Berlin - Wie diese „Debatte“ in einem Bild veranschaulichen? Ich denke da etwa an die Schlussszene aus Rachel Cusks Roman „Kudos“: an diesen Mann, der genüsslich in ein Gewässer uriniert, das die darin befindliche Erzählerin emporhebt „wie auf der Brust eines seufzenden Lebewesens“. In seinen Augen liegt boshaftes Entzücken, und während sich seine goldene Fontäne ins Wasser ergießt, wartet sie nur darauf, dass es endlich aufhört.

Carolin Emcke hat letzte Woche auf einem Parteitag der Grünen eine Rede gehalten, in der sie über die Spannung zwischen Demokratie, Demokratiefeindlichkeit und Wahrheit sprach. Sie, die seit Jahrzehnten gegen Antisemitismus und Rassismus anschreibt und mit aufrichtiger Hingabe deren Bedingungen und Effekte freilegt, sei, so raunte es zwischen den Zeilen der Bild-Zeitung, selbst eine Antisemitin – oder mindestens unsensibel gegenüber Antisemitismus. Der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak erkannte in einem Satz Emckes eine „geschichtsvergessene Entgleisung“. Und der Chefredakteur der Welt am Sonntag, Johannes Boie, verstieg sich zu der verleumderischen Behauptung, sie bagatellisiere „das Leid der Juden“.

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Am 19./20. Juni 2021 im Blatt: 
Wie Tag und Nacht: Warum der Gleisdreieckpark abends zur Gefahrenzone wird. Die große Reportage

Street-Style Berlin: Die Kreuzberger Oranienstraße ist jetzt Laufsteg sensationeller Tattoos. Wir haben uns umgeschaut

Der Abgeordnete Marcel Luthe von den Freien Wählern fühlt sich als Berlins Politiker-Sheriff. Was treibt ihn an?

Die Springer-Medien sagen, Carolin Emcke sei antisemitisch. Wir sagen: Das ist hysterisch. Außerdem: die großen Food-Seiten. Unser Kritiker nahm das Restaurant Borchardt ins Visier und findet es überschätzt

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Dies zu entkräften hat in etwa so viel Tiefgang wie die Widerlegung der Behauptung, dass ein Auto ein Pferd sei – wo wir seine Geschwindigkeit doch in PS messen! Aber gut, here we go: Eine der größten Bedrohungen für die Demokratie, hieß es in Emckes Rede richtig, sei die systematische Hetze von rechts. Sie warnte: „Die radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt werden bleiben.“ Und: „Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feministinnen oder die Virologinnen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscherinnen.“

Wollte man diesen Satz ernsthaft kritisieren, könnte man, wie Ronen Steinke sinnvoll anmerkte, fragen, warum Emcke die Hetze gegen Muslime, die ja auch Kernbestandteil rechter Ideologie ist, nicht mit erwähnte. Die grammatikalische Funktion ihres in die Zukunft weisenden Indikativs („wird wieder von Elite gesprochen werden“) war es – natürlich – nicht, ihren Glauben an eine vermeintliche Existenz einflussreicher Eliten von Juden oder Virologen wiederzugeben, wie man sie etwa in den Reihen der „Querdenker“ imaginiert. Oder Juden mit Klimaforscherinnen gleichzusetzen. Im Gegenteil: Es ging ihr darum, das Weltbild rechter Gruppen zu sezieren, für die Juden und Virologen austauschbare Feindbilder darstellen.

