Berlin - Gerade in der Pandemie war und ist die Natur in der Hauptstadt für viele Bewohner wieder mehr sichtbar geworden. Weniger Straßenverkehr und vor allem prall gefüllte Mülleimer boten Ruhe und ein überbordendes Nahrungsangebot für Tiere. Das für die Berliner sichtbarste und wohl charakteristischste Wildtier der Stadt ist wohl der Rotfuchs. Mehr als 1000 Füchse soll es inzwischen laut Experten in der Stadt geben. Man sieht sie vor allem nachts. Und sie haben sich an die Umgebung angepasst. Sie achten beim Überqueren der Straße auf den Verkehr oder nutzen die Gartenmöbel der Bewohner für einen Mittagsschlaf.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 12./13. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Interview mit Jörg und Maria Koch: Wie sie mit dem Magazin und Modelabel 032c die Berliner Coolness in die Welt tragen

Hurra oder Hilfe? Die Touristen stürmen zurück nach Berlin

Unser Autor Jan Karon will nicht mehr links und „woke“ sein. Warum das?

Die großen Food-Seiten: Einer der besten Lahmacun-Läden in Wedding und ein Backshop für Cool Kids in Kreuzberg. Und: Ein Porträt über das hippe Hotel Henri am Kudamm

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Der Berliner Fotograf Bastian Thiery, 31, war vorher Model, studierte in New York und machte 2018 seinen Abschluss auf der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin und arbeitet heute als Mode- und Magazinfotograf unter anderem für das Zeit Magazin, Monopol oder Bloomberg Businessweek und stellte 2020 einige seiner Fotos in der Weserhalle aus. Regelmäßig erkundet er auch privat die Berliner Bezirke und ist fasziniert vom Kontrast zwischen Urbanität und Natur in der Hauptstadt. Für sein Fotoprojekt „Humpelfuchs“ ging er in Berlin Neukölln mit einem Berliner Stadtfuchs auf Tuchfühlung.

Bastian Thiery
Neukölln, Weserstraße.

Herr Thiery, am Anfang von Ihrer Serie „Humpelfuchs“ steht ja die Begegnung mit einem Berliner mysteriösen Stadtfuchs in Neukölln, dem sie in Rixdorf nachts begegneten. Sie arbeiten sonst als Mode- oder Magazinfotograf, wie entstand das Fotoprojekt?

Für mich begann das mit einem Zufall, ehrlich gesagt. Ich habe in meiner Nachbarschaft immer diesen einen humpelnden Fuchs gesehen, wenn ich aus war. Hier gibt es ja viele von denen, aber nur einen konnte man wiedererkennen. In einer Nacht wollte ich dann einen neuen Blitz ausprobieren und dann stand der Fuchs plötzlich auf einem Schutthaufen im Hof von einem alten Schulgebäude. Dann begann direkt ein Spiel mit mir und dem Fuchs. Immer wenn ich nähergekommen bin, ist er weggelaufen und hat aber immer nach ein paar Metern auf mich gewartet. Das hat mich ziemlich gefesselt.

Bastian Thiery
Neukölln, Richardplatz.

Viele Berliner kennen ja diese nächtlichen Begegnungen mit Füchsen. Vor ein paar Wochen hat sich ein Fuchs zwei Meter neben mir auf dem Kottbusser Damm unter lautem Geschrei eine Ratte geschnappt und runtergeschlungen. Mir ist dabei fast mein Köfte-Sandwich aus der Hand gefallen. Warst Du überrascht wie nah du diesem Tier kommen konntest?

Ja, meistens sind die Füchse zwar sehr nah, aber man sieht sie immer nur vorbeihuschen. Sie würdigen einen dann keines Blickes. Aber dieser Fuchs war anders, total neugierig. Als wollte er wissen, was ich da mache. Dann habe ich diesen Fuchs über mehr als ein Jahr immer wieder gesucht und viermal sogar wiedergetroffen während meiner Arbeit. Am Ende des Jahres habe ich auch seine Fuchsfamilie gefunden im Gebüsch. Zumindest glaube ich, dass das seine Verwandten sein müssen.

