Berlin - Ein junger Mann hetzt mit einem kleinen Jungen nachts durch den Wald, versteckt ihn im Keller eines Hauses und flüchtet dann nach Amsterdam. Erst drei Tage später wird der fünfjährige Mike als vermisst gemeldet – die beiden getrennt lebenden, permanent streitenden Eltern hatten angenommen, der Sohn wäre beim jeweils anderen. Bei der aufwendigen Suchaktion rings um Bamberg klingeln die Polizisten um Felix Voss (Fabian Hinrichs) bei einem Mann – und es öffnet ihnen ihre Kollegin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), die bei ihrem neuen Freund (Sylvester Groth) übernachtet hat und nicht ahnt, dass gegen den Lehrer schon wegen unangemessener Übergriffe auf Schüler ermittelt wird.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Diese Woche im Blatt: 
Steffen Uhlmann war einer der ersten ostdeutschen Reporter beim Spiegel. Für Ruhm ging er auf Stasi-Jagd

Ist Gendern die Lösung? Unser Autor sagt „Nein“ und zeigt, warum. Auftakt einer Serie über gerechte Sprache

In Israel eskaliert der Konflikt. Unsere Autorin berichtet aus Tel Aviv

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Der siebte fränkische „Tatort“ gibt den Zuschauern schon früh eine Vermutung, was passiert sein könnte, fixiert sich aber nicht auf die Tätersuche, sondern fächert drei besondere Beziehungen auf, mal gestört, mal beklemmend, mal fragil.

Wahrnehmung wird auf die Probe gestellt

Die beiden Eltern des Verschwundenen streiten sich so gewaltsam, dass ihr Sohn flüchtet, und finden dann wieder zusammen. Die Mutter des jungen Mannes, der Wahnvorstellungen hat, klammert sich regelrecht an ihren psychisch kranken Sohn. Die sonst so besonnene Kommissarin Ringelhahn schließlich gerät in ein brutales Drama, weiß nicht, ob ihre Recherchen ihren neuen Freund belasten oder entlasten. Zwar sind private Verbindungen der Kriminalisten in ihre Fälle im TV-Krimi arg überstrapaziert. Doch wenn dabei Schauspieler so spannungsreich aufeinandertreffen wie hier Dagmar Manzel und Sylvester Groth, gleichaltrig und seit Studententagen miteinander bekannt, dann nimmt man das gern in Kauf.

Regisseur Andreas Kleinert lässt in seinem Psychodrama immer wieder albtraumartige Szenen aufflackern, kreiert mit seinem Kameramann Michael Hammon expressive, kontrastreiche Lichtstimmungen und surreale Bilder – so sieht der psychisch Kranke beim Psychiater Raupen im Bart. Kommissar Voss dagegen sieht immer wieder den verschwundenen Jungen und erinnert sich an die eigene Kindheit. Im Revier trainieren die Polizisten mittels Virtual-Reality-Brillen den Wechsel von Perspektiven. Nach besonderen Schocks wird der Ton ausgeblendet und von Musik überlagert. Der „Tatort“ aus Franken stellt so die Wahrnehmung auf eine harte Probe, schafft es, oft zu irritieren, mitunter zu verstören.

Tatort: „Wo ist Mike?“, läuft am Sonntag, 16.5., um 20.15 Uhr in der ARD.

Wertung: 3 von 5 Punkten

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.