Berlin - Eine viel zu selten diskutierte Kategorie auf der Klaviatur menschlicher Emotionen ist, speziell zu Wahlkampfzeiten, jene des Mitleids. Wer Mitleid fühlt, will seinem Gegenüber nicht mehr hämisch dazwischengrätschen, sondern glaubt sich in der Pflicht, dem mitleiderregenden Subjekt schützend beispringen zu müssen. Wenn das Subjekt, wie in diesem Fall, eine Kanzlerkandidatin ist, die vor einigen Wochen noch tatsächlich realistische Chancen auf das wichtigste politische Amt im Land hatte, ist die emotionale Gemengelage umso komplizierter. Denn wer Mitleid auslöst, läuft Gefahr, nicht mehr in seiner Stärke wahrgenommen zu werden, sondern in seiner Schwäche.

Mit Blick auf Annalena Baerbocks Wahlkampf ist Mitleid eine Regung, die man als neutraler Beobachter in dieser Woche leicht hätte verspüren können. Niemand will bestreiten, dass die Spitzenkandidatin der Grünen grobe Fehler gemacht hat. Niemand will eine Ausrede dafür suchen, dass sie in Fettnäpfchen getreten ist. Und doch scheint die Art und Weise, wie Baerbocks Patzer aktuell in der Arena medialer Aufmerksamkeitsökonomie ausgeschlachtet werden, zutiefst reißerisch, ja hämisch – zumindest, wenn man sich gewahr wird, dass die Stolperer der Gegenkandidaten eine Reaktionskette aus Herunterspielen und Schweigen nach sich ziehen.

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