Waren Ziemiak und Boie einfach dumm? Unfähig, hier Intention und Satzstruktur nachzuvollziehen? Ich glaube nicht. Ich lese ihre Kritiken – im Kontext verrohter Antisemitismus-Debatten – vielmehr als Beispiele eines orchestrierten, toxischen Missverstehens und Falschdeutens. Auf der sprachlichen Ebene gleicht das am ehesten noch dem, was die Schriftstellerin Lauren Oyler in Anlehnung an James Woods Trope des hysterischen Realismus als „hysterische Kritik“ bezeichnet hat. Wobei „hysterisch“ nicht als misogyner Anachronismus gemeint ist, sondern als das gehetzte Vermischen halbgarer Mutmaßungen und hyperbolischer Argumentfetzen, die in ihrer Vermengung zwar falsch sind, allein durch den Klangeffekt ihres Nebeneinanders aber eine diskursive Temperatur entfalten: eine Logik des Verdachts.

Hysterische Kritiker sind nicht hysterisch, weil sie unkontrollierbare Reaktionen auf ein faktisches Problem an den Tag legen würden. Sondern weil sie wissen, dass das Publikum, welches sie adressieren, die Existenz und das Gewicht des Problems respektieren – und dass allein der Rekurs darauf es Außenstehenden erschwert, mit nüchternem Blick auf ihre Kritik zu reagieren.

Die Angriffe auf Emcke sind leicht zu durchschauen

Das mag komplex klingen, die politische Teleologie des Angriffs war aber letztlich recht leicht durchschaubar. Einerseits wurden die Konturen eines mit stumpfen Messern ausgetragenen Bundestagswahlkampfes lesbar: der klägliche Versuch, Grünen-Vertreterinnen – oder Leute, die ihnen nahestehen, allen voran intelligenten Frauen – Dreck anzuhängen. Andererseits steht dahinter eine fiese und auch gar nicht so neuartige Kampagne. Unter dem Deckmantel des Engagements gegen Antisemitismus wird eine Rhetorik der Spaltung kaschiert, die je nach Gusto gegen diverse Gruppen in Anschlag gebracht wird: gegen Migrantinnen, Muslime, Kritikerinnern israelischer Politik (darunter oft auch Juden), gegen eine progressive Denkerin wie Carolin Emcke.

Damit wir uns nicht missverstehen: Deutschland hat ein Problem mit Antisemitismus. Um das zu sehen, muss man nicht zu den Morden von Halle zurückgehen. Corona-Leugner, „Querdenker“, die AfD, verrückte Vegan-Köche oder auch Hans-Georg Maaßens Rede von den „Globalisten“ – in all diesen Beispielen werden antisemitische Denkfiguren aufgewertet, die seit Jahrhunderten – von rechts, von links und von der sogenannten Mitte aus – als Chiffren einer vermeintlichen Weltverschwörung durchs kollektive Unbewusste wabern.

Juden werden in Deutschland öffentlich angegangen, wenn sie sich erkennbar als Juden zeigen (wobei etwa kürzlich im Tagesspiegel empfohlen wurde, dass sie ihr Jüdischsein gegebenenfalls lieber verstecken sollten). Antizionistische Demos finden teils vor Synagogen statt. Jüdinnen werden immer öfter auch aggressiv gebeten, sich zu Israel zu positionieren, allein weil sie Jüdinnen sind. All das ist Teil eines traurigen Alltags in Deutschland. Wer sich mit den Zahlen auseinandersetzt, merkt: Antisemitische Vorfälle, die von Mus­li­men ausgehen, sind vergleichsweise randständig. Laut der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) waren in Berlin 2020 von über 1000 registrierten Vorfällen nur 22 „islamisch/islamistisch“ motiviert. Kurz: Antisemitismus ist kein „eingewandertes“, kein importiertes Problem.

Ein von Paula-Irene Villa Braslavsky und Lisa Gorelik verfasster offener Brief deutsch-jüdischer Kulturschaffender, den unter anderem auch Susan Neiman, Max Czollek und Micha Brumlik unterzeichneten, benannte die zum Eklat stilisierte Causa Emcke kurz darauf glasklar. „Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen und in neue Kontexte gesetzt, die Deutungshoheit über Antisemitismus wird an sich gerissen.“ Die Unterzeichnenden unterstrichen auch den wohl destruktivsten Effekt all dessen: dass der Vorwurf des Antisemitismus – der im Land der Täter ein scharfes Schwert mit echten Konsequenzen sein sollte – zu politischen Zwecken instrumentalisiert und somit auch entwertet wird.

