Berlin - Berlin verändert sich. Um uns herum passiert eine der größten Transformationen, die diese Stadt in den vergangenen 30 Jahren erlebt hat. Die Pandemie ist ein, aber nicht der einzige Antreiber dieses Wandels. Was wir beobachten, auch publizistisch, ist eine Verschiebung von Ordnungen: Machtverhältnisse ändern sich, Generationskonflikte brechen auf, bisher ungehörte Minderheiten erheben ihre Stimme, während Autoritäten ihre Macht verlieren.

Das bewegt auch die Menschen in Berlin. Wir, die Redaktion der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung, wollen diese Veränderung nicht nur begleiten, sondern aktiv mitgestalten. Unsere neue Wochenendausgabe atmet den Geist des Aufbruchs, der Transformation. Wir wollen überraschend und streitbar sein. Und: Wir wollen hinhören und hinschauen – auch, wenn Gegenwind kommt.

Nicht auf alle Fragen gibt es Antworten

Jedes Wochenende wollen wir die Hauptstadt in ihrer Vielfalt, in ihren Kontrasten und, ja, auch in ihrer Schönheit zeigen. Die erste Ausgabe haben wir ganz bewusst einem Thema gewidmet, das nicht nur die Gesellschaft draußen, sondern auch die Redaktion der Berliner Zeitung intensiv beschäftigt hat: das Thema Transgender. Die Autorinnen und Autoren der Berliner Zeitung haben darüber gestritten, in welcher Form sich der Wandel – in diesem Fall: der Wandel von Geschlechterverständnissen –  journalistisch abbilden lässt.

FOTO: ASHKAN SAHIHI
Das Cover der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 27. März 2021

Klar, ein Kommentar zu einem Genderstern ist schnell geschrieben und keiner Kontroverse wert. Aber wie sieht es mit einer Glosse zum Transsexuellengesetz aus? Welcher ethischen Sorgfaltspflicht sollten sich Autoren verpflichtet fühlen, wenn sie über derart sensible Themen schreiben wie eine mögliche Gesetzesreform, die das Recht zur eigenen Geschlechtsbestimmung definiert? Sie dürfen mir glauben: In unserem Haus wurde viel gestritten. Nicht auf alle Fragen gibt es Antworten. Nicht jeder Streit kann sich in Wohlgefallen auflösen.

Unsere Autorinnen und Autoren hören hin

Und dennoch: Als neuer Leiter der Wochenendausgabe bin ich überzeugt, dass nur der angstfreie Austausch, die Beschäftigung mit Themen, die auf den ersten Blick fremd, unangenehm oder kontrovers erscheinen, dazu beitragen kann, die Wirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen. Nur so kann sich eine Gesellschaft, die sich zunehmend polarisiert, wieder annähern und vielleicht sogar ein Stück weit verständigen.

Für einen Journalisten heißt das übersetzt: Stimmen zum Sprechen bringen, die man in der eigenen Filterbubble nicht hört. Sich mit Positionen konfrontieren, mit denen man nicht einverstanden ist. Oder auch: Sich mit Problemen beschäftigen, die man nicht teilt, aber kennen muss, um über sie urteilen zu können. Beim Thema Transgender gilt dies ganz besonders: erst hinhören, dann urteilen. Unsere Autoren Hanno Hauenstein und Sören Kittel haben hingehört. Sie haben sich mit zwei Jungen beschäftigt, die als Mädchen zur Welt gekommen sind.

Jake und Yannik erzählen davon, wie sie sich ihres eigentlichen Geschlechts bewusst wurden – einmal in Berlin und einmal in New York. Wie haben sich deren Eltern, Freunde, Verwandte gefühlt? Wie haben die Schulen, die Verwaltung, das Umfeld reagiert? Unser Themenspezial beantwortet auf weiteren Seiten auch jene Fragen, die man sich nicht immer zu stellen traut. Wie etwa: Wie funktioniert eine Geschlechtsangleichung rein praktisch, also medizinisch? Und wie funktioniert der Sex danach? 

Die Unfähigkeit der Telekom

Ich hoffe, dass unsere Reportagen und Berichte – auch jene zu anderen und weiteren Themen – dazu beitragen, dass sich manche Angst in Luft auflöst und vielleicht sogar in Neugier, Empathie oder Verständnis wandelt. Neugier ist das richtige Stichwort. Sie hat ebenfalls mit Hinhören zu tun. In dieser Ausgabe findet sich ein Aufschlag, der auch den Ton für unsere weitere Arbeit setzen soll: eine Analyse von Katharina Brienne und Maximilian Both über die Unfähigkeit der Telekom, Deutschland mit schnellem Internet zu versorgen.

Während das Staatsunternehmen in der Magdeburger Börde naturbelassenen Boden aufreißt und im Schneckentempo Kabel verlegt, schießt der Milliardär Elon Musk Satelliten ins All, die schon bald den ganzen Erdkreis mit schnellstem Internet verbinden werden. Wie kann es sein, dass sich eine der reichsten Nationen unfähig zeigt, den technischen Anforderungen des digitalen Wandels zu stellen? Warum glaubt man manchmal, gerade im Corona-Jahr und inbesondere in Berlin, in einem darbenden Entwicklungsland zu leben?

Hinhören, nachfragen, kritisch sein

Kritisches Nachfragen ist aber nicht alles, was unsere Wochenendausgabe leistet. Das Wichtigste ist: der Spaß. Wir zeigen, dass wir die Stadt verstehen. Deshalb gibt es einen ausgeweiteten Food-Teil und einen Bereich mit Kultur-Tipps für all das, was uns inspiriert. Für die Grafiken und Illustrationen zeichnet unsere Art Direktorin Stephanie Scholz verantwortlich, die mit Mut und Überraschungslust für großartige visuelle Akzente sorgt.

Ja, man kann es sehen und spüren: Wir erfinden uns neu. Und mal ehrlich: Kann es eine bessere Stadt dafür geben als Berlin? Schon immer war die Hauptstadt der ideale Platz für Wandel und Transformation. Wir wollen diese inspirierende Kraft nutzen und: hinhören, nachfragen, kritisch sein. Werden Sie Teil dieses Wandels und begleiten Sie uns auf diesem Weg.

Viel Freude beim Lesen!

Ihr

Tomasz Kurianowicz 

Editor in Chief der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung.

E-Mails an: tomasz.kurianowicz@berliner-zeitung.de

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.