Berlin - Wo steht eigentlich Berlins schönste Imbissbude? In Kreuzberg. Betritt man den grün-weiß gefliesten Innenhof des Mykita-Hauses (im Pelikan-Haus) in der Ritterstraße, strahlt die kleine gelbe Kiste schon von weitem. Kioski (finnisch für Kiosk, klar) steht in großen Neonbuchstaben darauf. Bei der kleinen, vielleicht zwei mal zwei Meter großen Kiste handelt es sich um ein sozialistisches Designunikat aus den späten 60er-Jahren.

Früher besiedelten die kleinen Kisten aus Fiberglas (die an die gelben Telefonzellen im Westen erinnern) den gesamten Ostblock. Sie dienten als Parkwärterhäuschen, Zeitungskiosk oder Würstelstand. Entworfen hat das K67 – so heißt der Entwurf – der slowenische Architekt Sasa J. Mächtig. Jahrzehntelang waren diese kleinen wetterfesten Häuschen im Einsatz, inzwischen gibt es leider nur noch wenige. Deshalb hat das Museum of Modern Art in New York das knuffige Häuschen auch in seine Sammlung aufgenommen.

Kioski-Wirtin und Schauspielerin Anne-Marie von Löw hat eine der letzten K67 vor zwei Jahren aus Ljubljana mitgebracht. Gelb lackiert, aufgearbeitet und zu einer Imbissbude umfunktioniert, wo man für eine Kaffeepaussi – so nennen Finnen liebevoll jede Art von Pause – einkehren kann. Denn in keinem Land der Welt trinken die Menschen so viel Kaffee (Filterkaffee) wie in dem Land an der Grenze zu Russland. Und wer so eine Kaffeepaussi abhalten will, der besucht eben das Kioski.

Nur hier gibt es originale und selbst gebackene finnische Piroggen mit Käse und geschmolzenem Ei oder Zimtschnecken. Und die schmecken wirklich wie in Finnland. Der Grund: Frau Löw hat eine finnische Großmutter und produziert die kleinen Piroggen mit der ganzen Familie am Küchentisch. Sie sind bei den Angestellten im Mykita-Haus so beliebt, dass sie mittags meist schon ausverkauft sind.

Also beeilen Sie sich. Einziges Manko beim Kioski ist allerdings, dass es nur kräftigen neapolitanischen Kaffee aus der Espresso-Maschine gibt und leider keinen herrlich dünnen finnischen Filterkaffee. Aber das ist dann auch nicht so schlimm. Denn wenigstens kann man auf den kleinen Bänken rund um die kleine Bude aus Fiberglas sitzen. Das Ordnungsamt hat es noch nicht in den kleinen Innenhof geschafft. Und das ist gut so. (Jacques Ritzel)

Bewertung: 4 von 5 Punkten.

Kioski, Mykita-Haus, Ritterstraße 9, 10969 Berlin, Montag bis Donnerstag 9 bis 17 Uhr.

Foto: Stefan Melchior
Man darf sich zwar nicht reinsetzen, aber bestellen geht immer: Restaurant Molinari in Kreuzberg.

Römischer Klassiker: Molinari

Auf eines dürfen sich Foodies an dieser Stelle verlassen: dass nach dem Lockdown Rezensionen zu neuen Pizzerien zwischen Prenzlauer Berg und Neukölln hereintrudeln, die das Trendgericht „neapolitanische Pizza“ kritisch unter die Lupe nehmen.

Klar, der Kult um das runde Teiggericht ist schon ein paar Jahre alt. Im Vergleich zur Nuller-Jahre-Pizza (die flache, dünne, römische Variante) ist die neapolitanische Version hefelastiger und dicker, etwas süßer (wegen der San-Marino-Tomatensoße) und käsiger (wegen des Belags aus Büffelmozarella). In den Hauptstädten der Welt hat sich um die neapolitanische Pizza ein Kult herauskristallisiert, der auch in Berlin die Pizza-Neueröffnungen weiter dominiert.

Gazzo-Pizza in Neukölln und Standard in Mitte stehen in der Kritikergunst zurzeit ganz weit oben. Der Clou ist, dass die neapolitanischen Pizzaläden, auch jene in Berlin, eigens in Süditalien gefertigte halbrunde Pizzaöfen installiert bekommen, um ihre Pizzen wie die Neapolitaner backen zu können. Keine schlechte Idee.

Die Frage wäre nun: Müsste der Hype nicht langsam zu Ende gehen? Ich jedenfalls spüre eine leichte Übersättigung angesichts einer Pizza-Variante, die wegen ihrer überproportionalen Teiglastigkeit schwer im Magen liegt und den Verdauungstrakt hart auf die Probe stellt. Übersättigung kann man hier wortwörtlich nehmen.

