Berlin - Anastasia macht erst mal Musik an. „Say So“ von Doja Cat. Wie kleine Wolken ziehen die gesungenen Sätze durch den Raum, ein luftiges Atelier zwischen Kreuzberg und Alt-Treptow, eine Zeile bleibt besonders im Gedächtnis. „You ain’t coming out your shell“, haucht Doja Cat – „du kommst einfach nicht aus deinem Schneckenhaus“. Ein bisschen passt das auch zu Anastasia Pilepchuk, die zum Interview in den Arbeitsräumen ihres Freundes sitzt. „Ich bin etwas introvertiert, besonders wenn ich arbeite“, sagt sie.

Für die Welt da draußen bleibt kein Platz, wenn Pilepchuck an ihren Masken sitzt. In emsiger Kleinstarbeit fügt die Künstlerin ihre Materialien zusammen, biegt Drähte, fädelt Perlen auf, schneidet, näht, knotet. „Ich fange einfach an, mit den Dingen zu spielen, Formen zu finden und sie zu verändern“, sagt sie. „Ich begebe mich in eine Art meditativen Zustand, ohne zu wissen, was genau dabei herauskommt.“ Nur eines ist sicher, eine Maske wird es werden. Nicht unbedingt eine, die sich über das Verdecken definiert – oft sind es eher feingliedrige Gebilde, die die Gesichtszüge der Trägerin oder des Trägers umspielen.

Joaquin Saccone
Stundenlang vertieft sie sich in die Handarbeit.

Dutzende davon hat Anastasia Pilepchuk in den vergangenen Jahren gemacht, womöglich Hunderte. Sie nähmen den größten Raum in ihrem Schaffen ein, so sagt Pilepchuk, auch wenn sie sich als multidisziplinäre Künstlerin begreife. Da gibt es schließlich noch die großformatigen Zeichnungen, die sie anfertigt und die, ganz ähnlich wie die Masken, aus unzähligen kleinen Elementen bestehen. Da ist das Areola Mag, das Pilepchuk in ihrer russischen Heimat herausbringt, eine Art feministisches Erotikheft. Bei einer Moskauer Modelagentur arbeitet sie außerdem als Art-Direktorin, mit einer Freundin tritt sie als DJ-Duo Maiden Obey auf. Und mit ihrem Freund Dmitry Paranyushkin, dem Mann mit dem Kreuzberger Atelier, hat sie vor einiger Zeit das Buch „The Flow and the Notion“ veröffentlicht, erschienen in Paranyushkins eigenem Berliner Verlag Circadian. Seine Gedichte treffen darin auf ihre Zeichnungen, „im Grunde handelt unser Buch davon, was passiert, wenn du mit jemandem zusammenarbeitest, den du liebst“. Noch ist es eine Liebe auf Distanz.

Joaquin Saccone
Die Künstlerin sitzt im Kreuzberger Atelier ihres Freundes.

Dmitry Paranyushkin wohnt bereits in Berlin. Anastasia Pilepchuk lebt und arbeitet noch in Moskau, so oft es geht, besucht sie ihren Freund, mehrere Monate im Jahr, der Antrag für ein dauerhaftes Visum läuft. Und so fern ihr die äußere Welt bei der Arbeit auch liegen mag – auf dem Einband von „The Flow and the Notion“ ist die Rede von ebenso „meditativen Zeichnungen“ –, die Heimat habe doch ihr Interesse an den Masken geprägt.

Seit 20 Jahren lebt Anastasia Pilepchuk in Moskau, aufgewachsen ist sie in Burjatien und Oblast Irkutsk, direkt am Baikalsee. „Dort ist der Schamanismus stark verwurzelt“, erzählt sie, „ich bin mit seinen Riten und Zeremonien groß geworden, auch mit seinen Farben, Kostümen und Masken.“ In der russischen Hauptstadt studierte Pilepchuk zunächst Mode an der Staatlichen Universität für Design und Technologie Moskau. Nicht die beste Entscheidung, so sieht sie das heute. „Gesagt zu bekommen, was schön ist oder wie etwas gemacht werden muss, damit es als schön erachtet wird – ich glaube, das hat etwas in mir zerbrochen.“ Als Modedesignerin jedenfalls hat Pilepchuk nach dem Studium nicht mehr arbeiten wollen. Zu den Masken sei sie eher über das Performative gekommen.

Zu Beginn waren die Masken für eigene DJ-Auftritte bestimmt

„Als ich noch häufiger mit meiner Freundin hinter dem DJ-Pult stand, wurde es für mich irgendwann wichtig, eine Art Barriere zwischen mir und dem Publikum aufzubauen“, erzählt sie, das habe ihr die Aufregung genommen. Aus auffälligem Make-up wurden bald auffällige Masken, aus den Masken für die eigenen Auftritte irgendwann jene, die Anastasia Pilepchuk heute in Ausstellungen präsentiert oder an Klientinnen und Klienten verkauft, ab 350 Euro geht es los. Viele von ihnen kämen aus dem Musikbereich oder orderten Masken für Filmproduktionen, auch auf Modefotografien werden ihre Arbeiten häufig gezeigt. „Ich verstehe meine Masken als Kunstobjekte, aber mir ist klar, dass sie gerade im Modekontext gut funktionieren.“

Joaquin Saccone
Alte Plastikflaschen verformt sie zu zarten Blüten.

Als Zitate auf Momente der Haute Couture allerdings, auf Elsa Schiaparellis Hybride aus Hut und Maske etwa oder Martin Margielas Eigenart, die Gesichter seiner Models zu verhüllen, soll man Pilepchuks Objekte nicht verstehen. Wenn bei der Arbeit überhaupt etwas von der äußeren in ihre innere Welt eindringe, so beschreibt es die Künstlerin, dann sei es eher die Natur, die sie zu organischen Formen bewegt. Oder es ist das Material an sich, das den kreativen Anstoß gibt. Zwei türkisblaue Plastikflaschen zum Beispiel zerschneidet Pilepchuk dann in viele Einzelteile, mit denen sie experimentiert – geschmolzen und verformt ergeben sie nun eine Maske. Für einen anderen Entwurf reiht sie Perlen sternförmig aneinander, fein säuberlich nach ihrer Größe sortiert. Oder sie klebt unzählige Kordeln zur Silhouette eines Pop-Art-Gesichtes zusammen. Stundenlang sitzt sie daran, „eine Art von Eskapismus“, sagt Pilepchuk.

Neben der Liebe sei auch das ein Grund, warum die Künstlerin möglichst bald nur noch in Berlin sein, hier leben will. Wer so in sich gekehrt arbeitet, braucht Platz, braucht Abstand – da lockt die Stadt mit ihrer Weite, ihrer unverwechselbar großzügigen Dimension. „Ich mag, dass Berlin mir den Raum gibt, den ich brauche“, sagt Anastasia Pilepchuk. Selbst wenn ihr oft das eigene Schneckenhaus genügt.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.