Eine neue Opferkonkurrenz

„Das Leben von Jüdinnen*Juden – unser Leben“, schrieben sie, „wird dabei lediglich als Munition in einem herbeigeschriebenen Kulturkampf genutzt.“ Worte, die man ernst nehmen, abspeichern sollte. In ihnen leuchtet die Erinnerung an sogenannte „Opferkonkurrenzen“ auf, die ab der Jahrtausendwende erinnerungspolitische Debatten in den USA bestimmten, wobei insbesondere die Leidensgeschichten von „Schwarzen und Juden“ im Kampf um Anerkennung gegeneinandergestellt wurden. In Deutschland erleben wir gerade ein Revival dieser Opferkonkurrenzen, wobei jüdische und migrantische Stimmen gegeneinander ausgespielt werden – selbst wenn die Schnittmengen ihrer geteilten Erfahrungen in diesem Land oftmals größer sind als die kulturelle Kluft oder der vermeintliche Hass, die sie trennen.

Es ist nicht ohne eine triste Ironie, dass dies gerade in einem Moment geschieht, wo Gedankenanstöße verschiedener Wissenschaftler:innen, zu versuchen, den Holocaust – etwa in einer Art multiperspektivischer Rückkopplung an die koloniale Gewaltgeschichte – besser zu verstehen, als Verharmlosung des ersteren gebrandmarkt werden. Oder wo medienaffinen Kulturschaffenden, die auf sehr unterschiedliche Weisen versuchen, Stoßluft in die in formalistischen Phrasen erstarrte Erinnerungskultur zu bringen, von den deutschen Leitmedien größtenteils Ignoranz oder Aversion entgegenschlägt.

Würde ich diesen Text schreiben, wenn es „nur“ um Carolin Emcke ginge? Vermutlich nicht. Die Zahl der Fälle hysterischer Kritik, insbesondere seitens nicht-jüdischer Deutscher, die meinen, Antisemitismus überall dort zu wittern, wo die eigene Scham darüber getriggert wird, Nachfahren von Nazis zu sein, bildet längst einen peinlichen Trümmerhaufen, der sehr viel mehr über die psychologische Unterkomplexität dieser angeblich so intelligenten Kulturnation aussagt als über das Thema selbst.

Bekannte Beispiele aus jüngster Zeit waren die Debatte um den kamerunischen Philosophen Achille Mbembe, dessen Einladung zur Ruhrtriennale wegen seiner Nähe zur Israel-Boykott-Bewegung BDS skandalisiert wurde. Kurze Zeit später wurde einer Projektreihe jüdischer Israelis an der Kunsthochschule Weißensee das Geld für eine israelkritische Veranstaltung gestrichen. Wieder stand der Vorwurf im Raum, sie stünde BDS nahe. Hintergrund ist die BDS-Resolution des Bundestags, die – wie die Initiative GG 5.3 Weltoffenheit treffend beschrieben hat – sich in ihrer Argumentationsweise selbst jener Boykottlogik angleicht, die sie nach außen hin vorgibt, abwenden zu wollen; und die in der praktischen Anwendung aus Kuratorinnen und Intendanten vor allem schadenskalkulierende Gewissensprüfer macht.

