U-Bahnhof Kurt-Schumacher-Platz – Fliegen als Flucht

Lange Zeit war die U6 meine Startrampe in den Urlaub, in die Erholung, in die Endlich-raus-aus-Berlin-Wochen des Jahres. In rund 25 Minuten brachte sie mich meiner Erholungsdestination näher, vorher durchfuhr sie die immer unschöner werdenden Stadtteile von Mitte über Wedding bis zum Reinickendorfer Kurt-Schumacher-Platz. Hier musste ich in den Bus steigen, um zum Flughafen Tegel zu gelangen, und hier war erst mal Schluss mit Urlaubsfeeling und Vorfreude.

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Am 19./20. Juni 2021 im Blatt: 
Wie Tag und Nacht: Warum der Gleisdreieckpark abends zur Gefahrenzone wird. Die große Reportage

Street-Style Berlin: die Kreuzberger Oranienstraße ist ein Showroom für Tattoos. Wir haben uns umgeschaut

Der Abgeordnete Marcel Luthe von den Freien Wählern fühlt sich als Berlins Politiker-Sheriff. Was treibt ihn an?

Die Springer-Medien sagen, Carolin Emcke sei antisemitisch. Wir sagen: Das ist hysterisch. Außerdem: die großen Food-Seiten. Unser Kritiker hat sich das Restaurant Borchardt angeschaut und findet es überschätzt

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Hatte ich meine Rollkoffer über zu schmale Treppchen und durch zu enge Gänge gewuchtet, reihte ich mich vor dem U-Bahnhof ein, um mit den anderen Wartenden so schnell wie möglich in den Flughafenbus zu steigen: Bonjour Tristesse! Eine Viertelstunde Wartezeit am Kurt-Schumacher-Platz war so ziemlich das Letzte, was man noch einmal erleben wollte, bevor man am Flughafen eincheckte.

Der Platz, im Volksmund angeblich voller Zuneigung „Kutschi“ genannt, ist eine lieblos gestaltete Betonplatte, an deren Kante die Menschen sehnlichst der Ankunft öffentlicher Verkehrsmittel entgegenbibbern. Im Winter blasen Wind und Regen hart und eisig über die Platte, Möglichkeiten zum Unterstand gibt es kaum. Im Sommer versengt einem die Sonne das Gesicht, Schatten sucht man vergebens. Um einen herum brettert der Verkehr, der Platz ist einer der befahrensten Verkehrsknotenpunkte in Reinickendorf und von seiner Architektur her ein klassisches West-Berliner Verbrechen an der Menschlichkeit. Abweisend, trist, grau.

Unterbrochen wurde der Verkehrslärm bis vor kurzem nur vom Donnern und Kreischen der Maschinen im Anflug auf den Airport und vom Gebrüll betrunkener Mitmenschen, die sich schon früh um halb neun in den Fressbuden des Platzes einen hinter die Binde kippten: wohl um sich auch zügig die Umgebung schönzutrinken. Der Blick auf die andere Straßenseite macht’s nicht besser: Ein Einkaufszentrum mit dem vermutlich sarkastisch gemeinten Namen „Der Clou“ lockt mit dem immer gleichen Mall-Sortiment aus Elektrofachhandel, Billigmode-Ketten, Optikern, Handybuden und liebloser Systemgastronomie. War man schon urlaubsreif, so verdiente man sich die Ferien mit einem Kurzaufenthalt am „Kutschi“ so richtig. Marcus Weingärtner

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Im Volksmund angeblich liebevoll „Kutschi“ genannt: Der Kurt-Schumacher-Platz in Reinickendorf und der gleichnamige U-Bahnhof sind ein Graus.

U-Bahnhof Rosenthaler Platz: Albtraum in Orange

Für einige U-Bahnhöfe wünscht man sich Fenster. Ganz viele und große. Nicht, damit der Innenraum besser zu sehen ist. Gott bewahre, nein. Wegen der Möglichkeit zum Stoßlüften. Auch die U8-Station Rosenthaler Platz gehört dazu. Betritt man die BVG-Katakombe unvorsichtig schnell, bremst einen sofort eine üble Duftwolke aus Alk, Urin und nicht identifizierbarem Muff, die sich beißend in der Nase verwirbelt. Schnell die Maske auf! Hier ist man wirklich dankbar für den neuen Gesichtstrend.

