Berlin - „Man muss dem Körper Gutes tun, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen“, eines der wohl berühmtesten Zitate von Winston Churchill. Zwar steht der Verdacht im Raum, dass der berühmte britische Premierminister diese Worte in leicht abgeänderter Form von Teresa von Ávila übernommen hat. Doch Plagiat hin oder her, die Aussage verliert nicht an Bedeutung. Unser Autor ist in diesem Zusammenhang der Meinung, dass Corona-Verbote sich nicht auf gutes Essen erstrecken dürfen. Hier verrät er seine persönlichen Food-Highlights aus Berlin.

„Guten Dag – Korean Fried Chicken“: Billig, klebrig, gut!

Wir alle wollen uns doch gesund und nachhaltig ernähren. Klar, Klimaschutz, niedrige Treibhausgasemissionen und Tierwohl werden vom modernen Großstädter inzwischen auch bei der Ernährung mitgedacht. Unter der Woche geht es für viele inzwischen zum Biomarkt. Aber was machen wir, wenn wir Sonnabendmorgen mal verkatert sind? Wenn unser Körper nur einfach ganz viel Fett, Salz und Zucker auf einmal aufnehmen möchte? Wenn uns für einen Wimpernschlag mal egal ist, dass das Hähnchen (in diesem Fall goldbraun paniert und mit klebriger koreanischer Sojasoße übergossen), was wir essen, für sein ideales Schlachtgewicht nur 30 Tage zu leben hatte? Ja dann pilgern wir mit Vorfreude zu „Guten Dag“. Das heißt koreanisch übersetzt „Guten Hähnchen“.

Und stellen uns geduldig unter den Gleisen der S-Bahn-Station Schönhauser Allee in die Schlange. An dem runden grünen Imbissstand – der früher mal eine Currywurstbude war – werden sündhaft billige Zutaten verwendet, die werden hier aber vom freundlichen Personal gekonnt zu kleinen knusprigen Kunstwerken zusammenfrittiert und dann auf Pappe gelegt. Die Pommes, die man in jedem Fall bei „Guten Dag“ dazubestellen sollte, sind dagegen weder heiß noch knusprig, aber genau das ist hier eben der Clou: So nehmen sie die Soßen (es gibt zwei und die kommen hier stilecht aus einem Plastikeimer) besser auf. Zwar bietet „Guten Hähnchen“ auch Kimchi und eingelegten Rettichsalat an, aber die werden als Beilage meist nur vom Anfänger bestellt. Der Experte konzentriert sich hier schließlich aufs Wesentliche. Und wird trotzdem begeistert sein. Und das schlechte Gewissen ist auch für einen kurzen Moment vertrieben.

Angebot: 6 Stück paniertes Hähnchenkeulenfleisch („Small ohne Knochen“) mit Pommes und scharfer Sojasoße kosten 10 Euro. Ein halber Liter Berliner Kindl komplettiert das Angebot auf knappe 13 Euro. Guten Dag – Korean Fried Chicken, Unter den Gleisen, Schönhauser Allee 71-72, 10437 Berlin, täglich 12–22 Uhr.

Pâtissérie Canal: Viel Füllung, viel lecker

Das Beste an einem französischen Eclair ist die Füllung. Denn ohne die steht es nackt da, ein schnöder Brandteig, bei dem hoffentlich nicht an Butter gespart wurde. Die Form ist weniger edel als beim Croissant, denn das Eclair erinnert eher an einen Hotdog oder etwas Phallisches (die ungelenke deutsche Übersetzung lautet: „Liebesknochen“). Trotzdem hat das Eclair auch außerhalb Frankreichs seine Fans. Die besten der Stadt, sagt der polarisierende Sternekoch Tim Raue, gibt es bei Canal (Linienstraße 40). Die werden hier zwar nicht – Skandal – von Französinnen handgefertigt, sondern von tätowierten, aber talentierten Venezolanerinnen.

Bis vor kurzem musste man dafür in die zu Pandemiezeiten vollständig tourismusbereinigten Hackeschen Höfe fahren. Jetzt haben Daniella Barriobero und Guadalupe Eichner in einen extrem berlinmittigen space in der Linienstraße expandiert. Genau dorthin, wo vorher die Black Isle Bakery war. Nichts lieben die Berliner in diesen trüben Tagen mehr als Instafood. Doch wer hier mitessen will, muss schnell sein, denn die Ware ist schnell ausverkauft. Der umsichtige Käufer tätigt seine Bestellung vorab online. Und lässt sich die behutsam verpackte Papierschachtel nur noch rausgeben.

Foto: Canal
Venezolanerinnen statt Franzosen: die Eclairs von Canal.

Darin liegen sie also: einmal die Variante mit Pistazien und bei sechs Grad beinahe obszön-sommerlichen Himbeeren, einmal mit Kakaonibs und dunkler Valrhona-Schokolade. Auf die Hand gibt es noch ein kugelförmiges Brandteiggebäck mit Erdnussbutter-Schokofüllung und Marshmallowtopping.

