Berlin - In dieser Woche gibt es wieder die geballte Ladung Food-Tipps aus der Hauptstadt. Mit dabei belegte Brote der Superklasse, vegan-vietnamesische Küche und mal wieder neapolitanische Pizza (wir wollen sie alle testen). Und wir klären, ob die Henne das knusprigste Hähnchen der Stadt anbietet, oder doch die kleine Markthalle schräg gegenüber. Lassen Sie es sich schmecken!

Belegte Brote 2.0

Der „Earl of Sandwich“ wäre begeistert: In Zeiten des Brexit füttert sein Landsmann Harry Foster die Berliner „Krauts“ von heute mit dem Lieblingsimbiss des einstigen englischen Landadligen – und setzt somit zumindest die kulinarischen Bande zwischen seiner Heimat und dem Kontinent fort.

Harrys Versionen des belegten Brotes, die er in seiner Sandwichbar Tinman in Mitte anbietet, sind allerdings mehr als nur ein kleiner Snack. Das „Grilled Cheese Sandwich“ mit Cheddar-Käse und Branston Pickles – kleinen Gemüsestücken in einer süß-sauren Sauce – ist so sättigend, dass man kein Lunch oder Dinner mehr braucht. Zu den typisch englischen Zutaten Cheddar und Pickles gesellen sich auch noch Emmentaler und Bergkäse hinzu. Das alles wird zwischen zwei Scheiben knuspriges Sauerteigbrot gepackt – ein rustikales Geschmackserlebnis, das bei der Kundschaft aus dem Viertel bestens ankommt.

„Der Käse-Sandwich ist unser Bestseller“, berichtet Harry. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Kollegen Justin, mit dem er früher in einer Rooftop-Bar gearbeitet hat, erfüllte der junge Engländer sich 2017 seinen Traum vom eigenen Sandwich-Laden. Direkt an der Ecke Torstraße/Alte Schönhauser Straße bietet das Trio, zu dem auch noch die Katalanin Miriam gehört, neben sieben verschiedenen Sandwich-Sorten auch hübsch anzusehende Desserts an wie die delikaten Törtchen aus der Kreuzberger Albatross-Bakery oder veganes Bananen-Brot.

Viele der nachhaltigen Zutaten und Produkte, die das Tinman verwendet oder im Laden auf kleinen Bistrotischen präsentiert, stammen von Berliner oder Brandenburger Herstellern und Importeuren. Dazu gehören auch rund 15 unterschiedliche Naturweine sowie das starke Berliner Craftbeer „Motel“ aus einer Brauerei in Reinickendorf, das bestens zum veganen Roast-Veggie-Sandwich passt. Der schmeckt äußerst pikant und ist dick mit Roter Beete und marinierten Austernpilzen belegt. Eine frische Note verleiht ihm der mit Zitrone massierte Kale, neudeutsch für den guten alten Grünkohl. Großartig! Jasmin Takim

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Tinman, Alte Schönhauser Str. 2, 10119 Berlin, Dienstag bis Freitag 8.30 bis 15 Uhr, Samstag und Sonntag 9 bis 16 Uhr

Libby Edwards
Die Snack-Experten hinter Tinman: Justin, Miriam und Harry (v.l.n.r.).

Vietnamesisch und vegan

Wo die Gäste früher gemütlich zusammensaßen, stapeln sich derzeit bunte Stühle und Pappkartons im 1990 Vegan Living am Boxhagener Platz. Auch das vietnamesische Lokal hat in Covid-19-Zeiten auf Straßenverkauf umgestellt, und die Stammkunden stehen vor der mit Bastlampions beleuchteten Tür an der Straßenecke an.

