Berlin - In dieser Woche mit dabei: leckere Sandwiches und Weine im Gassenverkauf der Bar Freundschaft, ebenso die traumhaft frischen Meeresfrüchte von VOLK Mitte. Die Zitronentarte im Café frank ist definitiv ein Gedicht, und zumindest guten Cappuccino mit Bohnen aus der Berliner Kaffee-Rösterei genießt man auf der Herrmannstraße von nun an in der Gorilla-Bäckerei. 

Peter Rigaud
Ein Besuch in der (Wein-)Bar Freundschaft kann definitiv auf die Post-Lockdown-Liste.

Gassenverkauf in der Bar Freundschaft in Mitte

Was macht man in Berlin Schönes an einem Sonntag im weich-harten Lockdown? Die Regierung will, dass wir drinnen bleiben oder draußen spazieren gehen. Dass Außengastronomie verboten ist, habe ich noch nie verstanden. Denn draußen lauert doch kaum Gefahr, predigen Aerosolforscher inzwischen. Die Politiker befürchten wohl, dass Außengastronomie unter Alkoholeinfluss ausartet. Aber wozu schon vorab spekulieren, dass etwas ausartet? Die meisten erwachsenen Menschen sind ja weder dumm noch verantwortungslos. Ist zumindest mein Eindruck.

Naja, egal, lassen wir das erst mal so, werden sie in der Regierung denken. Sicher ist sicher. Und so muss sich der mündige Bürger am Sonntag sein eigenes Plätzchen in der Stadt erobern. Und ein guter Ort für ein paar Gläser Wein in kleiner Gruppe ist der Gassenverkauf der Bar Freundschaft in der Mittelstraße direkt hinter dem Kulturkaufhaus Dussmann. Die dürfen immer aufhaben. Warum noch mal, genau, sind Bücher systemrelevanter als Wein?

Aber zurück zu Bar Freundschaft. Das ist eine der besten Adressen in Berlin für Weinfreunde. Die Weinkarte ist dort so gut wie fast nirgendwo in der Stadt. Und das beste: die Bar Freundschaft hat sogenannte Basarpreise. Man kann an dem kleinen Tisch am Eingang die Flaschenpreise manchmal selbst verhandeln. Die Bar-Besitzer Willi Schlögl und Johannes Schellhorn verfügen über einen sogenannten Rapid Chiller für Weinflaschen. Das ist ein Gerät, bei dem Weiß- und Schaumweinflaschen innerhalb von fünf Minuten auf Temperatur gebracht werden können. Und so wird unser Schaumwein aus dem Jura dann auch knallkalt herausgereicht.

Dazu servieren sie in der Bar Freundschaft aktuell zwei Sandwiches. Einen mit knusprig frittiertem weißem Spargel, Sauce Hollandaise, Schnittlauch und Forellenkaviar in Briochebrötchen. Und einen anderen mit zartem geschmorten Schweinefleisch, Zwiebeln, Gewürzgurken und einer dicken braunen Soße in Fladenbrot. Erinnert an einen besseren McRib von McDonalds, bei dem die warme Soße beim ersten Bissen in den Ärmel läuft. Genießen kann man das Ganze im Stehen am Bauzaun gegenüber. Das klingt schrecklich, ist aber dann doch ein Spaß gewesen.

Die Bar Freundschaft hat (bis es wieder richtig losgeht) derzeit samstags und sonntags geöffnet. Also perfekt für einen kleinen Tagesrausch. An diesem 1.-Maiwochenende gibt es eine Kollaboration mit Philipp Vogel aus dem Hotel Orania. Dabei wird sogenannte Xberg Duck Pizza serviert, also eine Pizza mit krosser Entenhaut als Topping. Klingt schon mal gut. Jacques Ritzel

Bewertung: 5 von 5 Punkten.

Bar Freundschaft, Mittelstraße 1, 10117 Berlin, Samstag und Sonntag 15 bis 18 Uhr.

VOLK
Alles, was das Meeresfrüchte-Herz begehrt ... gibt’s bei VOLK Mitte.

Austern bei VOLK in Berlin-Mitte

Berlin-Mitte um den (immer noch furchtbar scheußlichen) Rosenthaler Platz hat sich in den letzten zwanzig Jahren ja ziemlich verändert. Ich erinnere mich an die frühen 2000er, als noch ein paar versprengte Ost-Berliner dort wohnten. Als das Karree auf dem Platz, wo jetzt die billige SB-Bäckerei Back-Factory ihren Sitz hat, noch nicht bebaut war. Als dort noch schiefe Imbiss-Baracken standen. Dort gab es Döner, Hot Dogs und einen griechischen Souvlaki-Spieß für je eine Mark. Deutlich billiger als beim Rosenthaler Grill (der ist schon immer da und der Besitzer inzwischen steinreich) gegenüber. Gute oder schlechte Zeiten?

In diesen Tagen wird ja viel über den urbanen Verdrängungswettbewerb geredet. Zu Recht. Ich sehe ein, Wohnungsmangel ist ein Problem. Aber seien wir mal ehrlich: Kulinarisch hat die Gentrifizierung auch ihr Gutes. In Mitte will – glaube ich – keiner zu den alten Zeiten zurück, als es dort nach der Wende nur Döner, Qualhähnchen und Currywurst gab.

