Berlin - Wenn die Corona-Krise vorbei ist, haben wir gedacht, dann liegen sich wildfremde Menschen freudig in den Armen, tanzen, lachen, singen – begegnen sich wieder aus purer Lust am Leben, am Verbindungspüren. Zukunftsforscher (die ähnlich wie mathematische Modellierer bekanntlich manchmal arg daneben liegen können) haben gar eine pulsierende goldene Zeit vorausgesagt, wie das Jahrzehnt zwischen den Weltkriegen. Doch jetzt, wo Corona vielleicht nicht ganz vorbei ist, aber doch sommerliche Öffnungseuphorie mit der Hoffnung auf eine genügend große Massenimmunität im Herbst zu spüren ist, blickt man nicht selten in traurige, verzagte Gesichter, trifft Menschen in indifferenten Stimmungslagen. Was ist da los?

Der norwegische Autor Karl Ove Knausgård, der wie kein anderer das moderne Lebensgefühl des Menschen in unserer Kultur ermessen hat, indem er schonungslos ehrlich in sich selbst schürfte, schreibt in seinem Buch „Im Herbst“ ein Kapitel über Einsamkeit: „Es tut gut, allein zu sein“, gesteht er, „für ein paar Stunden außerhalb all der komplizierten Bande zu stehen, all der kleinen und großen Konflikte, aller Forderungen und Erwartungen, aller Willen und Wünsche, die sich zwischen den Menschen aufbauen, die schon nach kurzer Zeit so eng miteinander verwoben sind, dass der Raum zum Handeln und Reflektieren eingeschränkt ist. Würde alles, was sich zwischen den Menschen bewegt, Töne von sich geben, wäre es wie ein Chor, ein gewaltiges Rauschen von Stimmen würde noch aus dem kleinsten Leuchten in den Augen aufsteigen.“

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Am 10./11. Juli 2021 im Blatt: 
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Das Individuum stand unter Generalverdacht

Die Einsamkeit liegt sicher nicht allen Menschen so sehr wie Knausgård, der in seinen autobiographischen Romanen immer wieder von intensiven Zeiten des Rückzugs berichtet. Doch in der Corona-Krise mussten die meisten sich wahrscheinlich mehr als jemals zuvor in ihrem Leben mit ihr auseinandersetzen. Die meisten Möglichkeiten der Zerstreuung, die unsere Kultur geschaffen hat, fielen weg: Café-, Club- und Restaurantbesuche, Theater, Kino, Urlaubstrips, auch Sport oder Yoga. Was offen war, musste sich schließen: Freundes- und Bekanntenkreise. Was als spießig und bald überkommen galt, war plötzlich wieder Maß aller Dinge: die Kleinfamilie im klar eingegrenzten Eigenheim. Unter den strengen Blicken der Nachbarn durfte sich kein Haushalt zu viel in den Garten verirren.

Der Chor, das gewaltige Rauschen, das Knausgård beschreibt, wurde während Corona also zum Säuseln, zum einsamen Singen, vielleicht im Duett oder Trio. Und der plötzlich wieder beliebte Zaun ums Eigenheim kann auch als Symbol herhalten für eine Renaissance des In-Grenzen-Denkens, das Corona eingeleitet hat. Der Nationalstaat, gefühlt seit Jahren im Niedergang, durfte sich plötzlich wieder stark wähnen. Egal, wie gut die Maßnahmen oder niedrig die Inzidenzen im Herkunftsland waren: Die oder der Fremde stand wieder unter Generalverdacht, etwas Krankhaftes einzuschleppen in den, nun ja, Volkskörper.

Eine Zeit der Reflexion

In einer derart penibel rein gehaltenen Welt der klaren Grenzen kann man es sich natürlich gut einrichten, besonders wir Deutschen scheinen eine starke Faszination für saubere, abgeriegelte Räume zu haben. Und so drücken sich nun Menschen mit traurigen Gesichtern in den Straßen herum, die wieder pulsierende Adern der zwischenzeitlich fast ausgestorbenen Städte geworden sind. Sie wissen nicht, ob sie wieder bereit sind: für das Rauschen, den Chor – für überraschende Begegnung, für sozialen Wildwuchs, für das Bunte, den Tanz, die Vielstimmigkeit und Vielsprachigkeit. Sie stehen vor einem Urkonflikt der menschlichen Gesellschaften, wie er zum Beispiel auch im besten Marvel-Film aller Zeiten verhandelt wird, „Black Panther“: Wollen wir das Offene oder das Geschlossene?

Natürlich soll diesen Zögerlingen hier nicht pauschal eine Faszination für faschistische Blut-und-Boden-Ideologie unterstellt werden. Ins Positive gewendet kann man feststellen, dass viele Menschen über den Lockdown in einen heilsamen Kontakt zu sich selbst und der Umwelt außerhalb sozialer Beziehungen geraten sind. Gerade Menschen, die im Kulturbereich arbeiteten, hatten plötzlich Ozeane aus Zeit, um einmal zu überdenken: Wollte ich eigentlich so leben und arbeiten, wie ich es die vergangenen Jahre getan haben? Oder war ich getrieben?

Vielleicht ist jetzt die Zeit der Öffnungslethargie

Jetzt finden sich DJs, Schauspieler, Musikerinnen oder Kulturjournalisten, die sich eine lange Zeit in ihrer mangelnden Systemrelevanz einrichten mussten und vielleicht Wander- oder Radewegeführer, Kochbücher, Berichte über tiefe Depressionen oder spirituelle Erleuchtungen schreiben könnten, plötzlich in einem Hagel aus Aufträgen wieder. Und fragen sich: Will ich das? Brauche ich das? Ist das der Sinn in diesem Leben? Sie sind irritiert: Warum haben zum Beispiel die Stadttheater, die Institutionen, die doch so unbedingt am Puls der Zeit sein wollen, offenbar nichts aus der Krise gelernt, nicht einmal reflektierend innegehalten? Nach außen strahlten sie zwangsläufig Stillstand aus, innen wurde mit Hochdruck weiter produziert, kein narzisstisches Künstler-Ego durfte gekränkt, das deutsche Arbeitsethos nicht aufgehoben werden. Nun türmen sich Premiere an Premiere, Konzert an Konzert, Ausstellung an Ausstellung, auch wenn einiges digital abgefeiert wurde.

Vielleicht kommt nach dem Lockdown keine Öffnungseuphorie. Vielleicht ist jetzt die Zeit der Öffnungslethargie, Öffnungsmelancholie. Vielleicht folgt auf den aufgezwungenen Lockdown der frei gewählte: Die Auszeit für Persönlichkeitsentwicklung, für selbst gewählte Begegnung, Freizeit- und Arbeitsorganisation. Und hoffentlich geht gleichzeitig schnell zu Ende: die Renaissance von Grenzen, des Eigenheims, der Nationalstaaten.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.