Berlin - Eine Kitaleiterin versucht, verzweifelten Eltern die neuen Regeln für die Notbetreuung zu erklären. Ein Schuldirektor muss seine Lehrer ohne Impfung in den Unterricht schicken. Eine Kosmetikerin darf zwar Kunden empfangen, aber kaum jemand kommt. Und der Amtsarzt von Mitte fürchtet, dass die Inzidenz schon bald bis 1000 steigen könnte. Berlin in der dritten Welle. Nach über einem Jahr Corona-Pandemie ist ein Wust aus Regeln und Auflagen entstanden, den kaum noch jemand überblicken kann – und der die Menschen vor unlösbare Aufgaben stellt. Vier Stimmungsberichte. 

Die Kitaleiterin

Morgens geht es jetzt wieder rund am Eingang der Kita „Sonnenkäfer“ in Pankow. „Die Diskussionen haben wieder zugenommen“, sagt Katja Nerlich, die die Kita leitet. Wenn Nerlich über diese Diskussionen redet, hat man den Eindruck, dass man an ihnen den Stand der Pandemie ablesen könnte wie an den steigenden Infektionszahlen oder der Schärfe in den Mahnungen von Karl Lauterbach.

Seit Donnerstag befinden sich die Berliner Kitas wieder im Modus der Notbetreuung. Es sollen wieder weniger Kinder kommen, je weniger, desto besser, auch in den „Sonnenkäfer“.

225 Kinder sind im „Sonnenkäfer“ angemeldet. Jetzt sollen wieder nur noch diejenigen betreut werden, deren Eltern unbedingt arbeiten müssen. „Die Eltern erklären mir aber alle, dass sie unbedingt arbeiten müssen“, sagt Katja Nerlich. Alle haben sehr wichtige Jobs. Nerlich weiß das inzwischen und will es nicht wieder und wieder hören. Aber was soll sie den verzweifelten Eltern entgegnen? Wem die Betreuung der Kinder verwehren?

Es klingt, als erwartete der Senat, dass Frauen wie Katja Nerlich die dritte Welle an den Kitatoren aufhalten. Nerlich sagt, sie könne nicht mehr.

Foto: Berliner Zeitung/Paulsu Ponizak
Katja Nerlich vor der Kita „Sonnenkäfer“.

„Uns in der Kita lassen sie jetzt auflaufen“, sagt sie am Montag vor Ostern. Im großen Garten der Kita lärmen die Kinder. Wie viele gerade da sind? „Alle sind da“, sagt Nerlich. Die Infektionszahlen steigen zwar längst wieder, aber in der Kita gilt noch der Modus, der seit der Pandemie „Regelbetrieb“ heißt. Sie verstehe die Eltern ja, sagt Nerlich, die Erschöpfung nach mehr als einem Jahr. Alle seien am Limit. 

Die Kita hat gerade ein neues Schreiben erhalten, die „36. Trägerinformation“ seit Pandemiebeginn. Nerlich liest vor, dass Kinder „mit Erkältungssymptomatik“ nicht mehr kommen dürfen, es sei denn, die Eltern geben mit dem Kind ein negatives Schnelltestergebnis ab. Bisher gab es in der Kita zum Glück nur einen einzigen Corona-Fall, bei dem es zu keiner Ansteckung kam. Exponentielles Wachstum hingegen gibt es bei den Formularen, Aushängen und Listen. 

Katja Nerlich legt einen dicken roten Ordner auf den Besprechungstisch in ihrem Büro. Sie blättert durch Anwesenheitslisten, auszufüllen per Hand, mit Uhrzeiten, Kindernamen, Gruppe. Die seien noch zu ertragen gewesen, obwohl sie ohnehin täglich erfassen, wer da ist. Sie zeigt die Formulare, in die Eltern eintragen, wie hoch der „Betreuungsbedarf“ für ihr Kind für die jeweils kommende Woche ist.

Das Management der Senatsverwaltung hat sich weiterentwickelt seit dem ersten Lockdown. Leider in die falsche Richtung.