Ein Fall in Chemnitz verdeutlicht das Problem

Wer darin jetzt Zensur erkennt, der wird wie mechanisch gesagt, dass es „nur“ um öffentliche Gelder gehe, „nur“ um staatlich finanzierte Räume. Woanders könne man ja freigeistig tun und lassen, was man wolle. Dies verkennt, wie Fabian Wolff in einem scharfkantig glänzenden Essay in der ZEIT beschrieben hat, auf eklatante Weise die kulturelle Infrastruktur Deutschlands, die es ohne öffentliche Gelder in der Form nicht gäbe. Doch nicht jeder dieser „Fälle“ gelangt an die Öffentlichkeit. Manche von ihnen ereignen sich im Stillen. Vor wenigen Wochen erfuhr ich vom Fall der israelischen Künstlerin Shira Wachsmann im Rahmen der Ausstellung „Tu BiShvat – Fest der Bäume“ in der Kunstsammlung Chemnitz: einer Ausstellung, die momentan Positionen zeitgenössischer Künstler:innen zeigt, die sich mit ihrer jüdischen Identität auseinandersetzen.

Nachdem der Künstlerin ihre Beteiligung zugesagt wurde, erhielt sie im Februar einen Anruf von der Kuratorin, in dem ihr offen gesagt wurde, es gebe nun doch ein Problem, weil Wachsmann den offenen Brief der Initiative GG 5.3 Weltoffenheit unterschrieben hatte. Die Kuratorin leitete der Künstlerin daraufhin eine an die Kuratorin adressierte Mail weiter (die Mail-Wechsel liegen der Redaktion vor). Das Schreiben stammte von einer Urenkelin eines Kunstsammlers, dessen Werke auch in der Chemnitzer Sammlung ausgestellt sind. Darin heißt es, Wachsmann vertrete „israelfeindliche Positionen“. Man könne nicht verstehen, wie ihre Kunst „in Ihr Konzept passt“.

Wachsmanns Werk ist eine Video-Collage, ein fiktives Gespräch mit einem Kaktus, einem sogenannten „Sabra“. Das ist ein Wort, das in Israel synonym für dort geborene Jüdinnen und Juden verwendet wird. Es geht in dem Gespräch um Zugehörigkeit, Gender, Trauma, Identität. Israelfeindliche Positionen sucht man vergeblich. Dass die Person, die die Kuratorin warnte, sich mit Wachsmanns Arbeit in der Ausstellung überhaupt beschäftigt hat, ist zu bezweifeln. Nachdem der Kuratorin, wie sie in Folge-Mails schreibt, kurze Zeit später selbst Antisemitismus vorgeworfen wurde, ließ sie die Künstlerin wissen, dass ihre Arbeit in einen separaten Raum der Kunsthalle verlegt und ohne die zugehörigen Collagen gezeigt werde, sodass ihr das angebliche Zuviel an „politischer Sprengkraft“ genommen werde. Die Verlegung wurde letztlich technisch begründet. Doch der politische Hintergrund erscheint ziemlich eindeutig.

Von in Berlin lebenden Israelis erreichen mich derartige Dinge inzwischen öfter. Eine israelische Freundin, die in einem DFG-geförderten Format ein Interview mit einer israelischen Wissenschaftlerin über das Vorgehen der israelischen Polizei plante, erzählte mir kürzlich, sie habe Angst, das Gespräch könne auf sie oder ihre Professorin zurückfallen. Wir witzelten, sie solle doch die 3-D-Regel anwenden: eine in Deutschland beliebte Taschenspielformel, mit der sich angeblich trennscharf bestimmen lässt, wer legitimer Israelkritiker und wer Antisemit ist. Letzteres sei immer dann der Fall, wenn Doppelstandards, Delegitimierung oder Dämonisierung im Spiel sind. Dass eine israelische, noch dazu eine kritische Wissenschaftlerin womöglich andere Maßstäbe an das Land anlegt, in dem sie aufgewachsen ist und lebt – als etwa an ein Land, in dem sie selbst nie war –, erschien uns, nun ja, irgendwie logisch. Der Witz bleibt einem im Hals stecken. Von dem Generalverdacht, unter den in diesem Kontext arabische, muslimische und nicht-weiße Personen gestellt werden – all die Taras und Farids, gegen die kürzlich auch in der ZEIT polemisiert wurde – spreche ich gar nicht erst.