Man könnte fast meinen, dass sich daraus auch der rätselhafte Stilwechsel in den vier Eingangsbereichen erklärt. Dass nämlich der Gestank die Fliesenleger in die Ohnmacht trieb und sie deswegen ihr Werk nicht vollenden konnten. Entlang der Treppen nach unten begrüßen den willigen U-Bahn-Fahrer so zunächst rechteckige Fliesen in Leberwurst-Rosa, die dann unvermittelt von den quadratischen Originalfliesen in hitzigem Orange abgelöst werden. Der Kenner weiß natürlich, dass dieser historische Untergrundhalt des überaus verdienstvollen Architekten Alfred Grenander während der deutschen Teilung stillgelegt war – und die Ausgänge nach dem Mauerfall hastig präpariert wurden, um den Geisterbahnhof schnell wieder nutzbar zu machen. Aber das ist über 30 Jahre her. Just saying.

Auch wenn Normalos von der brachialen Situation schnell überfordert sind, die Bahnhofsbewohner leben ihren orange-verkachelten Traum. Nicht gestaltungsorientiert, aber hedonistisch. In kleinen Grüppchen lachen und lallen sie sich hier im Untergrund unbehelligt durch den Tag. Immer ein Schnäpschen zur Hand oder ein Kippchen im Mund. Ja, man kann es so sagen: Dieser U-Bahnhof ist ihr Wohnzimmer. Und alle paar Minuten kommt ein Fahrer und abends wird vom Personal feucht durchgewischt. Was will man mehr?

Die meisten Fahrgäste jedoch wären sicher froh, wenn man hier mal wieder renovieren würde. Oder besser gleich komplett entkernen und einmal neu fliesen bitte. Denkmalschutz hin oder her, dieses Orange erträgt ja auf Dauer kein Mensch. Sabine Röthig

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Die Farbgebung wie eine Ohrfeige: Der U-Bahnhof Rosenthaler Platz im schauderhaftesten Orange.

Zur Hölle fahren in der Schönleinstraße

In der Chronologie der Sinne, falls man freiwillig in diese Hölle hinabsteigt, kommt das Riechen vor dem Sehen. Also erst riecht man den U-Bahnhof Schönleinstraße, wo laut übereinstimmenden Medienberichten eben „höllische Zustände“ herrschen. Und dann sieht man – am besten zu, dass man schnell wieder wegkommt. Einsteigen, bitte! Zurückbleiben, bitte!

Sonst droht womöglich das, was besorgte Bürger in Google-Bewertungen schreiben: „Jeden Morgen habe ich mich wie bei the walking dead gefühlt, einfach nur ekelhaft.“ Oder: „Die habe Ganz Schlechtes Ott und Wurde mal Beinahe Abgestochen sehr Verjunkter bahnhof Wallah nie wieder kauf ich da ott.“ In der Serie „The Walking Dead“ wollen Zombies Menschen fressen. Und „Ott“ ist Türkisch für Gras.

Steigen wir daher lieber hinauf in den Himmel, wo seit 1864 ein gewisser Johann Lukas Schönlein wohnen muss. Der Mann war schließlich Arzt, bevor er zur Belohnung für seine Tuberkuloseforschung als Namensgeber für einen U-Bahnhof herhalten musste, wo man eine Serie über kiffende Menschenfresserzombies drehen könnte.

Schönlein hatte jedenfalls Sinn für Humor. Und das wussten seine Studenten spätestens dann, als er ihnen im Fach „Gründlichkeit, Selbstverleugnung und scharfe Beobachtungsgabe“ eine Urinprobe zur näheren Untersuchung überließ und hinterher sagte: „Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Gründlichkeit und Selbstverleugnung. Leider fehlt es Ihnen aber noch sehr an richtiger Beobachtungsgabe, sonst hätten Sie bemerkt, dass ich meinen Ringfinger in das Harnglas tauchte, aber den Mittelfinger ableckte.“ Merke: In der Chronologie der Sinne, falls man aus wissenschaftlichen Gründen eine Urinprüfung vornehmen muss, kommt Sehen vor Riechen vor Schmecken.