Restaurant-Chef Trung Nguyen stellt seine Gäste vor die Qual der Wahl: Auf der Karte stehen 20 kleine Gerichte, darunter etwa Seetangsalat, Dumplings, rotes Curry oder verschiedene Gemüse. Denn das Konzept des veganen Restaurants beruht auf Tapas. Ergänzt werden die kleinen Speisen von fünf Hauptgerichten: einer Wan-Tan-Suppe und vier Bowls. Zu pandemiefreien Zeiten ist das „vietnamesische Wohnzimmer“ bestens besucht.

Die Rezepte entwickelt Trung für das Familienunternehmen gemeinsam mit seinen Eltern. Die Tapas schlagen mit 4,20 Euro pro Schälchen zu Buche, die Bowls und Suppen kosten 9,90 Euro. Eine Portion Nudeln oder eine Schale Reis gibt es ab 1,50 Euro. Die teils traditionellen, teils neuartigen Gerichte bestehen aus saisonalen und überwiegend regionalen Bio-Produkten. Geschmacksverstärker kommen nicht auf den Tisch beziehungsweise in die Papiertragetüte, zudem werden Kräuter aus dem eigenen Garten, Himalaya-Salz und vitalisiertes gefiltertes Leitungswasser zum Kochen verwendet.

Zu den Signature Dishes des Lokals gehören Com Chien (Crispy Green Rice Flakes) und Shaolin Pockets (Teigtaschen mit Spinatfüllung). Com Chien ist auch ein Bestandteil der Hauptspeise Yin Yang Bowl. Paprika, Champignons und anderes Gemüse sind super knackig, lediglich der Brokkoli hätte noch einen Tick länger kochen müssen. Aus den saftigen dicken Udon-Nudeln trieft die Sojasauce, die etwas mehr Pep gebrauchen könnte.

Und das ist zumindest bei den ausgewählten Speisen das grundsätzliche Manko: Der mit den knisternd frittierten Reisflocken umhüllte Tofu mit Himbeer-Chili-Dip überrascht zwar mit einem an einen Maiskolben erinnernden Aussehen, schmeckt aber pappig-süß, sämtliche Schärfe geht unter. Dies gilt auch für die Shaolin Pockets in Mango-Curry-Sauce, die zwar zu Anfang eine herbe Geschmacksnote entfalten, doch durch die Süße dominiert werden. Mehr Würze und besser ausbalancierte Nuancen würden die Yin Yang Bowl wie auch die Shaolin Pockets gut vertragen. Jasmin Takim

Bewertung: 3 von 5 Punkten

1990 Vegan Living, Krossener Straße 19, 10245 Berlin, tägl. von 12 bis 21.30 Uhr, Lieferung durch Lieferando und Wolt

Vegan living 1990
Ohne Qual der Wahl: die kleinen aber feinen Portionen im Vegan Living 1990.

Noch mal neapolitanische Pizza

Der Besuch des Nea Pizza 1889 steht auf gleich dreifache Art für den symptomatischen Zustand Berlins in diesen Tagen. Erstens haben Menschen trotz Pandemie und Homeoffice (oder deswegen?) kaum Zeit für eine Mittagspause, meine Freundin musste regelrecht überredet werden. Zweitens muss man sogar beim Essen darauf gefasst sein, dass Vater Staat einen zurechtweist, wahrscheinlich kostet das dann auch Geld. Und drittens gibt es mittlerweile so viele neapolitanische Pizzaläden, dass man sogar Neueröffnungen verwechselt. Eigentlich wollten wir uns nämlich die Pizzeriaberlin in der Chausseestraße 56 ansehen.

Beim Schlendern Richtung Wedding verquatschten wir uns, landeten irgendwann bei der Nummer 49 und beschlossen, ohne noch mal nachzuschauen: Ja, das wird es schon sein. Hätte ich mich im Vorfeld informiert, hätte ich mich vielleicht über den Namen gewundert – war 1889 das Erfindungsjahr der neapolitanischen Pizza oder so? –, auf jeden Fall über eine niedliche, in nicht ganz fehlerfreiem Englisch verfasste Website mit der schönen Aufforderung: „Come to visit us for some Pizza + Amore“.