Katja Nerlich, Kitaleiterin

Die Zettel der Arbeitgeber der Eltern, die Beweisstücke zu den morgendlichen Diskussionen, sind anderswo abgelegt. Zuletzt sollten Schnelltestbescheinigungen für Kinder mit Schnupfnase hinzukommen, aber daraus wurde nichts, weil Kitakinder in Schnelltestzentren nicht untersucht werden. Nerlich bittet die Eltern jetzt, einen Test mitzubringen und ihre verschnupften Kinder selbst vor Ort zu testen.

Das Management der Senatsverwaltung entwickle sich weiter seit dem ersten Lockdown, sagt Katja Nerlich. „Leider in die falsche Richtung.“ 

Die erste Welle im Frühjahr 2020: In der ersten Woche sei kein einziges Kind da gewesen, erzählt sie. Dann kamen fünf, alle Eltern arbeiteten „im medizinischen Bereich“. Es gab eine erste Liste systemrelevanter Berufe, sie sei übersichtlich gewesen, nur wenn beide Eltern einen solchen Beruf ausübten, durften die Kinder kommen.

Die zweite Welle im Winter sei dann so verlaufen: Notbetreuung ab Mitte Dezember. Die Liste der systemrelevanten Berufe umfasste jetzt 30 Seiten, es reichte, dass ein Elternteil draufstand.

Nerlichs Stellvertreterin ruft in das Gespräch, dass es einfacher gewesen wäre aufzulisten, wer in Berlin nicht systemrelevant ist. Die Kita sollte außerdem Kinder von Alleinerziehenden aufnehmen und Kinder mit erhöhtem Sprachförderbedarf. Nerlich verlor die Lust am Diskutieren. Von 225 Kindern kamen 163.

Der Senat hatte allerdings festgelegt, dass jede Kita nicht mehr als 60 Prozent der Kinder, die sonst kommen würden, betreuen darf. Sonst wäre es schließlich keine Notbetreuung. 163 Kinder waren 72 Prozent. Nerlich erhielt deshalb ein weiteres Formular, einen Fragebogen, auf dem sie unter anderem angeben sollte, ob sie mit den Eltern über Nachbarschaftshilfe gesprochen habe. „Einfach nur sinnlose Arbeit“, sagt sie. Als sie den Bogen zurückmailte, sei das Postfach der Frau bei der Senatsverwaltung voll gewesen. An der Zahl der Kinder, die kamen, änderte sich nicht viel.

Dann war kurz wieder Regelbetrieb. Katja Nerlich schickte eine Kollegin zu einem Kurs über das Abnehmen von Schnelltests und richtete einen gut durchlüfteten Raum als Teststation ein. Sie organisierte Impfeinladungen für die Beschäftigten, machte zwei Sammeltermine für ihre Mannschaft aus, Ende April ist der erste Termin. 

Die Liste der systemrelevanten Berufe ist mittlerweile auf 31 Seiten angewachsen. Die Kita soll auch die Kinder, die bald in die Schule kommen, in die Notbetreuung aufnehmen. Bisher gibt es keine Vorgabe, wie viel Prozent diesmal kommen dürfen. 

Der Schulleiter

Der Raum 1.5.03 in der Ernst-Litfaß-Schule in Wittenau ist gerade erst neu eingerichtet und schon ein Museum der Pandemie. Der Raum ist hell und groß, an der Wand hängt ein Blatt Papier, auf das ein neonrotes Herz gemalt ist, darüber die Bitte, sich die Hände zu desinfizieren. Ein leuchtendes Herz, nach 13 Monaten Pandemie, während draußen der Ton rau geworden ist,  niemand mehr davon redet, dass man gemeinsam durchhalten müsse. Nur noch Frust, die dritte Welle, die Mutanten, das Impfchaos.

In Raum 1.5.03 hängen gelbe und blaue Schutzkittel an den Schränken, und für einen Moment kann man sich vorstellen, dass es nur Regencapes sind. Wären da nicht die bunten Infoblätter und die Corona-Testkits auf den Tischen.