Eine eindimensionale Form von Erinnerung

Warum ist es mir überhaupt wichtig, über all dies zu sprechen? Das hat vor allem zwei Gründe. Als nachgeborener Deutscher und auch einfach als Mensch, der meint, mit halbwegs wachen Augen durch diese Welt zu gehen, reagiere ich allergisch auf eine eindimensionale Erinnerungsklaviatur, die – selbst wenn sie die Notwendigkeit einer lebendigen Erinnerung an den Holocaust anerkennt – mit buchhalterischer Kälte, kleinkarierter Selbstbezüglichkeit und historischem Halbwissen meint, einfache außen- und innenpolitische Konsequenzen daraus ableiten zu können. Es ist eine verstimmte Klaviatur, die etwa sehr leichtfertig mit Begriffen wie „KZ“ und „Vernichtung“ um sich wirft, Begriffe deren antihumanistischer Sound einen erstarren lässt und wirkt, als hätte Victor Klemperer seine „LTI - Lingua Tertii Imperii“ (Sprache des Dritten Reichs) nie geschrieben. Genauer: als hätte kein Deutscher sich jemals die Mühe gemacht, sie zu lesen.

Der zweite Grund: Ich habe eine (etwas komplizierte) Beziehung zu Israel. Ein Land, in dem ich knapp fünf Jahre on-off gelebt habe, dessen Sprache zu einem Teil von mir geworden ist – eine Sprache, die ich fast täglich spreche, in Gesprächen mit Menschen, die ich, nun ja, liebe (auf Deutsch: die mir nahestehen). Menschen, die mich radikal anders über deutsche und über jüdische Kultur haben nachdenken lassen: über Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“ und Shay Agnons Fabeln. Über Rosa Luxemburgs Blumensammlung und Lévinas‘ Ethik. Über Albert Memmi und Hélène Cixous. Über die hoffnungsvolleren und über die schärferen Kritiken des Zionismus: von Yeshayahu Leibowitz und Tom Segev über Hannah Arendt bis zu Judith Butler. 

Israel ist ein Land, das zwar nicht als Entsprechung jüdischer Geschichte gelten kann, das aber doch eng mit jüdischer Kultur verstrickt ist. Und das denjenigen, die hinhören, somit wie ein verlorener Zwilling die Pathologien und Brüche der deutschen Identität spiegeln, sie aufhellen kann. Es geht mir in diesem Text nun keineswegs darum, diesen Bruch aufzulösen. Wenn es nach mir ginge, könnten wir das Wort „deutsch“ als Identitätsmerkmal mit einem gendersternartigen Zeichen versehen, um diese Irritation deutlich zu machen und der Normalisierung dieses Bruchs so auch sprachlich entgegenzuwirken.

Diese zwei Aspekte – Erinnerungspolitik und Israel – greifen gewissermaßen symbiotisch ineinander, und nicht nur für mich. Israel ist ein Land, für das Deutsche sich seit längerem mit einer zwielichtigen Faszination begeistern gelernt haben: einer Faszination, die Soldatinnen in Armeekluft, „echte“ orthodoxe Juden in Mea Schearim oder in Bnei Brak und einen als kathartische Transformation erlebten Besuch im Holocaust-Museum Yad Vashem mit anschließendem Weitblick auf „Eretz“ Israel als schablonenhafte Verlängerung ihrer historischen Verantwortung fetischisiert.

