Berlin - Juliane Liebert, 1989 in Halle an der Saale geboren, ist eine derart exzellente Musikjournalistin, dass alle großen deutschen Zeitungen um ihre Sätze werben, als wären sie Goldstaub. Das liegt nicht nur an ihrer Fähigkeit, mit geschliffenen Worten komplizierte Weltzusammenhänge in Pointen zu verpacken, sondern auch an ihrer unkonventionellen Art, sich den Weltzusammenhängen zu nähern. 

Juliane Lieberts Interviews haben Kultstatus. Man kann sogar sagen: Sie haben Geschichte geschrieben. Eines der besten Beispiele ist ihr Interview mit dem Sänger Morrissey aus dem Jahr 2017 für den Spiegel, in dem der britische Musiker, von Juliane Lieberts stoischer Sicherheit bezirzt, sich als Flüchtlingskritiker und Nationalist outete. Das Interview ging um die Welt.

An einem sonnigen Märznachmittag treffe ich Juliane Liebert in ihrer Wohnung in Neukölln. Bei unserem Gespräch soll es vor allem um ihren literarischen Wurf gehen: ihr Lyrikdebüt „lieder an das große nichts“, das im Suhrkamp-Verlag erschienen ist und 42 Gedichte versammelt, die Liebert in den letzten 16 Jahren in sensiblen Momenten aufgeschrieben hat. Es sind kleine, witzige, pointierte Abrechnungen mit dem Alltag, dem Jungsein, der Großstadt, dem Saufen, der Liebe, dem Sterben, dem Glück. Das Gedicht „grob gefasst“ ist ein Beispiel für Lieberts trockenen Sprachwitz: „grob gefasst ist / das menschliche herz / ein kegelförmiges, muskulöses / hohlorgan / in etwa so groß wie die faust / des betreffenden.“

Musikjournalismus, der wie die Sprache des Internets funktioniert

Juliane Liebert bittet mich in ihre Wohnung, wir setzen uns an ihren WG-Tisch. In der Ecke liegt ein Keyboard, Liebert sagt, sie spiele jetzt in einer Band. Ich mache keine Umschweife und sage ihr gleich, wie toll ich ihre Texte finde. Sie reagiert ohne Bedenkzeit: „Das freut mich. Ich gebe mir auch immer wieder richtig viel Mühe.“

Bescheidenheit zeigt sich in Juliane Lieberts dunkelweicher Stimme. Dabei müsste ihr das literarische Talent Eitelkeit diktieren. Sie schreibt grandios über all das, was das Pop-Musikgeschäft bewegt: über Justin Bieber, Taylor Swift, Drake, Lana del Rey, die Charts, aber auch das Nischenhafte. Als Chamäleon, das sich selbst den profansten Themen mit literarischer Genauigkeit nähert.

Juliane Lieberts Weg

Juliane Liebert kommt aus Halle. Schon als Kind war sie in einem Kinderschreibring, nahm Geigen- und Ballettunterricht (Lieberts Mutter war Geigenlehrerin, später im Kulturamt tätig). Mit 13 oder 14 hat sie angefangen, Gedichte zu lesen und eigene Texte zu schreiben. Mit 18 nahm sie am Berliner Literaturwettbewerb „Open Mike“ teil und arbeitete als Journalistin für ein Stadtmagazin in Halle.

Nach der Schule wollte Liebert Arabistik studieren, doch stattdessen entschied sie sich für einen Job als Redakteurin beim Hipster-Magazin Vice. Nach einem (ziemlich guten) Dreivierteljahr kündigte sie die Stelle und studierte Kulturwissenschaften an der Viadrina in Frankfurt an der Oder. Danach folgten ein Masterstudium in Kulturjournalismus an der UdK in Berlin und ein Praktikum im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, das so erfolgreich verlief, dass die SZ Liebert einen Autorinnenvertrag anbot. So begann ihre musikjournalistische Karriere – und ihre Berlinliebe.

Vor zehn Jahren zog Liebert in die Großstadt. „Ich kann mich noch erinnern: Ich stand vor dem U-Bahn-Plan, breitete meine Arme aus und dachte mir: Schön, dass dieser Plan von einer Fingerspitze bis zur anderen voller Straßen ist, die man entdecken kann.“ Liebert denkt kurz nach. Dann zitiert sie einen Satz, um ihr Berlingefühl zu beschreiben: „Wie soll man in dieser Stadt leben können, es sei denn als Elefant?“ Vor der Pandemie war sie fast wöchentlich auf Reisen, von Berlin über New York bis Los Angeles, um die großen Stars des Pop-Geschäfts zu treffen: Billie Eilish, Morrissey, Drake. Doch das Wegsein habe sie immer als doppelbödige Freude empfunden. Denn: „Ich liebe Berlin ziemlich eindeutig.“ Wann hört man das schon?!