Raum 1.5.03 ist das Schnelltestzentrum der Ernst-Litfaß-Schule. Mike Förster, der Schulleiter, hat es einrichten lassen, als es im März endlich Tests für die Berliner Schulen gab. Vier seiner Kollegen machten einen Kurs beim Deutschen Roten Kreuz und durften danach in der Mittagspause als Ersatzmediziner tätig werden. Es lief gut an, 44 Tests in der Woche vor den Osterferien. Dann lief es wieder aus.

„Ab 12. April darf nicht mehr in der Schule getestet werden“, sagt Förster. Er kann nicht sagen, warum, aber das ist sein Stand. Sein Stand ist in diesem Moment, zwei Tage vor Ferienbeginn, auch, dass in den Osterferien sämtliche Lehrerinnen und Lehrer seiner Schule, die das möchten, geimpft werden. „Wenn das durch ist, entspannt sich die Situation“, sagt Förster.

Zwei Wochen später erzählt er am Telefon, dass daraus nichts geworden ist. Er selbst sei auf dem Weg zum Impfzentrum in Tempelhof gewesen, als die Nachricht eines Kollegen auf seinem Handy eintraf, der eine Stunde vor Förster einen Termin hatte. Man habe ihm gerade die Tür vor der Nase zugemacht, schrieb der Kollege. Sämtliche Impfungen mit Astrazeneca seien gestoppt. Förster fuhr trotzdem nach Tempelhof. Er habe eine Weile am Eingangstor gestanden und die Kollegen beobachtet. Geimpft wurde niemand mehr.

Später erfuhr Förster, dass Lehrer an weiterführenden Schulen, die in der Impfreihenfolge aufgerückt waren, wieder zurückfielen.

„Für uns ein riesiges Problem“, sagt er. Die Litfaß-Schule ist ein Oberstufenzentrum für Mediengestaltung und Medientechnologie. Weiterführend also. Es gibt 960 Schüler, die jüngsten sind 15, die meisten um die 20. Das Virus ist für Jugendliche und junge Erwachsene genauso ansteckend wie für ältere Erwachsene, die Jungen geben es auch genauso gut weiter. Es gibt 85 Lehrkräfte. „Darunter sind viele, die vorerkrankt sind“, sagt Förster. Denen soll er jetzt sagen, dass sie mitten in der dritten Welle ohne Impfung vor die Schüler sollen?

Die Infos aus der Verwaltung sind für unsere Schulform leider sehr unkonkret.

Mike Förster, Schulleiter

Mike Förster sagt, dass seit Beginn der Pandemie etwa ein Drittel seiner Arbeitszeit und der seiner Stellvertreterin dafür draufgehen, die Lage zu managen. Sie haben Hygienekonzepte erstellt, sich um OP- und FFP2-Masken bemüht, Schnelltests für Lehrer und Selbsttests für Schüler empfangen, die Tests in kleine Tüten umpacken lassen und verteilt, den Unterricht mehrfach umgestellt. Präsenzunterricht, Onlineunterricht. Sie haben Unterschriftenlisten und Einverständniserklärungen gesammelt, Mails und Meldungen an die Senatsverwaltung abgesetzt. Täglich, wöchentlich. Welche Klasse wird wie beschult? Wie viele Tests wurden ausgegeben? Wie viele Schüler sind in Quarantäne?

Wo bleiben die ganzen Daten, interessieren die eigentlich jemanden? Diese Fragen bleiben in Försters Büro vor dem geöffneten Fenster in der Luft hängen und verwehen.

Am Freitag schreibt Förster eine SMS: Die Schulleitung habe sich für nach den Ferien ein „Mischverfahren“ aus Wechselunterricht und Onlineunterricht ausgedacht. Es ist ihr eigener Plan. „Die Infos aus der Verwaltung sind leider sehr unkonkret“, schreibt er, was seine Schulform betrifft.