Die Schokovariante sieht mit ihren abstrakten Bruchstücken aus wie Kunst, schmeckt aber ein bisschen langweilig, an der Pistazie gefällt vor allem die üppige, leicht gesüßte Creme aus Nüssen bester sizilianischer Qualität. Auch die Peanutbutter-Mixtur ist angenehm salzig. Wer sich die Mühe macht, den Teig pur zu probieren, dürfte sich allerdings an dessen geschmacklicher Neutralität und Trockenheit stören. Vielleicht muss das so. Vielleicht haben wir auch einfach zu wenig Ahnung von der klassischen pâtissérie française, oder aber der Winter hat uns zu viel Speck auf die Hüften gebracht. Beim Croissant gilt die alte Regel: viel Butter, viel lecker. Beim Eclair dagegen: viel Füllung, viel lecker.

Canal, Linienstraße 40, Berlin-Mitte, täglich 12 bis 18 Uhr, außer Montag & Dienstag.

Beste Burger in Berlin: „Crackbuns“

Nur damit keine Missverständnisse entstehen: Diese Zeilen werden von einer Person geschrieben, die sich in der Diskussion um den besten Burger Berlins einen prominenten Namen erarbeitet hat. Zumindest im Freundeskreis. Seit 2003 verfolge ich die Großwerdung des amerikanischen Snacks vom Alltagsbilligprodukt zur ausgetüftelten Geschmackskomposition. Natürlich, Maßstab und Vergleichsreferenz für jedes Urteil war schon immer der Burger in New York. Berlinerinnen und Berliner, die sich als Kosmopoliten verstehen, träumten in den 2000er-Jahren von den saftigen Patties der Ostküste und rümpften die Nase über die Gleichmacherei der vielen hauptstädtischen Brutzelstuben, die den Burger in seiner Filigranität nicht höher einzuschätzen wussten als ein Koch einen Milchshake in einer McDonald’s-Filiale. Diese Zeiten sind gottlob vorbei.

Der große Aufbruch fand mit dem Bird in Prenzlauer-Berg statt. Zwei New Yorker brachten eine Variation des Burgers nach Berlin, die jeden Kenner der US-Kultur aus der Depression holte: mit saftigem, fettigem, hochqualitativem Rindfleisch aus den USA, grob gemahlen und zwischen zwei dezent heiß gemachten Toasties geschoben. Dazu krosse Pommes und ein Blättchen Salat als symbolisches Beiwerk. So muss es sein!

In den 2010er-Jahren brachte die Hipsterisierung Berlins und der Zuzug von Expats immer bessere Burgerläden in die Stadt. Momentan sind auf meiner Top-10-Liste Läden wie Marthas Delicious Burgers (in Kreuzberg, Mehringdamm 40) und die Filialen der recht neu in Berlin ansässigen Kette 5 Guys (es gibt drei Ableger: am Alexanderplatz, am Kurfürstendamm und an der Mercedes-Benz-Arena). Der Cheeseburger der lokalen Berliner Kette Burgermeister darf in dieser Aufzählung nicht fehlen. Was nebenbei auch gesagt sein muss: der viel gefeierte Burger der Imbissbude BBI in Neukölln (Berlinburger International, Pannierstraße 5) ist maßlos überschätzt!!!

Foto: Crackbuns 
Sliders sind ein Genuss! Bei Crackbuns in Mitte gibt es neuerdings die besten Variationen der Stadt.

Dieser lange Vorspann ist notwendig, damit jeder versteht, warum die neue Burger-Filiale Crackbuns (Auguststraße 63) in Berlin-Mitte so großartig ist. In der Genese der immer besseren Burgerkultur in Berlin hat Crackbuns mit der Eröffnung im Pandemiejahr 2020 neue Maßstäbe gesetzt und die Kultur des Redens über Burger fundamental verändert. Erstmals in Berlin gibt es einen Laden, der sich auf „Sliders“ spezialisiert. Das sind kleine Burgerhappen, die durch die Weichheit des Burgerbröchtens (des sogenannten Buns) sich perfekt in den Mund schieben lassen, ohne für viel Dreck und Verschmutzung um die Lippen herum zu sorgen.

Die Sliders von Crackbuns sind kleine Meisterwerke. Das Fleisch ist saftig und fettreich (außerdem bio), die Soßen sind perfekt abgestimmt und die selbst gebackenen Brötchen ein Gaumen betörendes Erlebnis. Selbst ein New Yorker wäre beeindruckt von dieser Art von Komposition. Als Napoleon das erste Mal auf Goethe getroffen ist, soll er über den Dichter gesagt haben: „Voilà, un homme!“ („Siehe da, ein Mensch!“) An diesen Satz musste ich denken, als ich das erste Mal in einen Slider von Crackbuns biss. „Voilà, ein Burger.“

Crackbuns, Auguststr. 63, Berlin-Mitte, täglich 12 bis 22 Uhr. Wolt liefert die Gerichte aus.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.