Berlin - Im Nordosten Berlins leben über 400.000 Menschen. Mehr als in Bonn, Bochum oder Bielefeld. Im Großbezirk tummeln sich zahllose Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt. Und es werden immer mehr. Hier ein lokales Festival zu etablieren, macht Sinn. So kann ein Eindruck vermittelt werden, was in den Ateliers von Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee eigentlich so los ist. 

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
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Seit 2016 bietet das Artspring den lokalen Kreativen die Gelegenheit, die Black Box ihrer Ateliers zu verlassen und sich öffentlich vorzustellen. Artspring verwandelt für vier Wochen das Terrain zwischen Prenzlauer Berg und Buch quasi in einen dezentral-urbanen Galerieraum, der sich kreuz und quer vermessen lässt. Normalerweise. Denn natürlich musste in diesem Jahr das physische Flanieren in ein digitales verwandelt werden. Die Verbannung in den virtuellen Raum betrifft auch das Filmprogramm mit seinen über 20 Beiträgen.

Kinder und Jugendliche werden der elterlichen Erziehung entzogen

Wie das gesamte Festival steht seine Bewegtbild-Sparte in diesem Jahr unter dem Motto „Signale“. Das passt. Mehrere der von der Kuratorin Antje Materna ausgesuchten Beiträge wirken wie Klopfzeichen aus der Echokammer. Durch die Pandemie erscheinen die Laboratorien der Kreativen gleich mehrfach versiegelt. Doch die im geschlossenen Raum entstandenen Signale drängen vernehmlich nach außen. Ateliers werden zu Bühnen.

In „Lock down Frames“ geistert Gabriele Avanzinelli rastlos durch seine vier Wände, ringt mit den sich gegen ihn verschwörenden Objekten. In „Unmerklich“ von Marie-Ulrike Callenius beginnen Rahmen, Schablonen und andere Arbeitsmaterialien ein nervöses Eigenleben. Und Vanessa Cardui entlässt ein unscheinbares Geschöpf ins Freie: Als flüchtiges Objekt schlängelt sich der titelgebende „Rote Faden“ durch das Grau von Vorstadtstraßen und hinterlässt auf den Fassaden farbige Signaturen.

Gleich drei Filme nehmen die Isolation zum Anlass, um ganz aus Raum und Zeit auszubrechen. Julian van Grey schickt in „Transmission“ ausgepixelte Alltagsbilder als Menetekel aus dem Kosmos zurück auf die irdischen Bildschirme. „Blue Skins“ von Amor Schumacher stellt sich in den Underground verdrängte Clubs vor, in denen zaghafte körperliche Kontakte wie gefährliche Drogen gehandelt werden. Am komplexesten geht die Künstlerin Nina E. Schönefeld in „B. T. R.“ (Born To Run) vor. Im Jahr 2034 kontrollieren autoritäre Medienkonzerne das Weltgeschehen, ein Entkommen aus der totalen Kontrolle scheint kaum mehr möglich.

Kinder und Jugendliche werden der elterlichen Erziehung entzogen und in Trainingscamps zu Tötungsmaschinen abgerichtet. Doch an einem bestimmten Punkt des Drills schalten sich bei der Kadettin S.K.Y. Abwehrmechanismen frei. Sie steigt aus. Die Recherche über ihre eigene, vom Staat geraubte Identität führt sie Schritt für Schritt zum aktiven Widerstand. „B. T. R.“ erscheint nur auf den ersten Blick als Dystopie, wird bald zum aktuellen Appell der Einmischung. Der Film ist Edward Snowden, Julian Assange, Chelsea Manning, Andrea Röpke und anderen Aktivistinnen und Aktivisten des Ungehorsams gewidmet.

Das Programm findet sich im Internet unter https://www.artspring.berlin/

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.