Aufgefallen ist mir die neapolitanische Überreizung, als ich zu einem (Berliner?) Klassiker griff und eine Margherita-Pizza bei Molinari in Berlin-Kreuzberg bestellte. Seit Jahrzehnten bietet das italienische Restaurant im Kreuzberger Bergmannkiez die römische Pizza-Variante in ihrer puritanischen Großartigkeit an, dünn und kross gebacken, frisch und leicht belegt, mit süßer Tomatensoße zubereitet. Begeisterung durch bodenständige Raffinesse! Um es mit Leibniz zu sagen: Es ist die Pizza, die wie das Beste aus allen möglichen Welten daherkommt. 

Das Tiramisu ist ebenso „state of the art“ (kein Matcha-Belag oder ähnlicher Schnickschnack drauf), der Thunfisch-Salat ist mit feinstem Olivenöl und ohne andere Experimente verfeinert. Außerdem legen die Pizzabäckerinnen bei Lieferando-Bestellungen auch noch handunterschriebene kleine Grußbotschaften bei, die das Herz vor dem Essen erwärmen. Kurzum: Wer bei Molinari bestellt, bekommt eine Pizza, wie man sie nicht besser in einer lokalen Geheimtipppizzeria in der Hauptstadt Italiens bekommen würde. Eine Genugtuung!

Aus dieser Beobachtung stellt sich nun die Frage: Was kommt, wenn der neapolitanische Pizza-Hype (wie der Burger-Hype) erlahmen wird? Back to the roots? Wird die römische Pizza wieder so gefeiert werden, wie sie es verdient? Sehr gut möglich. Doch ganz entschieden ist die Sache nicht. Eine tatsächliche Gefahr lauert aktuell in einer Mini-Pizza-Variante. Im Lockdown nämlich haben hier und da Pizza-Läden aufgemacht (wie etwa das wirklich empfehlenswerte Ripieno in der Monumentenstraße 21), die eine ganz neue Pizza-Version anbieten: die sogenannte Pinsa.

Sie gibt selbst eingefleischten Food-Podcastern Rätsel auf und besticht durch ihre kleine Form und den herzhaften Belag. Tatsächlich handelt es sich um eine Mini-Pizza, die der Focaccia ähnelt und aus dem zentralitalienischen Latium kommt. Keine schlechte Idee, weil handlich. Aber den römischen Klassiker wird auch dieser Food-Trend nicht infrage stellen können. (Tomasz Kurianowicz)

Bewertung: 5 von 5 Punkten.

Molinari, Riemannstr. 13, 10961 Berlin, tägl. von 12 bis 21.30 Uhr, Lieferando liefert in Kreuzberg.

KFoto: Coockies Cream
Essensboxen von Cookies Cream: Sterneküche für Zuhause.

Leicht wie Sashimi: Cookies Cream

„Frühling, Sommer, Herbst, Winter ... und Frühling“: Der Titel dieses koreanischen Art-House-Films passt ganz gut zum Rhythmus einer Pandemie, die schon fünf Jahreszeiten lang unser Leben bestimmt. Genauso lange gibt es die Cookies Show, die Kochbox für zu Hause aus Berlins einzigem vegetarischen Sternerestaurant. Mitte April probiere ich sie zum dritten Mal, und kann sagen: Das hohe Niveau haben Cookies-Cream-Betreiber Heinz Gindullis und Chefkoch Stephan Hentschel durchweg gehalten.

Wie immer enthält die angelieferte Papiertüte – 59 Euro kostet das Vier-Gang-Menü pro Person – nicht nur durchnummerierte Vakuumbeutel, sondern auch Kerzen, Glückskekse, ein per QR-Code abrufbares Kochvideo und eine Spotify-Playlist. Während Roberto Lodola mit seinem Feeling of the Sun gegen das miese Wetter ansingt, bereiten wir den ersten Gang zu.

Das hausgebackene Baguette kommt nur kurz in den Ofen, die aufgeschlagene Butter mit scheuem Frühlingszwiebelaroma in eine Schale, fertig. Das dazugehörige „junge Wurzelwerk“ erweist sich als pastellfarbenes Gartenpotpourri (Hentschel spricht von „Gemüsesashimi“): marinierte und fermentierte Beten, Haferwurzeln, Salzgurken, Schalotten und Kartoffeln, dazu eine halbe Handvoll (bitte mehr!) Wildkräutersalat mit einem göttlichen Trüffeldressing.

Letzteres würde ich mir ebenso gerne für meine Vorratskammer anschaffen wie den Aperitif, einen Rhabarber-Vanille-Zitronennektar. Nicht die Frucht, sondern Pfeffer und Tabasco bizzeln angenehm im Mund und ergeben einen komplexen, alkoholfreien Drink. Weiter geht es mit einer mitsamt Beutel in heißem Wasser aufzuwärmenden Sellerieessenz mit Selleriewürfeln, geradlinig und mit präziser Säure.

Als jemand, der klaren Brühen generell nicht so viel abgewinnen kann, freue ich mich über das Topping aus geräuchertem Tempura, auch wenn es seinen Knusper schnell verliert. Auch der Hauptgang wird einvakuumiert kurz ins heiße Wasser gegeben, es sind Streifen aus Erdkohlrabi auf einer Bärlauchcreme, die geschmacklich eher an Erbsen erinnert, mit essbaren Blüten und einer für zwei Personen leider knapp bemessenen Mandelsalsa.

