Berlin - Herbstzeit ist oft Lesezeit. Im nasskalten Oktober wird Frankfurt am Main zur Buchstadt, Verlage feiern die nächste Literatursaison. ARTE versucht Lesefans jetzt aber doch vor den Fernseher zu locken und zeigt unter dem Titel „Fokus Literatur – Werke, Autoren, Kontroversen“ zehn unterschiedliche Dokumentation zu den vermeintlich großen Werken der Weltliteratur. Die, einziger Knackpunkt der Reihe, nur von Männern geschrieben worden sind. „Frauenliteratur“ – so scheint es – gehört auch 2021 wohl noch nicht zur Weltliteratur.

Zu Beginn versucht der Sender nun „Die Wahrheit über Lolita“ herauszufinden, den über 65 Jahre alten – oft missverstandenen – Roman des russischstämmigen Autors Vladimir Nabokovs. Zur Erinnerung: Im Roman missbraucht der 37-jährige Ich-Erzähler Humbert Humbert die 12-jährige Dolores Haze, genannt Lolita, und schleift sie auf eine zweijährige Irrfahrt quer durch die USA der 40er-Jahre, ehe das Kind sich aus seinen Zwängen befreien kann. Besonders durch Stanley Kubricks gleichnamigen Film aus den späten 60er-Jahren erinnert sich das Publikum aber weniger an den pädophilen Missbrauch Humberts, sondern an die scheinbaren Verführungskünste eines 12-jährigen Mädchens gegenüber dem mehr als dreimal so alten Mann. Lolita ist seitdem – sehr zur Empörung Nabokovs – zum geflügelten Wort für sexy Kindfrauen geworden, beschrieben hat der Russe aber eigentlich ein mehrfach vergewaltigtes Kind, das schamlos ausgenutzt wurde.

ARTE gelingt es, durch Auswahl bedeutsamer Buchstellen und Gespräche mit internationalen Literaturwissenschaftlerinnen und Nabokov-Kennern das Lolita-Bild, oder besser gesagt: das Humbert-Bild, zurechtzurücken; die Mehrdeutigkeiten im Schreibstil Nabokovs werden entschlüsselt. Am Ende ist klar, dass „Lolita“ keine Liebesgeschichte ist, sondern ein inzestuöser Pädophilieroman. Der, so zeigen aktuelle Stimmen, noch immer hochaktuell ist. Für Literaturfans toll, für alle anderen wird's schnell öde.

Wertung: 3 von 5 Punkten

Die Wahrheit über Lolita, Doku, 55 Minuten, Arte, 13. Oktober 21:55 Uhr oder in der Mediathek

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.