Einkaufszentrum Alexa: Reißt endlich dieses Monster ab!

Es ist nicht das größte Einkaufszentrum der Stadt, aber sicherlich das hässlichste. In der Farbe eines abklingenden Hämatoms thront das Alexa gleich hinter dem namensgebenden Alexanderplatz und verschandelt die süd-östliche Perspektive auf das Gekonnteste. In coronafreien Zeiten strömen monatlich über eine Million Besucher in die Mall und dürfen sich glücklich schätzen, denn wer einmal drin ist, der muss den monströsen Kasten immerhin nicht mehr von außen sehen.

Auf fünf Etagen dominiert durchgefärbter Beton. Die Fassadengestaltung soll an das Art déco erinnern, erinnert aber eher an ein beerenfarbenes Parkhaus mit integriertem Pharaonengrab, eine unverschämte Scheußlichkeit, für die sich selbst der Architekt bei der Eröffnung entschuldigte. Die ersten Entwürfe seien schlichter gewesen, nicht von so „einer schreienden Fernwirkung“, so Oliver Roser. Ähnlich entsetzt war man zuletzt bei der Fertigstellung des Bürogebäudes am Spreedreieck, dessen Gotham-City-hafte Wucht den wunderbaren Bahnhof Friedrichstraße zu erschlagen scheint. Auf den Entwürfen habe das irgendwie anders ausgesehen, so der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit. Zitat: Die Außengestaltung sei „keine Liebe auf den ersten Blick. Aber das kann sich noch entwickeln“.

Das Gebäude habe den Charme einer Zahnarztpraxis und sein Anblick sei jedes Mal aufs Neue ein Schock, maulte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, also selbst beheimatet in einer Stadt, die nicht arm ist an architektonischen Schockern.

Besser kann man es jedenfalls kaum sagen, und seit seiner Eröffnung vor bald 15 Jahren sorgt auch das Alexa bei jedem Passanten, jedem Besucher, jeder Besucherin mit einem Funken Rest-Ästhetik für tränenreiche Zusammenbrüche. Wie kann so etwas passieren? Viele Städte leisten sich architektonische Fehlgriffe, aber in Berlin wird man das Gefühl nicht los, dass diese Missgriffe Methode haben. So eine Art sadistische Lust an der systematischen „Entschönigung“ einer Stadt, die ohnehin nicht sehr reich an visuellem Stil ist. Wenig Pracht, viel Preußen.

Fast verzweifelt wirkte der Versuch, mit dem Alexa eine Art Tempel des Konsums zu gestalten, der allein aufgrund seiner architektonischen Strahlkraft dazu einladen soll, das Geld mit vollen Händen aus den nicht vorhandenen Mall-Fenstern zu werfen. Nun, das ist gehörig misslungen, wer es zum ersten Mal sieht, der vergleicht es mit einem Faustschlag ins Gesicht, daran ändert auch ein goldenes Vordach nichts, im Gegenteil, Stichwort: Grabmalarchitektur. Selbst bei strahlendem Sonnenschein also ist man froh, endlich drin zu sein, da geht’s dann, innen ist das Center von der Führung des Konsumentenstroms sogar recht gelungen. Eine geschwungene Hauptmeile und mit Brücken verbundene Ebenen verleihen dem Ganzen gar ein wenig südländischen Flair, etwas Verspieltes, das im krassen Gegensatz zu der abweisenden und farblich komplett misslungenen Fassade steht. Sprengmeister, an die Arbeit! (Marcus Weingärtner)

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.

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Niemand braucht den Fernsehturm!

Nicht nur wir finden einige Gebäude doof. Wir haben die Komikerin, Schriftstellerin und Twitter-Influencerin Ilona Hartmann, geboren 1990 in Stuttgart, gefragt. Die Wahlberlinerin hat eine (zugegeben für uns als Redaktion nicht ganz unkontroverse) Antwort geschickt. Wir veröffentlichen sie in aller Härte.

Es ist nicht so, dass ich gerne Regeln breche, provoziere oder irgendjemanden verärgern will, aber ich habe eine Weile nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass der Fernsehturm weg kann. Ich habe mich irgendwie daran sattgesehen. So nach einem Pandemie-Jahr aus verschiedenen Richtungen drumherum- und draufzulaufen fällt einem das ja dann schon auf, also dass der wirklich sehr prominent ist und die Netzhaut beginnt, sich bei seinem Anblick zu langweilen.

