„Annette“ von Leos Carax: Singen bis zum Höhepunkt

In seinem Cannes-Eröffnungsfilm zündet der Publikumsspalter Leos Carax ein musikalisches Feuerwerk an Absurditäten.

Zwei (Adam Driver und Marion Cotillard) verlieben sich und es kommt heraus: eine gruselige Puppe, die mit der Stimme ihrer Mutter singt.
Zwei (Adam Driver und Marion Cotillard) verlieben sich und es kommt heraus: eine gruselige Puppe, die mit der Stimme ihrer Mutter singt.imago

Über einen Mangel an Musicals konnte man sich 2021 zweifelsohne nicht beschweren. Streaming-Highlights waren unter anderem „Everybody’s Talking About Jamie“ und „Tick, Tick... Boom!“, auf der Kinoleinwand gab es „In the Heights“, „Dear Evan Hansen“ oder aktuell „West Side Story“ zu sehen. Den Jahresabschluss liefert nun „Annette“ von Leos Carax, der in diesem Jahr die Filmfestspiele in Cannes eröffnet hat. Doch abgesehen davon, dass auch dort gesungen und (ein bisschen) getanzt wird, passt der Film nur sehr bedingt in diese Liste hochkarätiger Broadway- und West-End-Importe.

Soundtrack vom amerikanischen Pop-Duo Sparks

Anders als die übrigen genannten Titel basiert nämlich „Annette“ nicht auf einem erfolgreichen Bühnenstück, sondern ist durch und durch eine Neuschöpfung, erdacht von den Brüdern Ron und Russell Mael. Die beiden sind besser bekannt als das amerikanische Pop-Duo Sparks, das seit den 70er-Jahren eigentlich immer seiner Zeit voraus war und die neuen Kompositionen ursprünglich als Konzeptalbum samt Begleitshow geplant hatte. Bis sie ihren bekennenden Fan, den französischen Regisseur Leos Carax, kennenlernten.

Gemeinsam erzählen sie nun die Geschichte der erfolgreichen Opernsängerin Ann (Marion Cotillard) und des nicht mehr ganz so angesagten Brachial-Komikers Henry (Adam Driver). Zwischen den ungleichen Liebenden lodert es leidenschaftlich und bald wird das titelgebende Töchterchen geboren, doch das tragische Ende ist praktisch programmiert. Nach Anns Tod singt die kleine Annette plötzlich mit deren engelsgleicher Stimme – und ihr von Schuld und Trauer zerfressener Vater, dessen eigene Karriere längst passé ist, macht sie zum Weltstar.

„Annette“ steckt voll schräger Ideen und wunderbarer Szenen, vom innbrünstigen Gesang beim Cunnilingus bis hin zur Tatsache, dass das Kind hier von einer mehr als unheimlich aussehenden, computeranimierten Puppe verkörpert wird. Verglichen mit Carax’ Meisterwerk „Holy Motors“ (in dem der Sparks-Song „How Are You Getting Home“ zum Einsatz kam) von 2012 lässt sich allerdings festhalten: Es hätte auch dieses Mal gerne noch eine ganze Ecke absurder und exzentrischer zugehen dürfen. Zudem sind 140 Minuten für diese auf den zweiten Blick doch eher flache Geschichte etwas zu lang und Cotillard bekommt neben Drivers unangenehm misogyner und toxischer Figur zu wenig zu tun. Die Rocksongs der Mael-Brüder sind allerdings so grandios, dass man diese Makel am Ende schnell wieder vergessen hat.

Wertung: 3 von 5 Punkten

Annette, Spielfilm, 140 Minuten, 2021, R: Leos Carax, im Kino

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