Die Kleinunternehmerin

Manchmal geht Anna Arndt zum Telefon und nimmt den Hörer ab, um zu prüfen, ob es noch funktioniert. „Es ruft einfach niemand an“, sagt sie. Früher, da klingelte es ständig, riefen Kunden an: Haben Sie noch einen freien Termin, am besten heute gleich? Jetzt steht das Telefon still. Und Anna Arndt wartet. Auf Kunden, auf den nächsten Lockdown, darauf, dass das alles endlich mal ein Ende hat.

Anna Arndt betreibt ein Kosmetikinstitut in Mitte. Seit einem Monat hat sie wieder geöffnet. Für sie gilt Paragraf 18, Abschnitt 1 der neuesten Infektionsschutzmaßnahmenverordnung des Senats: Dienstleistungen im Bereich der Körperpflege, dazu gehören auch Tätowierer, Sonnenstudios und Massagepraxen. Sie trägt immer Maske, Kontaktlisten führt sie schon seit dem ersten Lockdown, statt frischgebrühtem Tee serviert sie ihren Kunden nur noch Mineralwasser aus Plastikflaschen, jeden, der zu ihr kommt, schickt sie als Erstes zum Händewaschen. Ihr ist das unangenehm, sagt sie, als wären ihre Kunden kleine Kinder. Aber das seien nun mal die Regeln. Also hält sie sich dran.

Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Anna Arndt in ihrem Kosmetikinstitut „BeautySpa“.

Seit sie am 8. März wieder aufgemacht hat, ist alles noch komplizierter geworden. Weil neu hinzugekommen ist, dass sich ihre Kunden am Tag einer Behandlung testen lassen müssen, in einem Testzentrum. Sie könnten auch einen Selbsttest unten auf der Straße machen, bevor sie das Institut betreten. Aber das will Anna Arndt niemandem zumuten. Wer zu ihr komme, wolle nicht bloß falsche Wimpern und Nägel aufgeklebt bekommen. Eine Stunde Gesichtsbehandlung mit Lymphmassage und Schröpfen kostet bei ihr 85 Euro. Das ist nicht günstig. „Wer zu uns kommt, soll danach rausschweben.“ Ein Test auf dem Bürgersteig sei dafür kein guter Start.

Es ist nicht leicht, ein Stück Normalität mitten in der Pandemie zu schaffen. „Es ist ein ständiger Spagat“, sagt Anna Arndt.

Da sind die Kunden, die einen Termin wollen, von denen sie aber weiß, dass sie Risikopatienten sind, die sie also vertröstet: Sie kommen bitte erst, wenn sie geimpft sind. Da sind die Kunden, die empört sind, wenn sie erfahren, dass sie sich testen lassen müssen, und schimpfen: Das geht zu weit, das tue ich mir nicht an! Und da sind die, die sich testen lassen wollen, dann aber keinen Termin im Testzentrum bekommen und kurzfristig wieder absagen. Erst gestern hatte sie so einen Fall, erzählt sie.

Anna Arndt ist 65 Jahre alt, eine Frau mit silbergrauem kurzen Haar und wachen Augen, die glitzernde Schnürsenkel in ihren Turnschuhen trägt. Das Kosmetikinstitut Beauty Spa liegt im sechsten Stock eines hippen Hotels in der Weinmeisterstraße. Die Räume waren ein Hotelzimmer, bevor Anna Arndt daraus zusammen mit ihrer Tochter eine kleines Refugium machte. Das Institut hat einen winziger Eingangsbereich, darin Regale, in denen Tiegel mit Naturkosmetik aufgereiht stehen: Peeling mit Heublumen und Aprikosenkernen, Serum aus Brennnessel und Rosmarin. Links und rechts ein Behandlungszimmer, die Wände sind in Anthrazit gestrichen, dazu dunkles Parkett und blütenweiße Handtücher, feinsäuberlich zusammengerollt. In der Ecke steht eine Klangschale aus Messing.

