Berlin - Die Mitte-Kids treffen sich bei Tiny's Pizza in den Hackeschen Höfen – immer dem Zeitgeist auf der Spur. Der Neuseeländer Simon Ellery verkauft in der Markthalle 9 in Kreuzberg exotische Würste – ein Genuss! Berlin hat einen blinden Fleck: indisches Essen. Wo also ist die beste indische Küche? Wir sagen es Ihnen: Man muss sie bestellen. Bei Tiffin Berlin. Und bei KWA – kurz für Kebap with attitude – in Mitte kann man die Corona-Brechern am Gipsdreieck beobachten.

Youngsters-Pizza

Der Boom echter neapolitanischer Pizza hält in Berlin an. Inzwischen gibt es dutzende kleine Läden, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, die fast echte Kopie des original neapolitanischen Fast-Foods zu backen. Die coolsten und – wie ich finde, besten – Teigkünstler der Hauptstadt sind derzeit aber die Jungs von Tiny’s Pizza in den Hackeschen Höfen in Mitte. Angefangen haben die Tiny’s mit einem Pop-up und kleinen portablen Gasöfen. Inzwischen haben sie aber einen richtigen steinernen Pizzaofen. Der backt gleichmäßiger. Und die Cool Kids der Stadt (siehe Foto), die den Style der 90er-Jahre ins neue Jahrtausend bringen, umkreisen den neuen Pizzaofen des Düsseldorfers Max und seines holländischen Kollegen Tim wie die Fliegen eine Neonlampe in der Nacht.

Die Gründe für den Erfolg des jungen Duos liegen auf der Hand: Wenige Pizzabäcker in Berlin sind so freundlich, nirgendwo läuft so gute Musik und Ihre Pizzen sind weniger nass als die bei Standard Pizza in Prenzlauer Berg und die Tomatensoße ist nicht mit Tomatenmark gestreckt wie die bei Gazzo in Kreuzberg. Der Topseller der Jungs ist sicher derzeit die Pizza mit scharfer Salami (ein kleiner toskanischer Metzger stellt sie exklusiv für Tiny’s her), Stracciatella und Honig. Neben der vegetarischen Variante mit Kürbis, Pinienkernen und anderem Gemüse sollte man auch die Marinara mit Oliven und Sardellen probieren.

Derzeit backen die Jungs von Tiny’s Pizza im Piccolo Giardino in den Hackeschen Höfen. Für den Frühling ist allerdings eine zweite Location auf der Torstraße geplant. Man darf gespannt sein. Weiter so, Kids!

Tiny’s Pizza, Piccolo Giardino, Rosenthaler Str. 36, 10178 Berlin, Take away und Wolt: Freitag, Sonnabend und Sonntag 17 bis 21 Uhr.

Bewertung: 5 von 5 Punkten

Foto: Albrecht Alvensleben
Inzwischen hat sich Ellery’s Expertise für Wurstwaren aller Art in der Hauptstadt rumgesprochen.

Sausage Man Never Sleeps

Eine Senfallergie ist eine Katastrophe für einen Metzger und vor allem für einen Wurstmacher. Denn in nahezu jeder Brat-, Schmor- oder Kochwurst in Deutschland ist das Gewürz enthalten. Und jede (!) Wurst kann und sollte man hierzulande mit Senf essen.

Gut nur, dass der Allergiker in diesem Fall kein deutscher Fleischer ist, sondern mit Simon Ellery ein vor ein paar Jahren eingewanderter Neuseeländer, der unter der Marke „The Sausage Man Never Sleeps“ in der Markthalle 9 seine ausländischen Wurstspezialitäten anbietet: echte englische Frühstücks-Blutwurst (Black Pudding), Bratwürste aus verschiedenen Ländern mit verschiedenen Gewürzen, große Salamis und vor allem einen dick geschnittenen Bacon für den Hunderte englischsprachige Expats durch die ganze Hauptstadt fahren.

In seiner Wurstküche in der Greifswalder Straße, die er von einer alteingesessenen Fleischerei mietete, kann Ellery derzeit seinen Mitarbeitern nur Anweisungen geben. Denn er ist während der letzten Kältewelle auf dem Bürgersteig ausgerutscht. Dutzende Instagram-Follower haben ihm gute Besserung gewünscht.

