seinen Freundinnen und ging hinaus. Draußen begegnete ich dann Hunderten und Tausenden von Menschen. Sie kamen in Scharen über die Brooklyn Bridge gelaufen, auf dem Weg nach Hause. Aller öffentlicher Verkehr war lahmgelegt worden, es fuhren weder U-Bahnen noch Busse. Es blieb den Menschen nichts anderes übrig als zu laufen. Merkwürdigerweise war die Stimmung aber fast euphorisch. Die Menschen hatten überlebt, sie waren auf dem Weg nach Hause. Etwas Furchtbares war passiert, aber man war noch am Leben.

Die Cafés und Restaurants waren voll, jeder redete mit jedem, alle fühlten sich verwandt, verbunden, vereint und erzählten sich immer wieder, was sie erlebt hatten. Ich fand ein Reisebüro und erklärte, dass ich unbedingt nach Europa müsste, am liebsten per Schiff. Die Frau, die sich mir annahm, hatte eine brillante Idee. In wenigen Tagen sollte die „Queen Elisabeth II.“ nach England ablegen, sie könnte ja mal nachfragen, ob noch eine Kabine frei wäre. Sie rief im Hauptquartier an und schilderte meinen Fall so, als sei ich persönlich von dem Unglück betroffen. Sie schaffte es tatsächlich, mir eine Kabine für einen wirklich günstigen Preis zu reservieren.

Das Schiff war allerdings nach Boston umgeleitet worden, ich würde am 15. September von Manhattan mit dem Bus nach Boston gebracht werden. Das war mir recht, nur so schnell wie möglich weg von hier, dachte ich damals. Es blieben mir also noch vier Tage. In dieser Zeit bewegten wir uns alle wie Zombies. Die Luft war schlecht, die Düsenjäger machten einem Angst, und niemand konnte so richtig einordnen, was passiert war. Eine Freundin erzählte, dass sie ihre Tochter gerade noch rechtzeitig aus dem Kindergarten im World Trade Center geholt hatte, ehe der Turm zusammenbrach.

Dann erfuhr ich, dass der Anwalt der Käuferin meiner Wohnung sein Büro im World Trade Center gehabt hatte. Das hieß, der Verkauf meiner Wohnung konnte nicht wie geplant stattfinden, denn alle Unterlagen waren verbrannt. Ich musste in die Stadt fahren, um im Büro meines Anwalts, im Empire State Building, eine Vollmacht für ihn zu unterschreiben, damit der Kauf dann irgendwann später einmal ohne mich würde vollzogen werden können. Zu der Zeit fuhren die U-Bahnen wieder, aber die Stadt war wie ausgestorben und mein Anwalt, der sonst immer super professionell war, empfing mich in Jogginghose.

Am 15. September fuhr ich dann mit meinem Sohn und vier Koffern nach Manhattan, traf mich dann doch noch mit der Freundin, mit der ich ursprünglich am 11. September verabredet gewesen war, und stieg in den Bus ein, der uns nach Boston brachte. Es war eine lange Fahrt und das Einchecken dauerte Stunden. Erst gegen Mitternacht fuhr das Schiff ab, begleitet von mehreren Düsenjäger. An Bord des Schiffes waren hauptsächlich Touristen aus Europa, die nach der Überfahrt von England gar nicht erst ausgestiegen waren, sondern gleich wieder zurückfuhren.

Von den regulär gebuchten Passagieren kam kaum jemand an Bord. Es waren nur sehr wenige Kinder an Bord, vielleicht fünf oder sechs. Eine andere Mutter mit Kind erzählte, sie hatte die Überfahrt genau wie ich ganz spontan gebucht, allerdings hatte sie das Dreifache gezahlt von dem, was ich bezahlen musste. Wir waren froh, dass der Kinderclub jeden Tag geöffnet war, denn wir brauchten noch eine ganze Weile, um all das zu verarbeiten, was wir erlebt hatten. Am 22. September kam ich endlich in Deutschland an. 

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