Ausstellung von DDR-Keramiken: Kunst für 28 Mark

Wie Malerinnen und Maler gingen die Mitglieder der Saalfelder Gruppe an die Gestaltung ihrer Keramiken heran. Einige ihrer Arbeiten sind nun im KVOST zu sehen.

Für die Schau hat Jan Linkersdorff Stücke aus seiner Sammlung bereitgestellt.
Für die Schau hat Jan Linkersdorff Stücke aus seiner Sammlung bereitgestellt.Julian Hemeldorf

Berlin-Jan Linkersdorff kann sich noch bestens an die DDR erinnern. Selbst wie viel Miete er für seine kleine Wohnung berappen musste, weiß er noch genau. „34 DDR-Mark“, sagt Linkersdorff, „zwei Zimmer mit Ofenheizung in Lichtenberg, die Toilette eine Treppe tiefer.“ Und im Vergleich dazu, so der Galerist und Sammler, seien die Keramiken der Saalfelder Gruppe doch recht kostspielig gewesen.

Auf den Böden einiger Vasen, die Linkersdorff dem Kunstverein Ost (KVOST) für eine aktuelle Ausstellung geliehen hat, sind neben den Signaturen der Künstlerinnen und Künstler auch die Originalpreise noch zu sehen. 28 DDR-Mark etwa sollte ein dunkelbraunes Modell aus Schamott-Ton kosten, nur geringfügig weniger als Linkersdorffs Monatsmiete damals. In der DDR sei die Keramik ein kleiner Luxus gewesen, den sich die Menschen gerne leisteten: „Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie damals Schlange standen, wenn Objekte einer bestimmten Manufaktur in einer Galerie erhältlich waren.“

Die äußerst kreativen Erzeugnisse der Keramikerinnen und Keramiker – die von den Kulturfunktionären weniger streng beobachtet wurden als ihre Kolleginnen und Kollegen aus der bildenden Kunst, so Linkersdorff – hätten den DDRlern die Möglichkeit gegeben, sich ein bisschen mehr Individualität ins Heim zu holen; sich ein bisschen abzugrenzen von Krethi und Plethi nebenan.

Viele Exponate sind im für die Künstlergruppe signifikanten „Saalfelder Grün“ gehalten.
Viele Exponate sind im für die Künstlergruppe signifikanten „Saalfelder Grün“ gehalten.Julian Hemeldorf

Vor den KVOST-Ausstellungsräumen in der Jerusalemer Straße mag es nun zwar nicht zu Schlangen kommen – aber das Interesse an den Keramiken, überhaupt an der Kunst der DDR sei groß, so der KVOST-Kurator Stephan Koal. „Wir haben schnell nach der Gründung unseres Vereins im Jahr 2018 gemerkt, dass es ein Bedürfnis danach gibt, diese Dinge zu sehen“, sagt er. „Und wir erleben immer wieder, wie unser Publikum aus Ost und West über diese Arbeiten in einen interessanten Dialog miteinander kommt.“

Rund 100 Keramikarbeiten, jede davon ein Unikat, zeigt Koal nun in seinen Räumen – eine Handvoll kommt vom Keramik-Museum Berlin, weitere Exponate entstammen der Sammlung des Kunsthistorikers und Mitbegründers des Schwulen Museums Andreas Sternweiler, den größten Teil hat Jan Linkersdorff beigesteuert. Sämtliche Vasen und Keramikarbeiten der Schau wurden von der Saalfelder Gruppe gemacht, die aus Gerhard Dölz, Karl Jüttner und Gerda Körting bestand.

Symbole für die Tugend, die sich aus der Not ergibt

„Dölz und Jüttner waren eigentlich Maler, nur Körting war gelernte Keramikerin“, erzählt Jan Linkersdorff. „Als sich die Gruppe in den Sechzigern dann zusammenfand, hat sie ihren beiden Kollegen die Keramikarbeit nähergelegt, letztlich auch beigebracht.“ Gerade den beiden malenden Herren der Runde sei der Drang zur Oberflächengestaltung geblieben, das sieht man ihren Vasen an. Bloße Alltagsgegenstände wie die Zwiebeltöpfe, die Gerda Körting in frühen Jahren noch töpferte, präsentierten Dölz und Jüttner nie.

Die Vasen, die nun im KVOST zu sehen sind, zeichnen sich durch ihre Dekoration aus, durch besonders vielseitige, immer andere, immer neue Gestaltungselemente. Und dadurch, dass sie Symbole sind für die Tugend, die sich aus der Not ergibt. „Im Westen standen in den Sechzigern bis Achtzigern schon viele unterschiedliche Glasuren zur Verfügung, sämtliche Chemikalien, die man dafür braucht“, erklärt Linkersdorff, „das war im Osten nicht der Fall.“ Also habe die Saalfelder Gruppe vor allem in die Oberfläche hineingearbeitet, abstrakte Musterungen in den Ton geritzt und gerädert, plastische Details entwickelt.

Im Fokus stand die Oberflächengestaltung, die Gruppe ritzte und räderte abstrakte Muster.
Im Fokus stand die Oberflächengestaltung, die Gruppe ritzte und räderte abstrakte Muster.Julian Hemeldorf

Glasuren kamen eher dezent, eben sparsam zum Einsatz. So ziert die Hälse und Öffnungen vieler Vasen nur ein schmaler farbiger, sanft schimmernder Rand. Wiederkehrend ist vor allem eine Farbe: das „Saalfelder Grün“, ein für die Künstlergruppe signifikanter Türkiston. „Der hat einen hohen Kupferanteil, was sich daraus ergibt, dass die Tonerde um Gera herum, aus der die Gruppe ihre Glasuren herstellte, sehr kupferhaltig ist“, erklärt Linkersdorff. Der Mann kennt sich aus.

Jan Linkersdorff arbeitete bis zum Fall der Mauer in der Galerie Unter den Linden. Heute leitet er die Studio Galerie Berlin in der Frankfurter Allee – auch das ein ehemaliger DDR-Kunstraum, den Linkersdorff 2012 übernahm. Seit ihrer Gründung im Jahr 1975 hat die Studio Galerie einen Fokus auf Keramiken gelegt – das passt nur zu gut zu Linkersdorff, der selbst früh mit dem Sammeln entsprechender Objekte, Vasen und Väschen, Schalen und Schälchen anfing.

„Im Jahr des Mauerfalls war ich 20 Jahre alt, schon ein junger Erwachsener, natürlich ist meine Identität eng verwachsen mit der DDR“, sagt er. Wie wohl für viele andere Menschen rühre auch daher sein großes Interesse an Kunst und Kunsthandwerk des Landes, das es heute nur noch in den Erinnerungen seiner ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner gibt.

Dass diese Erinnerungen lebendig bleiben, ist auch eine Aufgabe des Kunstvereins Ost. „Mit den Jahren geht ja immer mehr verloren von der DDR-Kunst, vom Handwerk, vom Design“, sagt Stephan Koal, der KVOST-Kurator. Also sei es wichtig, solche Ausstellungen zu machen. „Damit setzt man diese Namen, die in Vergessenheit zu geraten drohen, gewissermaßen fest.“

Gerhard Dölz und die Saalfelder Gruppe. Frühe Keramiken der DDR, Kunstverein Ost (KVOST), Leipziger Straße 47 / Eingang Jerusalemer Straße, bis 22. 12., Mi–Sa  14 bis 18 Uhr, +49 (0) 30 288 75 888, www.kvost.de


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