In großen weißen Gummistiefeln steht er also jetzt auf dem rutschigen Boden, gestikuliert mit seinem Gipsarm (seine Freundin hat ihm ein paar Strasssteine draufgeklebt) und gibt Anweisungen. In dem großen Cutter wird gerade bestes Bio-Rindfleisch aus der Region zu einer scharfen Variante der amerikanischen und in Louisiana bekannten Andoullie verarbeitet. Mit der kann man wunderbare Linseneintöpfe würzen oder sie einfach im Ring auf dem Grill braten. Wunderbar!

Inzwischen hat sich Ellery’s Expertise für Wurstwaren aller Art in der Hauptstadt rumgesprochen. Italienische Restaurants wollen Salsicce bei ihm bestellen. Mit dem amerikanischen Pizzaladen Magic John’s in der Oranienstraße hat Ellery sogar eine eigene Salami entwickelt, die gerade fettig genug für eine echte New York style Pizza ist.

Und obwohl sich der Sausage Man mit exotischsten Würsten aus der ganzen Welt auskennt, darf man von ihm keine philosophischen Erläuterungen – wie sie heute ja so in Mode sind – zu seinen Produkten erwarten. Er mache einfach gute Wurst und guten Bacon: „Metzger bin ich nur geworden, weil ich so mies in der Schule war.“

The Sausage Man Never Sleeps, Markthalle 9, Eisenbahnstraße 42–43, 10997 Berlin, Freitag und Sonnabend 10 bis 18 Uhr.

Bewertung: 5 von 5 Punkten

Foto: Tiffin Berlin

Tiffin – indische Ghost Kitchen

Berlin hat einen blinden Fleck: indisches Essen. Es gibt exzellente Japaner, Sichuanchinesen, Österreicher, Thais, Katalanen, ganz abgesehen von jeder erdenklichen italienischen Regionalküche. Wo aber sind die fantastischen Inder? Gut, es gibt den India Club im Adlon und die tollen Dosas von Chutnify. Beides ist aber zu speziell für eine schnelle Dosis Soulfood. Bislang wurde ich am ehesten bei Bahadur glücklich, aber das ist vom Osten der Stadt halt auch ziemlich weit weg. Mitten im x-ten Lockdown dann die aufregende Nachricht: Es gebe einen indischen Lieferservice. Und er sei verdammt gut. Yeah!

Der Tiffin bezieht sich auf jene Metallboxen, in denen in indischen Großstädten zur Mittagszeit Mahlzeiten ausgeliefert werden, und zwar von den sogenannten Dabbawalas. Funktioniert anscheinend reibungslos – und das bei 200.000 Portionen pro Tag. So viele sind es bei dem Inder Sachin Obaid und dem vor fünf Jahren aus Pakistan geflüchteten Suleman Thaker natürlich nicht. Gemeinsam kochen sie in der Küche des Kreuzberger Moksa – es handelt sich also um eine sogenannte Ghost Kitchen. Indisches Comfort Food, wie ihre Mütter es zubereitet haben – genau das also, was auch Westeuropäern die „Pandemüdigkeit“ aus den Knochen treibt.

Die überschaubare Karte wechselt nach Lust und Laune. Geliefert wird nur am Wochenende, oft ist schon einige Tage vorher alles weggeordert. Wochenlang lauere ich auf Irgendwas-mit-Aubergine (Pandemieprokrastination Nr. 1: Lieferservicespeisekarten checken), Anfang März schlage ich dann zu. Baingan Ka Bharta ist eine herrlich sämige Auberginen-Pampe (sorry!), bestehend aus gegrillten und zerdrückten Auberginen, Tomatenpüree sowie Ingwer-Knoblauch-Kreuzkümmel, selbstbewusst gewürzt und vermutlich den halben Lockdown über auf kleiner Flamme geköchelt. Absolut not instagrammable. Absolut köstlich!