Und jetzt doch noch mal kurz unter die Erde, wo 6,7 Meter unter dem Kottbusser Damm die Streckengleise verlaufen. Wo ein „Tatort“ spielte, in dem zwei Jugendliche einen Mann attackierten. Wo in der Realität die Kleidung eines schlafenden Obdachlosen angezündet wurde. Und wo es früher mal einen Blumenladen gab, der zumindest auf der Zwischenebene die Sinne erfreute oder wenigstens ein Zwischenluftholen möglich machte. Und heute? Werden angeblich 15 Millionen Sanierungseuro verbaut. Irgendwann wird es auch einen Aufzug geben. Dann können alle endlich mal zur Hölle fahren. Paul Linke

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Lasst alle Hoffnung fahren: Der U-Bahnhof Schönleinstraße

U-Bahnhof des Grauens: Yorckstraße

Den U-Bahnhof Yorckstraße muss man in seinem ganzen architektonischen Kontext betrachten, um dessen Bizarrerie voll zu verstehen. Denn die Haltestelle der U-Bahn-Linie 7 ist eingebettet in ein Dickicht von Rätseln: Die S-Bahn-Station Yorckstraße ist über zwei Irrwege zu erreichen; einer führt über die vierspurige Yorckstraße, der andere an einer Pissecke von Betrunkenen vorbei. Um von der Kreuzberger Seite aus zum U-Bahnhof zu gelangen, muss man die Yorckbrücken durchqueren, die zwar vor kurzem renoviert wurden, aber aufgrund ihrer tunnelartigen Dichte besonders nachts für ein mulmiges Gefühl sorgen.

Eigentlich verwunderlich, dass das Areal um den U-Bahnhof Yorckstraße so selten in Fernsehkrimis beziehungsweise ARD-„Tatorten“ vorkommt, denn das Setting ist zum Gruseln. Wenn man nachts den Gang unter den Yorckbrücken an Werbung und Graffiti vorbei überstanden hat, gerät man in einen U-Bahnhof, der selbst für Berliner Verhältnisse überraschend heruntergekommen wirkt. Die Wände: fliesenfrei. Die Decke: an ein Tropfsteinhöhlengemäuer gemahnend. Die Kioske: meistens geschlossen. Der Geruch: so beißend wie in einer Bahnhofstoilette. Der Boden: voll mit Spucke und unidentifizierbaren Substanzen. Die Automaten: beschmiert. Ja, im Grunde fehlt nur noch ein Robert-De-Niro-Verschnitt, der wie in den 80er-Jahren aus einer dunklen Ecke kommt, um sich über die Kaputtheit der Stadt aufzuregen und anschließend kräftig aufzuräumen.

Die BVG hat sich lange nicht um den Bahnhof gekümmert, doch irgendwann haben auch die Mir-doch-egal-Leute in der Konzernzentrale eingesehen, dass ein vollgepisster, verwahrloster Bahnhof inmitten der Stadt vielleicht nicht das beste Aushängeschild für eine moderne Metropole ist. Daher wird seit September 2019 gebaut, so wie man es in Berlin eben kennt: lange, zäh, ohne verlässlichen Abschlusstermin. Die anfänglichen Planungen für den Eingangsbereich gingen bei der Fertigstellung vom Frühjahr 2021 aus, jetzt heißt es „Spätsommer 2021“. Weitere Bauarbeiten sind im Herbst geplant. Die Erneuerung der Fliesen und die Instandsetzung des ganzen Bahnhofs könnte noch viele Jahre in Anspruch nehmen, da die Arbeit so kleinteilig ist, nur nachts gebaut werden darf und die historische Bausubstanz derart sensibel ist (datiert ist die Kompletteröffnung für das Jahr 2023). Die BVG verspricht einen Bahnhof in neuem Glanz: frische Fliesen, neue Rolltreppen, alles voll schön. Wir werden sehen. Tomasz Kurianowicz

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Eigentlich verwunderlich, dass das Areal um den U-Bahnhof Yorckstraße so selten in Fernsehkrimis beziehungsweise ARD-„Tatorten“ vorkommt, denn das Setting ist zum Gruseln.

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