Paris - „In Marokko gehe ich auf Märkte und suche nach gefälschten Designersachen, die ich dann kaufe. Dann suche ich nach Einheimischen und frage sie, ob ich sie damit fotografieren kann. Ich bezahle sie dafür, und sie ziehen die Sachen für das Foto-Shoot an“, sagt Julien Boudet.

Wir sitzen im Café La Perle im Pariser Stadtteil Marais. Boudet trägt eine Motorradjacke mit kunstvoll applizierten Logos und Schriftzügen. Sie türmen sich in mehreren Schichten auf dem stabilen Leder. Wenn man sie anfasst, kommt man sich vor wie ein Baby, das die Welt durch tasten entdeckt. Die Jacke wirkt sehr teuer. Anerkennendes Nicken. Boudet freut sich fast kindlich über jedes Lob. Der in Südfrankreich geborene Fotograf erzählt gerade, wie er während der pandemischen Auftragsflaute in entlegene Gebiete reiste, um sich eigenen Projekten zu widmen. Ja, trotz Lockdown sei das irgendwie gegangen, sagt er. Zum Beispiel mit der Fähre, die immer noch von der südfranzösischen Küste nach Marokko fuhr.

Sabine Roethig
Julien Boudet in einer Yamaha-Motorradjacke auf seiner BMW GS in Paris.

Normalerweise fotografiert Boudet für die Mode- und Luxusindustrie, darunter viele große Namen. Als Corona im Frühjahr 2020 die Welt binnen ein paar Tagen stillstehen ließ, hielt er sich gerade in Frankreich auf. Zu dem Zeitpunkt lebte er eigentlich in New York. Als abzusehen war, dass bald kaum noch Flüge zurück gehen würden, entschied er sich, in der Heimat zu bleiben. Nach ein paar Monaten gab er seine New Yorker Wohnung auf, seine Freunde brachten seine Sachen in ein Lager.

Louis Vuitton vom Schwarzmarkt

Nun also begann der sonst gut gebuchte Fotograf im pandemischen Leerlauf, die eigene künstlerische Vision umzusetzen, mit ebenjenen Symbolen seiner sonstigen Auftraggeber: den Initialen von Louis Vuitton oder dem Doppel-G von Gucci, dem Burberry-Check, Nike-Swoosh oder Lacoste-Krokodil.

Jedoch sind es vor allem die Fälschungen, die billigen Repliken, die Boudet reizen. „Fakes sind ein übermächtiges, weltumspannendes System. Auf der ganzen Welt kaufen sich unzählige Menschen, die sich die Originale nicht leisten können, diese Sachen auf Märkten“, sagt er. „Ich habe das als Teenager auch gemacht, ich hatte eine kleine Fake-Louis-Vuitton-Tasche. Es macht dich trotzdem glücklich, auch wenn es eine Fälschung ist.“

Boudet lächelt. Er ist ein Mann, der sich zwischen den Welten bewegt, das merkt man auch an seinen Fotos. Sie sind nicht zynisch oder gar kritisch. Vielmehr illustrieren sie eine Facette des Luxuskonsums, dessen System inzwischen so komplex ist, dass man ein unbekanntes Label erst mal googeln muss, bevor man es kauft. Ein bekanntes Logo hingegen schenkt gewissermaßen epische Sicherheit. So vermitteln seine Fotos die Macht der Marken. Und wie ihre Logos als Schlüssel zu bestimmten Lebenswelten und Subkulturen fungieren, egal ob gefälscht oder nicht.

Julien Boudet
Unecht: Louis-Vuitton-Eimer und -Kisten in Marokko. Boudet kaufte sie auf einem Markt. Vier Stück davon behielt er – weil sie nicht ins Gepäck passten, schickte er sie mit FedEx zu sich Hause nach Paris.
Julien Boudet
Echt: Louis-Vuitton-Taschen in Paris. Ein Foto, das in Zusammenarbeit mit der Pariser Luxusmarke entstand.