Der Linseneintopf Ghar Ki Dal knallt mit ähnlicher Schärfe, ohne dass andere Aromen darunter begraben würden. Wer den Koriander-Minz-Joghurt Raita nicht mitbestellt hat, hilft mit etwas Naturjoghurt nach. Als Beilagen gibt es Reis mit Rosinen, Cashews und Safran sowie Achaar, in Senföl mariniertes Gemüse, an dem ich mich hätte satt essen können. Einzig das eher trockene Naan blieb hinter den Erwartungen zurück, wobei sich die Tiffin-Boys demnächst einen Tandoori-Ofen zulegen wollen, der Abhilfe verspricht.

Volle Punktzahl für das Dessert Kheer: ein vermeintlich schlichter Reispudding mit Pistazien und Rosenwasser, kein bisschen pappig, sondern von satter Rahmigkeit, wie das Essen der Kindheit mit weltläufigem Twist. Bei der Getränkeauswahl hat sich das Duo vom Geschmack seiner Wahlheimat leiten lassen, kein Chai, sondern Kombucha von Roy, Naturweine und Craft Beer von BRLO. Inzwischen liefert Tiffin schon fast berlinweit, alternativ können die Gerichte im Moksa abgeholt werden. Der so lange mit so großem Eifer gesuchte tolle Inder ist also plötzlich da, wo wir ihn am wenigsten vermutet hätten: in der eigenen Küche.

Bestellungen Tiffin – Mindestbestellwert: 20 Euro. Geliefert wird Freitag, Sonnabend und Sonntag zwischen 17 und 19 Uhr.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Foto: Deniz Buchholz
Der Döner bei Kebap with attitude.

Kebap with attitude

Die Pandemie hat den Foodies dieser Stadt keine leichte Zeit beschert. Die vergangenen Monate waren geprägt durch schlecht eingepackte Take-away-Matsch-Burger, kalte Pizzen in Pappkartons und vorgefertigte Sterne-Gerichte in Zutatenboxen, auf die man bereits beim Anschauen keine Lust hat.

Eine Tradition hat mir während der Pandemie immer wieder die Stimmung versüßt: und zwar Döneressen am Gipsparkdreieck in Berlin-Mitte bei the one and only Kebap with Attitude, also KWA. Eigentlich dürfte man gar nicht von Döneressen sprechen, da für die Aficionados der Szene der KWA-Kebab nicht viel mit einem konventionellen Döner zu tun hat. Denn: Die Besitzer des Lokals haben sich dazu entschlossen, die Kebab-Erfahrung zu revolutionieren und ein Produkt anzubieten, das mit den hohen Erwartungen des Mitte-Klientels Schritt halten kann. Das heißt: exzellente Qualität, Fleisch aus der Region (aus artgerechter Haltung und händisch zubereitet – die Spieße sind selbst gesteckt). Auch die anderen Zutaten sind von feinster Qualität und sorgen für ein Kebaberlebnis, das man in Berlin gar nicht so oft machen darf – obwohl ja die Stadt als Mekka des Drehspießes gilt.

Besitzer Deniz Buchholz zeichnet für die Idee verantwortlich. Er war es, der sich mit seinen Freunden im Jahr 2019 in den Kopf gesetzt hat, die Berliner das Döneressen neu zu lehren. In der Pandemie hat sein Laden eine ganz besondere Bedeutung. Weil: Man kann sich den KWA-Kebab bei einigermaßen erträglichem Wetter auf die Hand servieren lassen und sich auf ein Mäuerchen am Gipspark setzen. Gleich in der Nähe ist die Weinhandlung neungrad°, die vor allem deutsche Weine und Top-Beratung anbietet.

Während der Pandemie habe ich mir immer mal wieder einen Kebab bei KWA bestellt, einen Wein geholt und dem Treiben am Park zugeschaut (auch dabei: Spontanpartys, die von der Polizei aufgelöst wurden). Ganz ehrlich: Die kleinen Picknicke haben mich durch einige triste Tage gebracht. Wer also ein Gefühl für den Spätsommer 2021 bekommen möchte, einen Spätsommer womöglich ohne Masken und Pandemie, dem sei das Kebabessen bei KWA ans Herz gelegt. Besseres Picknick geht kaum.

Kebap with attitude, Gipsstraße 2, 10119 Berlin, 12–22 Uhr. Die Gerichte gibt es auch per Lieferung z. B. per Wolt.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Diese Texte ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.