Berlin - „Mein Mann (43, Lukas) und ich (38, Anna) sitzen seit Anfang der Pandemie im Lockdown. Wir streiten uns viel, die Distanz fehlt. Ich bin kurz davor mich zu trennen. Sollte ich das Ende der Pandemie abwarten, bis wir wieder Distanz haben? Oder habe ich nun das wahre Gesicht meines Partners kennengelernt?

Die Frage scheint mir zu sein: ein Geisterfahrer? Oder Hunderte? Was ist die Wahrheit? Eure hoffentlich schöne Zeit vor dem Lockdown? Oder „sein wahres Gesicht“ jetzt? Etwas provokant frage ich, ob es vielleicht auch „Dein wahres Gesicht“ ist, das sich hier zeigt. Es ist wie mit den Paaren, die in meine Praxis kommen und sich wieder furchtbar gestritten haben: Ist die Wahrheit der Streit oder die Zeit dazwischen? 

Fast jeder, der sein eigenes Streitverhalten ab der zweiten Eskalationsstufe auf einem Video ansehen müsste, würde sich schämen und sagen: „Mach das bitte aus.“ Vielleicht gilt das auch für euer pandemiebedingtes Verhalten.

Die kleinen schamhaften Bedürfnisse

Die Pandemie – und das gemeinsame Herumhocken – bringt bei vielen auch feinste Konturen gegenseitiger Verärgerung zum Vorschein. Alles scheint unangenehm bekannt. Ihr kommt nicht zueinander und ihr kommt nicht voneinander weg. Alles scheint zu Streit zu führen – nichts zu Frieden und Geborgenheit. Schon bevor Du morgens die Augen aufschlägst, verspannst Du Dich.

Was fehlt? Was ist zu viel? Wie habt ihr das vor der Pandemie geschafft? Was taucht jetzt zwischen Euch auf, dass Du sogar über Trennung nachdenkst? Es ist ein bisschen so, wie wenn zwei Menschen zusammenziehen müssen, die sich in getrennten Wohnungen sehr gut verstanden haben. Alles, was Du vorher nicht zeigen oder aushandeln musstest, weil Du es bei Dir zu Hause ausbalancieren konntest, braucht jetzt Platz in Deiner zwangsengen Beziehung.

Foto: privat
Der Paartherapeut

Fabian Lenné, Jahrgang 1960, arbeitet seit 20 Jahren als Paartherapeut in Berlin. Er ist Autor des Buches „Vom Umgang mit der Liebe“. Lenné ist Ausbildungsleiter am Institut für Integrative Paarentwicklung.

Es sind oft die kleinen schamhaften Bedürfnisse oder Abneigungen, die jetzt ausgesprochen werden müssen. Vielleicht gefällt Dir seine Art, sich die Zähne zu putzen nicht wirklich. Oder er findet Dein Nachthemd eigentlich zu kindlich. Ist es schon Liebesentzug, nicht die gleiche Serie zu mögen? Und ist es dann ein Liebesbeweis, sie dennoch zusammen zu gucken? Darfst du Dich mal nicht für Deinen Partner interessieren, auch wenn ihr zusammen esst? Wie handelt ihr das aus? Dürft ihr nebeneinander im Bett liegen, ohne dass es erotisch knistert?

Sprechen hilft

Traut ihr euch nicht, euch das selbst einzugestehen und auch einiges davon anzusprechen, wird der Andere schnell zu einem großen Ärgernis. Mein Rat: Sprecht über eure Scham. Versucht, Grenzen liebevoll auszuhandeln. Sprecht über die letzten und die nächsten Jahre, sprecht über eure Langeweile. Vielleicht kommt ihr euch viel näher als gedacht. Vielleicht seid ihr auch wirklich die Falschen füreinander.

Liebesfragen an den Paartherapeuten an: liebe@berliner-zeitung.de

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.