Saint-Rémy-de-Provence - Es gibt sie, die kleinen wie die großen Sensationen der Modegeschichte. Oft sind es die Präsentationen, die länger im Gedächtnis bleiben als die Kleidungsstücke. So hat jeder Moderedakteur seine Lieblingsstory oder erinnert sich an eine Show, die ihm besonders im Gedächtnis geblieben ist. Und die Schauen von Karl Lagerfeld bei Chanel lagen dabei sicher oft ganz weit vorne.

Sogar Menschen, die sich sonst nicht für Mode interessieren, sprechen mich immer wieder auf die genialen Inszenierungen des 2019 verstorbenen Modeschöpfers an. Ob Raketenstart, französischer Park, ein echter Eisberg oder ein ganzes Kreuzfahrtschiff – es war pure Gigantomanie, was der aus Hamburg stammende Lagerfeld in den 2010er-Jahren Saison für Saison im Grand Palais mitten in Paris aufbauen ließ, um seine Mode weltmarkttauglich zu inszenieren. Tatsächlich begannen kurz vor der Jahrtausendwende alle Luxusdesigner, angeführt von Gianni Versace, John Galliano für Dior und eben Lagerfeld, ihre Kollektionen in irre kostspieligen Riesenevents zu präsentieren – die sich dank massenmedialer Werbewirkung umgehend amortisierten.

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

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Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

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In den 80er- und 90er-Jahren wurden die halbjährlich in Paris stattfindenden Prêt-à-Porter-Schauen noch in wesentlich bescheidenerer Kulisse gezeigt, nämlich in großen Zelten im Hof des Louvre mit klassisch erhöhten Laufstegen. Unten scharten sich die akkreditierten Fotografen, um die besten Bilder zu bekommen, Journalisten und Einkäufer waren das einzig zugelassene Fachpublikum. Meist prangte das Logo des Modehauses an der Stirnseite des Laufstegs, und für das Publikum war es streng verboten, Fotos zu machen. Die Zuschauer schrieben in Notizbücher und machten sich Skizzen zu Themen, Linien und Details. In unserer Ära der unmittelbaren Berichterstattung, mit Livestreams und Social-Media-Posts, ist das kaum mehr vorstellbar. Und deshalb heute schon fast vergessen.

Chloé machte vor, woran sich heute auch Vêtements versucht

Blicken wir also kurz zurück: Um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, änderte Lagerfeld Ende der 70er-Jahre den eingefahrenen Modemodus grundlegend. Bereits damals mit der Nase im Zeitgeistwind, war er 1963 zu einer Firma gekommen, die eines der ersten Konfektionslabels mit Chic lancierte: Chloé, gegründet von Gaby Aghion. Trendlichtjahre vor heutigen Designkollektiven wie Vêtements beschäftigte die in Ägypten geborene Aghion zunächst eine Gruppe aufstrebender Designer und konzipierte daraus eine junge, frische Kollektion.

Imago
Niemand inszenierte größere, witzigere Schauen als Lagerfeld.

Durch seinen enormen Arbeitseifer beflügelt, wurde Karl Lagerfeld später alleiniger Designer des Hauses und konnte nun seine Ideen verwirklichen. Dazu gehörte, dass er die Schauen mit thematischen Dekorationen versah, spezielle Soundtracks von den DJs des „Le Palace“ zusammenmischen und Models aller Kontinente auftreten ließ. Um möglichst viele nationale Märkte anzusprechen, aber auch, weil das in der Glanzzeit des Jetset einfach in der Luft lag. Ob Brasilianerinnen, indonesische und japanische Models oder Pat Cleveland, die als erste Woman of Color vom Cover der US-Vogue strahlte: Equality war für Lagerfeld nie eine Frage, sondern eine Tatsache.

Zu den Sternstunden seiner Karriere gehört die Chloé-Schau im März 1983, die er mit viel surrealistischem Witz würzte und deren Kreationen heute zu den höchstgehandelten, von vielen Modemuseen begehrten Vintage-Stücken zählen. Im Dekor einer grauen Autobahn samt Verkehrsinsel mit Stopp-Schildern defilierten die Topmodels der Zeit in schlichten, asymmetrischen Etuikleidern und langen Kutschermänteln.

Armreife wie Schraubenmuttern, Wasserhähne mit Strass-Fontäne

Bis auf die zwei schräg übereinander gesetzten Hüte dazu war das tragbare Mode, die Lagerfeld tausendfach in den Department-Stores verkaufen sollte. Bei der Modenschau allerdings präsentiert mit übergroßen Accessoires, die direkt aus den Werkzeugkisten der Klempner von Paris zu kommen schienen: Armreife wie große Schraubenmuttern, Wasserhähne, aus denen Strass-Fontänen flossen als Ohrclips und Metallschläuche mit Duschkopf als Ketten. Halbedelsteine glitzerten auf Broschen in Form von Hammer, Zange und Engländer-Schraubenschlüssel.

Der Mailänder Modeschmuckvirtuose Ugo Correani, der auch mit Versace und Valentino arbeitete, hatte all diese Edelversionen von Eisenwaren realisiert. Sobald sie auf den Seiten der Magazine erschienen, strömten junge urbane Frauen in die Hardware-Stores, um den Trend mit echten Werkzeugen zu imitieren. Einer dieser Chloé-Armreife liegt immer noch auf meinem Schreibtisch – ein Geschenk, das Lagerfeld mir damals nach der Schau gab, um mich an meine allererste Pariser Modenschau zu erinnern. Auch wenn später bei Chanel alles viel größer und sensationeller wurde, so ist Chloé im Frühjahr 1983 wohl für immer „meine“ Lagerfeld-Schau: der Kindheitstraum, dessen Wahrwerden man nur einmal erleben kann.


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