Die Zeiten sind vorbei. Und Ausdruck dessen ist das kleine Lokal VOLK in der Brunnenstraße, direkt neben der Wache der Polizeidirektion 5 Abschnitt 56 und der Klingel-Bar Buck & Breck. Ganz selbstbewusst werden hier von einem Amerikaner (der morgens immer müde ist, weil er in der Nacht irgendwo als DJ auflegt) Austern und Champagner verkauft. Er führt die Geschäfte und seine französische Kollegin Margot öffnet (ein stressiger Job!) für die Gäste Hunderte Austern am Tag. Und VOLK hat wirklich tolle Austern. Deswegen stehen davor oft junge Zugezogene, aber auch echte Franzosen.

Ein Grund: Bei VOLK kann man manchmal die Preise selber aushandeln. Vor einer Woche habe ich zwei Dutzend französische Fine de Claires auf einen Euro das Stück runtergehandelt. 24 Austern für 24 Euro. Das ist fast so billig wie in Frankreich. Und das Beste: Sie haben immer Belón-Austern im Angebot (12 Stück für 50 Euro). Das sind europäische Flachaustern, die im Brackwasser des gleichnamigen Flusses in der Bretagne geklärt werden und ein mild-nussiges Aroma haben. Will man sich wie ein Renaissance-Mensch fühlen, dann kauft man diese, denn es sind dieselben, die man auf den Gemälden der Epoche bewundern kann. Und sie schmecken einfach am besten.

Aber wo esse ich jetzt meine Austern? Dafür gibt es den Weinbergspark direkt gegenüber, insbesondere das Mäuerchen um das kleine Bassin. Dort setzt man sich dann neben einen echten Graureiher (wirklich ein echter!), der regelmäßig am Beckenrand steht und gebannt ins Wasser starrt (Frösche!), öffnet eine Flasche Schaumwein, schaut auf den Hügel ohne Rasen und wartet auf seine Austern. Und die werden einem dann geöffnet gebracht. Vor zwei Wochen ist der Austernmann schwer über die Stufen gestürzt. Das in Knisterfolie eingeschlagene Austern-Paket ist durch die Luft geflogen. Zwei Wochen konnte er nicht richtig laufen, am letzten Freitag sei die Kruste abgefallen, sagte er. Ab jetzt benutze er immer die kleine Rollstuhlrampe. Jesko zu Dohna

Bewertung: 5 von 5 Punkten.

VOLK Mitte, Brunnenstraße 182, 10119 Berlin, Dienstag bis Sonntag, 12 bis 21 Uhr.

Lee Edward
Dank geschmackvollem Industrial Design isst im „Café frank“ auch das Auge mit.

Café frank auf dem Pfefferberg

Das Kulturquartier am Pfefferberg hat sich in den vergangenen Jahren zu einem kleinen Hotspot für Gastro-Fans entwickelt. Es beherbergt nicht nur eine wunderbare Brauerei, sondern auch das empfehlenswerte Restaurant Kink. Die Einrichtung und das Licht-Design mit den geschwungenen Neonleuchten ist voll auf der Höhe der Zeit und erinnert eher an London als an Berlin. Daneben hat jetzt auch noch das dazugehörige „Café frank“ eröffnet. Schon jetzt kann man sagen, dass es eines der wunderbarsten Entspannungsorte in Prenzlauer Berg ist.

Das Café ist sieben Tage die Woche geöffnet und bietet nicht nur guten Kaffee, der von der Kaffeerösterei Röststätte stammt, sondern auch ausgefallene Eissorten, Pâtisserie-Erzeugnisse, frisch gepresste Säfte und ein vielfältiges Lunch-Angebot mit monatlich wechselnder Karte.

Wenn man den lichtdurchfluteten Raum betritt, fallen vor allem die hohen, stuckverzierten Decken und der Dielenboden auf. Die unverputzten Wände und das Industrial Interior kann man momentan zwar nur beim Bestellen genießen, doch langfristig wird es sich auszahlen. Es ist kein Zufall, dass die Räume derart geschmackvoll eingerichtet sind: Besitzer des Cafés sind die beiden Interior Designer und Gastronomen Oliver Mansaray und Daniel Scheppan.

Die Karte verspricht internationale Gerichte mit saisonalen Zutaten und soll „auf kulinarische Kurz-Trips“ führen. Ich entscheide mich für das vegetarische Bohnen-Feijoada. Alternativ wird das Gericht zusätzlich mit Schweinerippchen serviert.

Zurzeit gibt es das Essen in einer Pappschale zum Mitnehmen. Der Schwarze-Bohnen-Eintopf schmeckt aromatisch-würzig. Garniert wird das Gericht mit knackigen Maniokstücken und Mangoldblättern. Die süßlichen Orangenscheiben, leicht angebraten, sorgen für einen geschmackvollen und fein ausbalancierten Kontrast. 