Ein Teller auf der Höhe der Zeit, saisonal, pflanzenbasiert, instagrammable. Wenn ich die Zutatenliste richtig interpretiere, ist das Menü mit Ausnahme von Bärlauchcreme und Butter – bei der haben wir es krachen lassen – vegan. So auch das Dessert, ein aus verschiedenen Nüssen bestehendes Granola auf Maracuja-Quitten-Püree. Mehr als über dieses an Quetschies (das bei Kindern so beliebte Fruchtpüree aus der Tüte) erinnernde Mus hätte ich mich über eine Schokocreme gefreut. Trotzdem mag ich die Grundidee. Nach vier Gängen fühlen wir uns Sashimi-leicht und nicht, wie das bei anderen Kochboxen – oder koreanischen Art-House-Filmen – gelegentlich der Fall ist, schon vom Zubereiten ausgelaugt. Die Pandemie kann gehen, der Frühling kommen. (Eva Biringer)

Bewertung: 4 von 5 Punkten.

Cookies Cream, Behrenstraße 55, 10117 Berlin, Dienstag bis Sonnabend 18 bis 1 Uhr.

Lee Thompson
A hug from inside: die Pies von St. Bart.

Pies, Pies, Pies & Peas: St. Bart

Die Pandemie hat manchmal eben auch ihr Gutes. Man muss nicht reisen, um träumen zu können. Manchmal ist ein kleiner Urlaub trotz Lockdown ganz nah. So unerreichbar wie Devon im Westen Englands auch scheint, in Berlin ist der Weg zum Gastropub St. Bart nach Kreuzberg trotz einer Demonstration am Donnerstagabend (Tausende Berliner protestierten etwa in Neukölln oder Kreuzberg, mit Topfdeckeln bewaffnet, gegen das Mietendeckel-Urteil des Bundesgerichtshofs) plötzlich greifbar.

Doch wie um diese Uhrzeit noch an echtes englisches Pub-Food gelangen? Es ist 20 Uhr abends. Eigentlich viel zu spät für britische Küche. Sechs Grad im April. An solchen Tagen ist ein anständiger fettiger Pie (das sind angelsächsische, im Ofen gebackene, meist dunkle, Eintöpfe mit Blätterteig- oder Kartoffelpüreedeckel) zum Selberbacken zu Hause doch das Beste.

Nur, wie die unlösbare Aufgabe meistern? Ein erster Anruf im St. Bart in der Graefestraße (sonst ein herrliches kleines Pub mit guter Weinkarte, das gerne Steaks, frische Salate und Radieschen mit gerührter Butter serviert) verhallt. „Sorry we're closed“, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. Man habe gerade den Ofen ausgemacht und fange jetzt an, zu putzen. Enttäuschung. Dann doch wieder zu Adana Grillhaus in der Manteuffelstraße. Wie immer. Schmeckt sehr gut, ja, aber jetzt fühlt sich ein knusprig gegrilltes Kebab-Schwert nur wie ein Kompromiss an.

Dann der Rückruf: 20 Minuten sei man jetzt noch da. Und ja, man habe noch ein paar Pies übrig. War das ein Brite? Ein Neuseeländer? Oder ein Australier? Egal, Hauptsache Commonwealth. Jetzt schnelle Entscheidung: vegetarisch? Hähnchen und Mehlschwitze? Fischpie? Oder Shepherd's Pie mit Lammschenkel? Letzteres!

Und jetzt schnell Fuß aufs Gaspedal und ab in die Graefestraße: Pie abholen und ein paar junge Erbsen mit Butter und frischer Minze dazubestellen. 26 Euro. Soll für drei Personen reichen. Wir sind zu zweit. Kein Streit also. Und jetzt wieder ins Auto, schnell nach Hause. Schlüssel umdrehen, nach oben hasten. Den Ofen vorheizen. Eine Flasche Beaujolais öffnen und warten. Entweder 30 Minuten bei 200 Grad steht auf der Anleitung. Oder: „Just trust your eyes.“

Und das Ergebnis? Besser geht es im Lockdown wirklich nicht. A hug from inside. Eine Umarmung von innen. Die Pie schmeckt wirklich nach Urlaub. Ein bisschen so, wie wenn man nach einem Strandspaziergang über die Klippen an der Küste von Cornwall macht, und links auf der Wiese grasen die kleinen, freundlichen, rotbraunen, britischen Rinder (Devon Red Ruby genannt). Und wenn man danach durchgefroren zurück ins Cottage marschiert. Und die duftende Pie aus dem großen Kerosinofen holt. (Jesko zu Dohna)

Bewertung: 5 von 5 Punkten.

St. Bart, Graefestraße 71, 10967 Berlin, Mittwoch und Donnerstag 13 bis 20 Uhr.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.