Ja, ja, aber das Restaurant! Ganz ehrlich, wenn ich mich langsam im Kreis drehen will, schaue ich mir mein Leben seit März 2020 an. Klar, Wahrzeichen schön und gut, aber man muss auch mal mit der Zeit gehen, mal was Modernes wagen. Fernsehen tut eh niemand mehr, warum leistet man sich also gleich einen ganzen Turm dafür? Und das mitten in der Stadt? Den Ort könnte man wahrlich besser nutzen, das ist meine Meinung.

Hier meine Vorschläge für einen würdigen Nachfolger: eine 368 Meter hohe Fahnenstange, deren Ende blinkt, wenn es mal wieder erreicht ist (Befürchtung: das dauerhafte Leuchtsignal sorgt im Flugverkehr für Verwirrung). Oder ein sehr hohes Shoppingcenter. Ich muss ehrlich sagen, im Alexa fehlt mir zum Beispiel ein Subway und vielleicht noch ein, zwei Geschäfte mehr, um Geschenke für Verwandte zu kaufen, die ich nicht kenne und auch nicht mag.

Das größte Manko des Alexa ist aber nach wie vor der fehlende Springbrunnen. Fehlt mir einfach, das Plätschern, der organisch-modrige Geruch. Das könnte man alles richtig am Fernsehturm schön auf elf, zwölf Stockwerken hochziehen und dann so vertikal mit Wasserwänden arbeiten. Das ist bestimmt nach Corona auch noch gut für die Atemwege. Denn wenn schon Aerosole, dann bitte mit einer Extraportion Feuchtigkeit.

Kunst wäre natürlich auch gut. Was aus Beton und Metall, vielleicht noch mit kritischer Komponente zum Thema geteilter Geschichte Berlins. Bisschen Hydraulik, damit es nicht ganz so langweilig wird beim Zugucken. Und eventuell mit angebundener Gastronomie und Eventbereich, das ist einfach auch nett, wenn man da nicht nur gucken und nachdenken, sondern auch noch, sagen wir mal salopp, trotz Kunst das Leben genießen kann. Ah, Moment, das ist ja dann wieder der Fernsehturm. Ich muss sagen, das haben sich womöglich Profis ausgedacht.

Also am Ende doch einfach ein 5-G-Mast. Davon haben alle was, entweder Befürchtungen wegen der Strahlung. Oder halt schnelles Internet. Und ein_e Autor_in kann sich in einer künftigen Ausgabe an genau dieser Stelle darüber echauffieren. Stichwort: Nachhaltig investieren! Win-win. So geht Bank heute. Wir sind ein Berlin! (Ilona Hartmann)

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.

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Ein stilistisches Verbrechen: Das Meininger Hotel Berlin Central Station am Berliner Hauptbahnhof

Wer das erste Mal den Berliner Hauptbahnhof Richtung Spreeseite verlässt, wird von einem rotzig dahingeworfenen Kasten begrüßt, der wie ein architektonisch inszenierter ausgestreckter Mittelfinger wirkt. Die Botschaft: „Fick dich, Besucher! Du bist halt in Berlin!“ Gemeint ist das hostelartige Billighotel Meininger mit einer aktuellen Google-Durchschnittsbewertung von überraschend soliden 3,7 von 5 Punkten.

Der weiße Kastenbau, der jeder DDR-Platte die wahren Standards der Hässlichkeit lehrt, ist an Ideen- und Fantasielosigkeit kaum zu überbieten. Durch ein rechtlich undurchsichtiges Vergabe- und Verkaufsverfahren ist es den Besitzern im Chaos der 2000er-Jahre gelungen, einen städtebaulichen Furz zu setzen, der den teils fatalen architektonischen Zustand von Berlins Mitte symbolisiert.

Die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher musste sich 2011 vor der Presse für die architektonische Schandtat verantworten und offen zugeben, dass sie das bauliche Schreckgespenst leider nicht verhindern konnte. Denn: „Der Käufer hat streng nach Bauordnung gebaut. Nicht zu hoch, nicht zu breit und so, dass es die Umgebung nicht verunstaltet.“

Der Begriff „verunstaltete Umgebung“ ist natürlich interpretationsbedürftig (und anscheinend nicht justiziabel genug). Es wäre also an der Zeit, aus Fehlern zu lernen und eine modernere Bauordnung einzuführen, die Architektur im Zentrum der Stadt nicht nur nach Minimalschäden, Zweckmäßigkeit und den Standards einer Tüv-geprüften Bohrmaschine bemisst, sondern sich stärker mit stilistischen Qualitäten auseinandersetz. In Zürich ist das schon lange der Fall. Berlin hingegen braucht eine neue Phase der Abrissbirnenromantik. (Tomasz Kurianowicz)

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.

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