Durch das Fenster, das sie jetzt immer geöffnet haben, zusätzlich zu den beiden Frischluftanlagen, die Anna Arndt schon nach dem ersten Lockdown einbauen ließ, dringen leise die Geräusche der Straße. Ansonsten ist es ruhig. Das Hotel, erzählt Anna Arndt, ist normalerweise voller junger Leute, die nach Berlin kommen, um die Stadt zu erobern, die Clubs, die Museen. Jetzt ist der Gang draußen verwaist, Muff liegt in der Luft, weil das Leben fehlt, das alles in Bewegung hält. „Am Anfang war es richtig gespenstisch“, sagt Anna Arndt. „Jetzt habe ich mich daran gewöhnt.“

Im ersten Lockdown bekam sie die Soforthilfe, schnell und unkompliziert ging das, erzählt sie. Sie sei zum ersten Mal im Leben richtig froh gewesen, in Deutschland zu leben, wo alles so gut funktioniert. Ihre drei Mitarbeiterinnen schickte sie in Kurzarbeit. Die Kunden kauften Gutscheine und kamen, sobald es wieder möglich war. „Für viele war der Besuch hier wie ein Ersatz für den Urlaub, den sie nicht machen konnten“, sagt Anna Arndt. „Sich mal einen halben Tag nur um sein Wohlbefinden kümmern, Zeit für sich haben, berührt werden.“ All das also, was in der Isolation, zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung, verloren gegangen war.

Es bringt nichts, sich Gedanken über morgen zu machen, wenn ich nicht mal weiß, was heute ist.

Anna Arndt, Kosmetikerin

Dann kam der zweite Lockdown, wieder bekam Anna Arndt schnell Geld vom Staat, aber mittlerweile war ihr klar, dass sie damit gerade mal ihre Kosten decken konnte. Für sich selbst beantragte sie Grundsicherung, der Antrag wurde abgelehnt, sie solle erst mal ihre private Rentenversicherung aufbrauchen. Darüber hat sie sich dann richtig geärgert. Die Hilfen kommen ihr immer mehr vor wie ein Beruhigungsmittel, das niemandem richtig hilft.

Jetzt darf sie also geöffnet haben, aber die Infektionszahlen steigen und die Kunden kommen nicht. An diesem Tag hat sie keinen einzigen Termin, am folgenden auch nicht. Sie sei aber nicht der Typ, der in Panik verfällt. „Es bringt ja nichts, sich Gedanken über morgen zu machen“, sagt sie, „wenn ich nicht mal weiß, was heute ist.“

Der Amtsarzt

Lukas Murajda öffnet die Tür, die zu einer kleinen Terrasse führt, so weit, wie es geht, und überlegt einen Moment. Kalte Aprilluft strömt in den Flur des Gebäudes in der Turmstraße, in dem das Gesundheitsamt Mitte, das Murajda leitet, seit der Pandemie vier Etagen belegt. Der Geruch der neuen Räume mischt sich mit dem des Berliner Regens. Der Abstand zwischen den Stühlen, direkt vor der Tür platziert, beträgt vielleicht anderthalb Meter. Murajda sagt, dass die FFP2-Masken aufgesetzt bleiben müssen während des Interviews.

Die ansteckendere Virus-Variante, B.1.1.7, die dritte Welle, die längst durch die Stadt rollt, ohne dass die Stadt das bisher wirklich zur Kenntnis nehmen will. Hier im Amt ist allen die Lage klar.

Murajda kommt aus einer Besprechung mit seinem Pandemiestab, die sich bis in den frühen Abend gezogen hat. Draußen sind die Läden geöffnet, die Straßen voll, die Busse, die Bahnen, selbst in den Ferien. Wenig erinnert an den Beginn der Pandemie, als viele ängstlich zu Hause ausharrten.

Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Amtsarzt Lukas Murajda im Gesundheitsamt Mitte.

Wie schlimm ist es denn jetzt wirklich? Wenn Murajda die Frage ärgert, lässt er es sich nicht anmerken. „Ich bin überzeugt, dass es richtig explodiert“, sagt er. Er könne sich sogar eine Sieben-Tage-Inzidenz von bis zu 1000 vorstellen.

Er zieht Blätter aus einer Klarsichthülle, tippt auf Grafiken, die zeigen, wie schnell die Fallzahlen steigen, die Intensivbetten sich füllen. Eine Tabelle gibt mit blauen und roten Kästchen an, in welchen Altersgruppen gerade besonders viele Menschen an Covid-19 erkranken.

