Berlin - Haben Sie einen Hund? Wenn nicht, gehen Sie mal in Mitte oder Charlottenburg in eine Hundeboutique. Sie werden nicht glauben, was Sie dort für Produkte für den besten Freund des Menschen finden werden. Dort gibt es Zahncreme für Hunde, Silberspray, das das Fell zu jeder Tageszeit glänzen lässt, eine Pfötchenpflegelinie oder kleine Etuis aus edlem Pferdeleder zur Aufbewahrung der inzwischen obligatorischen Kotbeutel. Und das ist nur der Anfang. Inzwischen kann man manche Haustiergeschäfte in Berlin vom Interieur und von der Auswahl durchaus mit den Flagship-Stores der großen Designer von Gucci, Louis Vuitton oder Prada vergleichen. Und die Preise, etwa für kleine Hundemäntelchen, gleichen sich auch immer mehr an.

Und für den Hund gibt es inzwischen auch noch viel mehr als schnöden Heimtierbedarf. Inzwischen kann man seinem krebskranken Vierbeiner sogar einer Chemotherapie (ab rund 1500 Euro geht’s los) oder einer Strahlentherapie (ab 2800 Euro) unterziehen. Und Hundefutter besteht heute oftmals nicht mehr nur aus altem sehnigem Pferdefleisch und reinen Abfallprodukten aus dem Schlachthof. Nein, probieren Sie mal eine Dose Bio-Hundefutter eines heimischen Premiumherstellers. Davon können Sie sich bedenkenlos ernähren. Abgesehen davon, dass es nur spärlich bis gar nicht gewürzt ist, schmeckt es sogar gar nicht schlecht und ist für uns genauso verdaulich wie für den Vierbeiner.

Hundebedarf ist so systemrelevant wie Menschenbedarf

Inzwischen gibt es laut des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe – das ist die offizielle Zahl – allein mehr als 10 Millionen Hunde in Deutschland. Seit der Jahrtausendwende hat sich ihre Zahl nochmal verdoppelt. Und seit 2006 ist der Umsatz mit Heimtierbedarf in Deutschland um knapp 60 Prozent auf mehr als fünf Milliarden Euro angestiegen. Und während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland im Pandemiejahr 2020 laut des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung um knapp fünf Prozent gesunken ist, boomt im Gegensatz zu anderen Branchen der Markt mit Haustieren und wird von der Krise noch angeheizt. 2020 seien allein 20 Prozent mehr Hunde in Deutschland verkauft worden, bilanziert der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH).

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo. Jetzt auch das neue Probe-Abo testen – 4 Wochen gratis

Am 3./4. Juli 2021 im Blatt: 
Auf den Hund gekommen: Während der Pandemie sind Tausende Vierbeiner nach Berlin gezogen. Erst kam das Glück, jetzt kommen die Probleme. Das große Hunde-Spezial

Letzter Verhandlungstag vor der Sommerpause: Bushidos Frau erweist sich als seine größte Beschützerin

Warum sind ostdeutsche Kleinsparer vom Niedrigzins so stark betroffen? Wir haben die Antworten

Stella Sommer und Olli Schulz sind Hundefans. Wir haben mit ihnen über ihre Obsession gesprochen
https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Ein deutscher Milliardenkonzern konnte vom Hype ums Haustier besonders profitieren. Fressnapf, das allein in Berlin drei riesige Märkte mit mehreren Tausend Quadratmetern betreibt, konnte seinen Umsatz um knapp 16 Prozent auf mehr als 2,6 Milliarden Euro steigern. „So eine Achterbahnfahrt habe ich in meinem Leben bisher noch nicht erlebt“, sagt Geschäftsführer Hans Jörg Gidlewitz dazu. Der Staat stufte die Branche und die Versorgung der mehr als 34 Millionen Haustiere bundesweit als so systemrelevant ein, dass Heimtiermärkte genauso wie Lebensmittelgeschäfte die gesamte Pandemie hindurch geöffnet haben durften.

Vom Hofhund zum Freund

Aber ist das wirklich nötig? Und was sagt das alles über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier aus? Beobachten wir eine positive Entwicklung oder nimmt unsere Beziehung zu unseren Vierbeinern langsam perverse Züge an?

Will man sich dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier nähern, muss man sich anschauen, welche Beziehung wir noch vor Jahrhunderten zu unseren Haustieren hatten. Ähnlich wie das Pferd, wurde auch der Hund vom reinen Werkzeug, Nutztier und Gebrauchshund mehrheitlich zu einem Schoßhund oder Sportgerät ab- beziehungsweise aufgewertet. „Der Hund hat sich praktisch entwickelt in den letzten 50, 70 Jahren von einem Bewacher, von einem Hofhund und Schutzhund, zu einem Lebenspartner, in einigen Fällen vielleicht auch zu einem Kindersatz, zu jemanden, der mit einem das Leben teilt und den allermeisten Hundehaltern auch das Leben deutlich schöner macht“, sagte die Forscherin Kathrin Feldbrügge vom Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft kürzlich im Deutschlandfunk.

Was den Fressnapf-CEO freut, sollte uns zu denken geben

Was hier als positive Entwicklung erscheint, hat gesellschaftlich auch seine Schattenseite. Während im Jahre der Reichsgründung 1871 noch fast fünf Kinder pro Frau in Deutschland geboren wurden, sind es heute gerade mal knapp 1,5 Kinder. Während die Deutschen früher in Großfamilien zusammenlebten und die Alten und Gebrechlichen von den jüngeren bis zu ihrem Tod gepflegt wurden, beschränkt sich unsere Familie meist nur noch auf die Achse Eltern-Kinder. Die Großeltern trifft man ein paar Mal im Jahr auf ein Stück Kuchen oder eine Tasse Kaffee. Ansonsten werden die Alten ins Altenheim abgeschoben. Und das, obwohl es den Bürgern dieses Landes finanziell mit jeder Generation immer besser geht. Die Folge sind Alterseinsamkeit und instabile Familienverhältnisse. Laut Bundesfamilienministerium lag der Anteil von einsamen Menschen zwischen 46 und 90 Jahren in Deutschland im Somme 2020 bei mehr als 14 Prozent. Tendenz steigend. Und laut einer aktuellen Forsa-Umfrage bezeichnet sich jeder Fünfte Senior ab 75 Jahren als einsam.

Und so ersetzt der Hund für eine steigende Zahl von vor allem älteren Menschen die eigene Familie. Inzwischen haben Wissenschaftler in zahlreichen Studien herausgefunden, dass Hunde inzwischen von den meisten Menschen als vollwertige Familienmitglieder bezeichnet werden und dass sie ein äußerst effektiver Stresskiller sind. Auch wenn der Hund so für den Einzelnen die größte Not zumindest ein bisschen lindern kann, den direkten menschlichen Kontakt kann er nicht ersetzten. Und um den ist es gesamtgesellschaftlich betrachtet von Jahr zu Jahr immer schlechter bestellt. Was den Fressnapf-CEO freut, sollte uns zu denken geben.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.