Das Treffen mit Megastars

Juliane Liebert will in ihren Texten Musik auf unterhaltsame Weise verständlich machen. Die Provokation ist ihr fremd. Trotzdem gerät auch sie gelegentlich in Shitstorms. Das habe eben mit der Polarisierung des Diskurses zu tun, sagt Liebert. „Ja, es ist schon ein Minenfeld. Ich habe einmal über die Transsexuelle Kim Petras geschrieben. Ich habe wirklich versucht, alles richtig zu machen. Doch statt ‚Geschlechtsangleichung‘ habe ich das Wort ‚Geschlechtsumwandlung‘ geschrieben. Da waren viele Leute richtig sauer.“

Die Emanzipation des öffentlichen Diskurses durch Plattformen wie Twitter sei insgesamt ein Fortschritt, sagt Liebert. Doch sie schiebt ein Aber nach. „Ich bin Feministin, für Emanzipation und für Flüchtlinge. Wenn Leute richtig angesprochen werden und ein Sternchen hinter ihrem Namen wollen, dann sollen sie das auch bekommen. Ich finde nur: Die Heftigkeit, mit der diese ganzen Diskussionen geführt werden, ist manchmal etwas beängstigend.“

Liebert weiß, was passiert, wenn Kränkungen ihren Weg in den digitalen Raum finden. Ihr Interview mit dem Sänger Morrissey ist das beste Beispiel. Liebert hat es geschafft, im Jahr 2017 ein paar Tage lang die meist gehasste Journalistin unter den weltweit zahlreichen Morrissey-Fans zu sein. Die Geschichte geht so: Liebert ist nach L.A. geflogen, um Morrissey zu interviewen. Nach einem komplizierten Vorlauf hat sich der Sänger zu einem Gespräch bereit erklärt und in dessen Verlauf unwissentlich um Kopf und Kragen geredet. Liebert hörte einfach zu und zeichnete alles auf.

„Er hat gesagt, dass Berlin die Vergewaltigungshauptstadt Europas sei, wegen Merkel. Außerdem erwähnte er, dass Kevin Spacey sich nie schuldig gemacht habe und all die Jungs, die ihn wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt hätten, freiwillig mit ihm ins Hotelzimmer gegangen wären.“ Liebert rollt die Augen, wenn sie an das Gespräch zurückdenkt. Es ging noch weiter: Morrissey sagte, dass er den Brexit befürworten, den Multikulturalismus ablehnen und sofort einen Knopf drücken würde, um Donald Trump tot umfallen zu sehen. (Für den Trump-Satz soll ihn der amerikanische Geheimdienst später angeblich verhört haben.)

Das Interview ging online, danach viral. Eine große Kontroverse begann. Morrisseys Reaktion? Er fühlte sich überrumpelt, missverstanden, hintergangen und sagte, Liebert hätte sich das Interview einfach ausgedacht. „Das war natürlich völliger Quatsch. Ich hatte das Interview ja aufgezeichnet. Irgendwann hat sich die Spiegel-Redaktion dazu entschieden, die Aufzeichnung des Gesprächs online zu stellen. Dann haben auch die größten Morrissey-Fans verstanden, dass ich nicht gelogen habe.“

In Berlin muss man leben wie ein Elefant

Juliane Liebert hat den Shitstorm unbeschadet überstanden. Aufregung gehöre schließlich zum journalistischen Geschäft dazu. Ihre eigentliche Leidenschaft sei ohnehin nicht der große Tornado, sondern die kleine Form, die Lyrik. Deshalb auch jetzt der Gedichtband. „Mein erster Artikel für ein Stadtmagazin war eigentlich wie ein Gedicht“, sagt Liebert. „Ich habe schon als Kind Gedichte geschrieben. Vor drei Jahren dachte ich mir: Es gibt so viele Gedichte von mir, dass ich sie gerne publizieren würde. Ich wollte es ‚Das Frühwerk‘ nennen und es in einem ganz kleinen Verlag herausbringen. Der Hanser-Verlag wollte die Texte nicht, er fand sie zu gefühlig. Suhrkamp hat dann gesagt, dass sie mich als Autorin wollen.“

Jetzt ist das Bändchen erschienen. Einige Gedichte, die im Band veröffentlicht sind, hat Liebert mit 16 geschrieben. Andere sind vor einem Jahr entstanden. Die Themen sind so vielfältig wie das Altersspektrum, in dem sie geschrieben wurden. Alle kleinen lyrischen Piecen haben eine große Gemeinsamkeit: „Sie müssen sich immer um etwas Essenzielles drehen“, sagt Liebert und erklärt ganz nebenbei ihr literarisches Geheimnis. „Ich bemühe mich, selbst in dem blödesten Artikel eine Sache aufzuschreiben, die ich so noch nie gesehen oder beschrieben habe, die also den Text besonders macht.“ Das gilt für die Gedichte umso mehr.

Fun Fact: Juliane Liebert lebt in Berlin-Neukölln. Ihre Berliner Lieblingskneipe heißt Bierbaum III, Schillerpromenade 31, 12049 Berlin.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.