Vor allem aber Dessert-Liebhaber kommen bei „frank“ auf ihre Kosten. Ich entscheide mich zum Nachtisch für eine Zitronentarte. Großartig! Der krosse Mürbeteig umhüllt eine zarte Zitronencremefüllung, die intensiv-fruchtig und ein wenig säuerlich schmeckt. Die fein fluffige Baiserhaube ist mit Timutpfefferflöckchen dekoriert und besticht durch cremige Süße. Also: Alles richtig gemacht. Katerina Paskopulos

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Café frank, Schönhauser Allee 176, 10119 Berlin, Montag bis Sonntag 8.30 bis 18 Uhr, Abholung vor Ort.

Gorilla Bäckerei
Für jeden etwas dabei: Herzhaftes und Süßes in der Gorilla-Bäckerei.

Gorilla-Bäckerei in Neukölln

Ganz schön viel Gorilla dieser Tage. Da ist zum einen der Lieferservice, dessen schwarz gekleidete Mitarbeitende eine Barista-Hafermilch innerhalb weniger Minuten an die Haustür liefern. Zum anderen eine Bäckerei, die alle Kriterien eines hippen Ortes erfüllt: gewissenhaft kuratierter Instagram-Auftritt, Sauerteigbackwaren, Neukölln.

Gegründet wurde sie von Frithjof Wodarg, Matteo Angioi und Marlon Briceño, benannt nach jenem Tier, das den Eingang des Vormieters, eines Elektronikfachgeschäfts, bewachte. Ein Schelm, wer hier an das zähnefletschende Gebiss der Gentrifizierung denkt.

Mittwochmittag, Lunchtime. Aus den umliegenden Homeoffices strömen die ausschließlich unter-40-jährigen Erwerbstätigen heran. Das Wetter ist toll, die Sonnenbrillen am Puls der Zeit, die Warteschlange überschaubar. Drinnen empfängt ein stilvoller, in dezenten Farben gehaltener Raum, entworfen von der Innenarchitektin Mathilde Gaudin. Linkerhand gibt eine Glasscheibe den Blick auf mehrere Männer im Bäckeroutfit frei, die mit muskulösen Unterarmen Pizzateig kneten: auch eine Form von Homeoffice. Überhaupt ist die Pizza das, was die vergangenen November eröffnete Gorilla-Bäckerei von den zahlreichen anderen mit biologischen Produkten hantierenden Sauerteigbäckereien unterscheidet. Keine neapolitanische, sondern eine, wie man sie in den Straßen Roms bekommt, rechteckig und mit krossem Boden, um die drei Euro pro Stück.

Drei Sorten stehen an diesem Tag zur Auswahl: Margherita, Marinara mit Petersilienpesto und Pancetta mit Radicchio. In so einer Pizzaschlange gibt es den perfekten Moment: dann, wenn gerade ein frisches Blech hereingetragen wird. Wir verpassen ihn knapp. Das aufgewärmte Stück Margherita ist nichts, woran ich mich am nächsten Tag noch erinnern werde. Besser als das, was man in den umliegenden Pizza-Döner-Pasta-Läden bekommt, aber kein Grund, in die Hermannstraße zu pilgern.

Gleiches gilt für das Mini-Marmorküchlein, das ich bereits einige Wochen zuvor probiert habe (sollten sie die Rezeptur von Grund auf verändert haben: Scusi). Immerhin, der Cappuccino der Berliner Rösterei Passenger ist exakt zubereitet und die Barista sehr nett. Für zu Hause nehme ich noch ein Hausbrot und ein Bostock mit. Bei Letzterem handelt es sich um eine Art kalten French Toast, gefüllt mit Mandelcreme und Beeren, von Mandelsplittern getoppt. Kennengelernt habe ich ihn bei Albatross, der in dieser Hinsicht wirklich Maßstäbe setzenden Bäckerei in der Graefestraße.

Während sie dort ein saftiges Brioche mit üppiger Füllung backen, handelt es sich bei der Gorilla-Version um ein relativ trockenes Weißbrot mit einer nur wenige Millimeter hohen Schicht Mandeln und Beeren. Und das Hausbrot? Schmeckt am ersten Tag solide und unterscheidet sich insofern von der inzwischen ansehnlichen Konkurrenz von Sironi über Keit bis hin zur Brodstätte, als dass hier, dachte ich, neben Weizen noch Hartweizengrieß zum Einsatz kommt. Falsch gedacht. Auf Nachfrage heißt es, dass rund ein Drittel Vollkornmehl drinsteckt.

Mit sechs Euro pro Laib ist es aber auch noch einmal etwas teurer und leider am zweiten Tag schon recht trocken. Habe ich die falsche Wahl getroffen? Einen guten optischen Eindruck machen nämlich auch der Cheesecake, die Espressotarte, der mehllose Orangenkuchen. Und irgendwo stand, die Croissants seien gut. Vorerst werde ich den Weg in die Hermannstraße aber nicht noch einmal auf mich nehmen. Denn: Dieser Gorilla rockt leider nicht den Großstadtdschungel. Eva Biringer

Bewertung: 3 von 5 Punkten

Gorilla-Bäckerei, Hermannstraße 211, 12049 Berlin, Montag bis Sonntag 8 bis 17 Uhr.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.