PARTEI-Kandidatin Annie Tarrach: Hinter den derben Witzen weiche Kerne

Mit Annie Tarrach will die PARTEI ins Berliner Abgeordnetenhaus. Die Chancen stehen so gut, dass Martin Sonneborn manchmal sogar vergisst, Witze zu reißen.

Annie Tarrach
Annie TarrachDie Partei/Collage: Berliner Zeitung

Berlin-Letztes Jahr wollte Annie Tarrach von Die Partei Oberbürgermeisterin von Essen werden, dieses Jahr will sie das Rote Rathaus erobern. Im Ruhrpott errang die 28 Jahre alte Frau aus dem Stand 2,43 Prozent der Stimmen. Damit schlug sie zumindest den Kandidaten der Freien Demokraten. In Berlin (wo es vor fünf Jahren sogar nur 2 Prozent waren) muss die spaßige Partei ihre Werte mehr als verdoppeln, um die Fünfprozenthürde zu überspringen. So ernst ist es der Truppe um Übervater Martin Sonneborn, dass Tweets plötzlich klingen, als könnten sie von einer ganz normalen politischen Organisation stammen. Im Februar schrieb er als Reaktion auf eine Umfrage des RBB, in der die Partei nicht separat ausgewiesen worden war: „7 Prozent ‚ANDERE‘, mehr als die Spaßpartei FDP. In der letzten Umfrage lag Die PARTEI in Berlin bei 6 Prozent. Finden Sie das eigentlich noch seriös. @rbb24“.

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Der Einzug der grau-roten (so die Farbe der Anzüge und Krawatten) wäre aber nicht nur für Tarrach und ihre Leute ein Erfolg, sondern auch ein Problem für die Konkurrenz – zumindest, wenn es um Koalitionen geht. Denn wenn Parteien es nicht über die Fünfprozenthürde schaffen, fallen deren Anteile aus der Berechnung für eine Mehrheit heraus.

Der Sieg der Partei bedeutet Probleme für den Rest

Beispiel: Wenn 8 Prozent auf Sonstige fallen (und sie kein Direktmandat erringen), liegt die absolute Mehrheit im Abgeordnetenhaus plötzlich bei 42 Prozent plus statt bei 50 Prozent. Ohne die Partei im Abgeordnetenhaus wären Zweierkoalitionen vielleicht möglich, mit ihr ziemlich sicher nicht.

Und mit den Erfolgen beziehungsweise den ernsthaften Einzugschancen sind auch die Themen der Partei-Politiker ernster geworden. Ja, sie fordern noch den Wiederabriss des Berliner Stadtschlosses und bauten am 13. August ein Stück Berliner Mauer wieder auf. Aber schon 2019 hatte man im Europawahlkampf der Rettungsorganisation Sea Watch den Wahlwerbespot überlassen. Dort wurde gezeigt, wie lange es dauert, bis ein Mensch ertrinkt. Dieses Jahr überlassen sie einen Werbespot zur Bundestagswahl der Mission Lifeline. Menschen erzählen dort von ihrer Flucht über das Meer und die Todesangst dabei.

Der humoristische Imperativ weicht immer häufiger dem moralischen

Und bei einer Wahlveranstaltung auf dem Oranienplatz räumten Sonneborn, Tarrach und Co. der Aktion „Dein Plakat für unsere Zukunft“ viel Raum ein. Parteivertreter hielten Plakate vor sich, die auf die Untätigkeit der politischen Konkurrenz in Klimafragen aufmerksam machen sollen. Das fand zwar auch weiterhin mit Witz statt, „Klimaforscher konsequent abschieben“, war dort unter dem müde lächelnden Konterfei von Alice Weidel zu lesen, aber gerade die Medienvertreter sollten sich mit den Initiatoren der Plakatkampagnen, die außerhalb der Partei stehen, unterhalten. Der humoristische Imperativ macht an allen Ecken und Enden Platz für den moralischen.

Auch Annie Tarrachs eigener Alltag ist nicht vornehmlich von Spaß geprägt. Im Hauptberuf arbeitet die geborene Essenerin als Therapeutische Erziehungsassistentin. Dabei geht es oft um Kinder, die Gewalt erfahren haben und vom Staat in Obhut – also aus der Obhut ihrer Eltern – genommen werden. „Sofortige Aufnahme und Gewährleistung des Kinderschutzes und stabilisierende Rituale und Abläufe“ oder „Ermöglichung individueller Kontaktgestaltungen der Familien “ nennt sich das.

Systemsprenger als Berufsalltag

Dahinter verbergen sich sehr oft harte Schicksale. Missbrauch und Drogenmissbrauch sind keine Seltenheit bei solchen Familien. Tarrach sagt, man könne sich das vorstellen wie in dem Film „Systemsprenger“. So wie es dem neunjährigen blonden Mädchen Benni im Film ergeht, erleben es auch vielen ihrer Patienten. Das kann dann leicht zu 15-Stunden-Tagen für Tarrach führen.

Dennoch sieht sie die derbe satirische Arbeit und groben Witze in der Partei nicht als Ausgleich einer seelisch belastenden Tätigkeit im Alltag. Zur Partei ist ist sie lange vorher gekommen. Als sie zwölf Jahre alt war, habe sie Partei-Chef Martin Sonneborn im Fernsehen gesehen. Den fand sie „einfach klasse“.

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