Das heißt, Sie sind mehr als ein Jahr nachts durch Neukölln gezogen. Immer auf der Suche nach diesem einen Fuchs? Ich meine Experten sagen, dass es tausende Füchse gibt, die durch die Berliner Kieze schnüren.

Der Antrieb war, den Fuchs zu finden. Das war mein Ziel. Ich habe mir sogar eine Wildkamera mit Selbstauslöser gekauft, um herauszufinden, wann ist er vielleicht wo. Meistens habe ich den Fuchs ja nicht gesehen, und dann habe ich mir andere Motive und Menschen in meiner Nachbarschaft gesucht, die mich fasziniert haben. Da hat sich dann eine fast unheimliche andere Ebene aufgetan, fast wie in einem David Lynch-Film. Durch das Fotografieren kommt man sogar in der Nachbarschaft an Orte, die man sonst nie besuchen würde. Dadurch nehme ich die Welt anders wahr.

Bastian Thiery
Neukölln, Weserstraße.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Tieren in der Stadt? Sie porträtieren ja nicht nur Bulldoggen und Katzen im nächtlichen Berlin, sondern auch gerissene Vögel, Nutrias, Eichhörnchen oder eben Füchse.

Mich fasziniert die Natur in der Großstadt total. Die Tiere – ob wild oder Haustiere – sind für mich wie Fabelwesen. Weil sie teilweise fast menschlich daherkommen. Wie die Bulldogge auf dem Stuhl vor der Kneipe Stammtisch in der Weserstraße. Spannend finde ich auch, dass die Menschen denken, die Stadt gehört ihnen. Aber das stimmt ja gar nicht. Inzwischen gibt es fast mehr Artenvielfalt in Großstädten als auf dem Land. Man lebt so nebeneinander her und denkt man hat keine Berührungspunkte, aber wenn man genauer hinschaut, dann merkt man, dass das nicht stimmt.

Bastian Thiery
Neukölln, Richardstraße.

Wissen Sie jetzt eigentlich besser Bescheid über das Leben der Tiere und vor allem der Füchse in Berlin und anderen Großstädten?

Ja, das Thema fesselt mich spätestens seit meinem Projekt über den Fuchs. Mein Onkel ist zum Beispiel Förster, der hat mir alles beigebracht, was ich über Füchse wissen muss. Sie lieben Hundefutter und wohnen am liebsten auf Schulhöfen. Sie sind ja nachtaktiv, das heißt, wenn die Kinder vormittags in der Schule sind, schlafen sie irgendwo im Bau auf dem Gelände. Abends können sie dort perfekt Mäuse fangen, weil es auch durch die vielen weggeworfenen Schulbrote, sehr viele davon gibt. Der Schulhof wird also quasi doppelt genutzt. Manche Tiere – etwa Spatzen – haben sich seit Jahrhunderten so an die Stadt angepasst, dass sich ihre Genetik verändert hat. Sie sind dann schon fast eine andere Art.

Bastian Thiery
Neukölln, Kottbusser Damm.

Und diese ganze Faszination für die Natur in der Metropole, inspiriert Sie das auch zu anderen fotografischen Projekten?

Ja, gerade arbeite ich an einem Projekt über Biodiversität und über einen Stadtimker, bei dem Unternehmen in Bienenvölker investieren können und dessen Bienenstöcke auf dem Bundesfinanzministerium in Mitte stehen. Insgesamt verstehe ich heute viel besser, wie Natur in der Stadt funktioniert.

Bastian Thiery
Neukölln, Karl-Marx-Straße.

Bastian Thiery, Humpelfuchs: erschienen im Eigenverlag 2018, zu bestellen unter: www.bastianthiery.com

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.