Die deutsche Psyche ist fragil

Die identitäre Leerstelle in der deutschen Psyche reagiert auf solch fraglos intensive Erfahrungen verschieden. Manche Deutsche entdecken vermeintlich verlorengegangene jüdische Vorfahren, werden zu Juden dritten Grades, machen eine Rachel Dolezal‘eske Verwandlung durch. Andere machen Tel Aviv zu ihrem Mallorca, zu einem nassfeuchten Sehnsuchtsort zwischen Matkot und Goldstar. Wieder andere machen sich, in einer passiv-aggressiven Mischung aus evangelikalem Selbsthass, rhetorischer Militanz und hysterischer Kritik, zum verlängerten Arm der politischen Rechten in Israel. Letztere (wirklich unheimliche) Variante nennt sich „antideutsch“, dabei sind sie natürlich deutscher als deutsch: Ihr destruktiver Philosemitismus ist ein Panzer, der jede Form eines als „schwach“, antiterritorial oder diasporisch empfundenen Judentums überrollt, jedem Klee’schen Engel das Maul stopft, vor nichts Halt macht – nicht mal einer Auschwitz-Überlebenden wie Esther Bejarano, die von Antideutschen wegen ihres angeblichen Antizionismus jüngst als „unerträglich“ bezeichnet wurde. 

Für den (noch) existierenden Pluralismus innerhalb der israelischen Gesellschaft, für die tatsächlichen Probleme jüdischer und palästinensischer Israelis, für die Geschichte arabischer Juden, für die ethnischen Spannungen und für den Rechtsruck in Israel, für die Infragestellung einer spezifischen Interpretation von staatlicher Souveränität, der Militarismus und Rassismus tief eingeschrieben sind, für die Besatzung der Westbank und Gazas, für die Siedlungspolitik, für die demokratiestärkende israelische Zivilgesellschaft, für soziale Bewegungen, jüdisch-arabische Allianzen und für den jüngsten Regierungswechsel in Israel, für die Bedingungen der Möglichkeit eines Friedens zwischen Israel und Palästina – für all das interessieren sich die deutschen Israelfreunde, in der Regel, einen Dreck.

Nachdem ich mehrere Jahre zwischen Berlin und Tel Aviv gelebt und geschrieben habe, nachdem ich 2014 miterleben musste, wie sich Krieg anfühlt, welche Spuren er hinterlässt – das sage ich ohne dass ich von seinen schlimmsten Auswirkungen in Gaza, wo damals über 1400 Zivilisten umkamen, in Tel Aviv unmittelbar etwas mitbekommen habe –, meine ich zu einem gewissen Grad gelernt zu haben, durch das Prisma des einen Zwillings auf den irrlichternden Schatten des je anderen zu gucken und manch merkwürdige Übersetzungsfehler im deutsch-israelischen Verhältnis lesen zu lernen. Die unausgesprochene Haltung vieler Deutscher zu Israel ließe sich, polemisch verkürzt, auf folgende Formel bringen: „Juden finden wir ganz toll, solange sie stark und weit weg sind – und keine blöden Fragen stellen.“

„Ihr Deutschen seid so narzisstisch“, sagen meine israelischen Freunde manchmal, wenn ich von den Abgründen und Absurditäten im deutschen „Diskurs“ erzähle. „Ihr wollt kritisieren? Kritisiert halt. Wie kommt ihr eigentlich darauf, dass sich die Welt immer nur allein um euch dreht?“ Im Grunde haben sie recht. Worüber wir hier sprechen, ist, all things considered, ein Diskurs zweiter Ordnung. Einer, der weder die Lage von Israelis noch die von Palästinensern verbessern wird. 

Und dennoch denke ich, dass es wichtig ist, darüber zu sprechen – auch zumal sich, wie der Fall Emcke zeigt, hysterische Kritik in Sachen Antisemitismus nicht mehr nur auf Israel beschränkt. Diese hysterische Kritik hilft, denke ich, weder Juden noch Palästinenserinnen, weder hier noch in Israel. Wozu sie doch beiträgt, da bin ich mir sicher, ist, dass weiße Deutsche sich es heimelig einrichten können in ihrem treudoofen, oft menschenfeindlichen Paternalismus. In ihrem grotesken Gehabe, zu meinen, solang sie sich nur zu unsachlichen Antisemitismus-Polizisten aufspielten, könnten sie die bruchhafte Leerstelle in ihrer Identität überspringen. Können sie – können wir – nicht.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.