Berlin - Julian W., 39, Kreuzberg: Seit ein paar Monaten date ich einen Mann, der mir von Anfang an gesagt hat, dass er einen Freund hat. Ich habe nie viel in die Beziehung investiert, aber in letzter Zeit höre ich oft von ihm, wie sehr er mich vermisst und wie gern er mit mir zusammen wäre. Ich mag ihn und genieße die Zeit mit ihm, aber nun sagt er, gerade habe sein Freund das zweite Staatsexamen zum zweiten Mal nicht geschafft. Aus Rücksicht auf diese Niederlage „kann“ er sich „jetzt“ nicht trennen. Ich will ihn natürlich zu nichts drängen, aber ich bin Ende 30 und wünsche mir eine feste Beziehung. Sollte ich trotzdem Geduld haben?

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

Wie werde ich glücklich? Ein Selbstversuch bei einem Online-Kurs der Yale-Universität, der das Glück lehren will

Der Israel-Konflikt hat die Neuköllner Rütli-Schule erreicht. Unsere Reporterin hat die Schüler getroffen

Neues Gesetz zum autonomen Fahren: Ein Porträt eines deutschen Unternehmers, der die Technik dazu liefert

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Lieber Julian, das klingt nach der klassischen Geliebten – nur dass du eben ein Geliebter bist. Jemand sucht sich, aus welchen Gründen auch immer, neben seiner festen Beziehung eine Ergänzung. Irgendetwas fehlt oder soll in der Ursprungsbeziehung fehlen. Manchmal ist es ein ungeschickter Versuch, die Beziehung in schweren Zeiten zu stabilisieren – etwa mit kleinen Kindern oder existenziellen Belastungen.

Manchmal ist es die Angst, sich ganz einzulassen, sich ganz zu binden. Sich zum Partner zugehörig zu fühlen, heißt unvermeidbar auch, sich ein Stück von ihm abhängig zu fühlen. Manchmal, bei jüngeren Menschen, ist es unbedacht und Ausdruck von auch sexueller Lebensfreude. Manchmal ist es auch eine Mischung aus allem dreien. In der klassischen Geliebten-Falle wird der Fremdgeher seinen Lebensmittelpunkt fast immer in der Ursprungsbeziehung belassen, egal, was er beteuert.

privat
Der Paartherapeut

Fabian Lenné, Jahrgang 1960, arbeitet seit 20 Jahren als Paartherapeut in Berlin. Er ist Autor des Buches „Vom Umgang mit der Liebe“. Lenné ist Ausbildungsleiter am Institut für Integrative Paarentwicklung.

Höre auf dein Herz

In meiner Praxis bleiben in ähnlichen Fällen etwa zwei Drittel am Ende mit ihren ursprünglichen Partnern zusammen. Das klingt jetzt erst einmal nur bedingt hoffnungsvoll, es besteht aber eine gewisse Chance für dich, diesen Mann dennoch an deine Seite zu bekommen. Dazu müsst ihr miteinander über die Liebe sprechen. Über eure Sehnsucht, über eure Ziele und eure Pläne. Sucht ihr zusammen einen Hafen, eine Heimat oder seid ihr eher Wanderer? Kann er dich im Moment so sehr vermissen, weil er von seinem Partner „ja gerade leider“ nicht wegkann? Oder ist er wirklich fair zu seinem Partner? Und wie viel Zeit kannst du ihm geben, bevor du dich abwenden musst? Sprecht die Dinge aus.

Diese Gespräche fordern die Nähe heraus. Gelingt es und ihr könnt euch gegenseitig öffnen und finden, besteht eine gute Chance, dass ihr auch ein Paar werdet. Vielleicht sogar ein Paar mit tieferer Liebe, als ihr sie bis dahin kanntet. Gelingt es euch nicht, dann höre sehr genau und tief auf dein eigenes Herz, egal, was auch immer er beteuern mag.

Haben Sie auch eine Liebesfrage an den Paartherapeuten? Schreiben Sie uns! Wir garantieren Anonymität. liebe@berliner-zeitung.de

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.