Murajda deutet auf eine tiefrote Zone unten rechts. „Das ist das Problem“, sagt er: Die Kinder werden jetzt krank und die Eltern der Kinder, Menschen zwischen fünf und 45. Allein an diesem Tag seien ihm 15 Virusausbrüche an Kitas gemeldet worden. Vor den Ferien habe es auch viele Ausbrüche an Schulen gegeben. Darüber hinaus sei das Geschehen diffus, das Virus also eigentlich überall. Und inzwischen haben sie es fast immer mit der Mutante zu tun. „Vor zwei Wochen lag ihr Anteil bei 80 Prozent, dann habe ich aufgehört zu schauen.“

Aber liegt die Inzidenz an diesem Tag nicht bei nur 120 in Berlin?

Nur 120? Murajda sagt, die Frage erinnere ihn an den Frosch, der badet, während jemand die Wassertemperatur heraufdreht, wovon der Frosch sich nicht stören lässt. Bis das Wasser kocht. „Wir sollten es das Frosch-Syndrom nennen.“

Wir brauchen einen rasanten Lockdown.

Lukas Murajda, Amtsarzt von Mitte

Die Inzidenz sollte erst nicht über 35 steigen, dann nicht über 50, dann nicht über 100, mit Maßnahmen sollte das abgesichert werden. Die Zahlen und die Maßnahmen wurden nach und nach verworfen.

„Wir bräuchten einen rasanten Lockdown“, sagt Murajda. Am besten: alles zu. Vielleicht sogar: echte Ausgangssperren. 21 Tage die Gesellschaft wirklich herunterfahren. Und dann alles öffnen. Die Leute wüssten dann, wofür sich die Anstrengung lohnt. Alles, was derzeit geschehe, sei unausgegoren. „Wir schließen nicht richtig und wir öffnen nicht richtig“, sagt Murajda.

Illustration: Hanna Murajda
Berlin in der dritten Welle.

Die Fallzahlen müssten runter, und zwar schnell. Dann kämen seine Mitarbeiter wieder hinterher. 43 Leute kümmern sich im Gesundheitsamt Mitte um die Kontaktnachverfolgung, die sind verteilt in neun Teams, im Moment bekommt jedes Team morgens etwa 40 neue Fälle auf den Tisch. Jeder Fall ist eine Person, die per PCR positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurde. Die Fälle sind nach Alter sortiert, die Eltern der jüngsten Kinder werden als Erste informiert, dass die Kinder und sie in Quarantäne müssen. So wie alle anderen Kontaktpersonen, die von den Infizierten selbst darüber zu informieren sind. Die Mitarbeiter des Amts bitten außerdem um eine Liste der Kontakte, die auch in Quarantäne sind. 

Seine Leute seien gut, sie seien dreimal so effektiv wie vor einem Jahr, sagt Murajda. Aber mehr sei beim besten Willen nicht mehr zu schaffen.

Er würde gern alle Menschen im Umfeld einer infizierten Person per PCR testen lassen, nach Clustern fahnden, er würde gern jeden, der in Quarantäne ist, zu Beginn, nach sieben Tagen und nach 14 Tagen testen lassen. Lukas Murajda, der Epidemiologe ist, würde gern echte Pandemiebekämpfung machen. Man könnte die Phasen zwischen den Wellen ausdehnen, die Pausen verlängern, bis endlich genug Menschen geimpft sind und die Pandemie endet.

„Es ist alles politisch geworden“, sagt Murajda an diesem Abend noch. Vor der Terassentür ist es dunkel geworden. Der Amtsarzt, der die Dinge gern ausführlich erklärt, schweigt diesem Satz hinterher.

Hinweis: In einer früheren Version war die Rede davon, dass im Gesundheitsamt Mitte jeder der 43 Mitarbeiter zur Kontaktverfolgung vierzig Fälle pro Tag auf den Tisch bekommt. Das haben wir korrigiert. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.