Oder doch nicht egal? Auf den Fotos hat nämlich der Fake die eigentliche Kraft, weil er vom Schwarzmarkt kommt und komplett eigenständig ist. Also losgelöst von den Luxuskonzernen, die dabei ja nicht mitverdienen. Zumindest nicht in erster Linie, denn hinsichtlich der Markenidentität erfahren sie eine Stärkung in Richtung subkultureller Authentizität. Klar.

Haben Fälschungen die größere Macht?

„Luxusmarken wie Gucci eignen sich die Fake-Kultur inzwischen ja selbst an“, sagt Boudet. „Von denen gab es vor etwa einem Jahr eine Capsule-Kollektion mit Taschen, auf denen groß FAKE stand.“ Und andersherum, erzählt er weiter, habe er „die Logos von Chanel, Gucci, Louis Vuitton oder das Burberry-Muster aufgedruckt auf traditionelle marokkanische Gewänder bei Frauen gesehen. Das ist doch genial, einfach die Codes der westlichen Gesellschaft auf die traditionelle Kleidung zu übertragen.“

Auch bei Boudet verschwimmen die Grenzen, denn manchmal benutzt er echte Ware oder Original-Verpackungsmaterial wie Schuhkartons oder Folie, die ihm die Marken auf Nachfrage zur Verfügung stellen. Denn er ist beliebt bei denen, die ihn jetzt nach Corona auch wieder buchen. Das liegt nicht nur an seiner Arbeit, sondern auch an seiner Persönlichkeit und natürlich auch an seinem Style. Gerne wird der ehemalige Street-Style-Fotograf jetzt selbst zum Fotoobjekt auf den Fashion Weeks dieser Welt. Und so hat sich auch noch keiner von Louis Vuitton, Gucci oder Nike über seine Fake-Fotos beschwert.

Julien Boudet
Wenn der Esel zum Porsche wird (1 ES!): Die Marken-Fälschungen (Louis-Vuitton-Maske und Porsche-Handtuch) kaufte Boudet auf einem Markt. Das Foto entstand 2020 in Marokko.
Julien Boudet
Ebenfalls in Marokko: Ein Mann trägt für Boudet ein Cap und einen Kaftan in Gucci-Optik.

Im Gegenteil: „Riccardo Tisci von Burberry hat das Foto, das ich von den marokkanischen Frauen in ihren Gewändern mit dem gefälschten Burberry-Check gemacht habe, auf Instagram geteilt“, erzählt er. In Zusammenarbeit mit Lacoste, dessen Krokodil-Logo Boudet zigfach an Autos oder Körper klebt, entstand zudem eine Capsule-Collection, benannt nach Boudets Pseudonym „Bleu Mode“.

Eigentlich ist der zarte Zuspruch sogar nachvollziehbar. Denn ist die Fälschung nicht am Ende die Adelung eines jeden Designerlabels? Denn nur wenn eine Marke wirklich begehrt und ein Logo berühmt ist, kann der Schwarzmarkt daran verdienen.

Julien Boudet
Das Sujet Boudets dreht sich nicht nur um Marken und ihre Logos. Auch alles, was einen Motor hat, fasziniert ihn. Für dieses Bild versenkte er eine Motocross-Maschine im Pool eines Freundes. Das Foto ist Teil einer Serie, die sich mit der Biker-Kultur beschäftigt (Frankreich, 2021).

Boudets Bilder hängen indes auch schon in Galerien. Aktuell sind sie vom 21. bis zum 24. Oktober in der Stems Galerie in Paris zu sehen. Ob er, der sich mittlerweile vor Aufträgen kaum retten kann, wieder zurück nach New York geht, weiß er noch nicht. Aber eigentlich ist auch egal, wo er wohnt. Er ist sowieso ständig unterwegs.

Julien Boudet
Für dieses Foto umwickelte Boudet einen Porsche Carrera GT2 RS mit (echtem) Logo-Verpackungsmaterial, das ihm von Balenciaga zur Verfügung gestellt wurde. Dieses Foto wird aktuell in der Pariser Stems Gallery gezeigt, wo man es auch kaufen kann.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.