Sofort gefreut habe ich mich darüber, dass es das Chinotto von Polara gab, eine sizilianische Bitterorangenlimo, die auch hierzulande mehr und mehr Fans findet. Die Speisekarte las sich vielversprechend, auch dank einer für ein pizza place umfangreichen Antipastiauswahl (Burrata, Rucola e pomodorini, gemischte Platte mit hausgebackenem Brot) und Produkte mit konkret benannter Herkunft wie dem Stracciatella aus Apulien, dem wildem sizilianischen Oregano oder des mir bis dahin unbekannten Fior d’Agerola, eines exklusiven Mozzarella aus der Milch der gleichnamigen Rinderrasse.

Mit guten Freunden teilt man nicht nur Geheimnisse, weswegen wir uns für die Nea 1889 und die Napule entschieden, und, Corona hin oder her, schwesterlich teilten. Vom Teig war ich schon beim ersten Bissen restlos begeistert: üppig, ohne pappig zu sein, aromatisch und ausgewogen, mit den typisch dunklen Teigblasen am Rand (meine Mama würde sagen: verbrannt). Fantastico auch der Belag der nach dem Restaurant benannten signature pizza bianca: superaromatische San Marzano Tomaten und gelbe Kirschtomaten aus Piennolo (fast könnte man meinen, es wäre Sommer), geräucherter Fior d’Agerola, Bio-Olivenöl und Büffelricotta.

Auch die Napule hat mich Tomatensaucenskeptikerin überzeugt. Enorm große, enorm köstliche, aus Cetara stammende Sardellenfilets ruhten zusammen mit prallen Kapern und fingerlangen Streifen Basilikum auf einem irre intensiven Sugo mit leichten Tomatenmarknoten und, wie sich das gehört, ohne Käse. Schon beim Bestellen wies uns die sehr nette Frau hinterm Tresen darauf hin, dass wir uns zum Essen prinzipiell schon draußen auf die Fensterbank setzten könnten, aber stets sozusagen zum Aufbruch bereit sein sollten, das Ordnungsamt sei heute nämlich schon mal dagewesen. Zu gerne hätte ich noch eines der einladend aus der Kühlvitrine blinkenden Desserts probiert – Tiramisu, ein in Kräuterlikör getränktes Pistazientörtchen namens Mille Veli Pistacchio und Panna Cotta auf Agar-Agar- statt Gelatinebasis –, aber uns fehlte, ja so ist das nun mal in diesen seltsamen Tagen, leider die Zeit. Eva Biringer

Bewertung: 5 von 5 Punkten

Nea Pizza 1889, Chausseestraße 49, 10115 Berlin, tägl. 8 bis 22 Uhr, Lieferando

Nea Pizza 1889
Neapel auf dem Teller: die Pizza im Nea Pizza 1889.

Knusprigste Hähnchen? 

Kürzlich erreichte mich ein Leserbrief von Katrin Anhut. Sie bemängelte meine Feststellung: „In keinem Hähnchenhaus ist die Haut so kross wie in der Henne“ (Alt Berliner Wirtshaus Henne). Das „stimme einfach mal nicht“, schrieb sie. Gegenüber der Henne gebe es ein anderes Lokal, das die Hähnchen nach demselben Rezept zubereite, nur die Inhaber seien hier eben sehr viel netter: „Bitte korrigieren Sie Ihre Aussage bitte im Sinne der Gerechtigkeit.“

Der Bitte unserer Leserin möchte ich entsprechen. Ich habe also bei der Kleinen Markthalle nur 100 Meter gegenüber der Henne angerufen und mir ein halbes gebackenes Krauses Knusperhähnchen für 7,50 Euro (stolze 2,30 Euro billiger als das Hähnchen von gegenüber) mit Krautsalat (4 Euro) bestellt. Auf dem Weg habe ich ein bisschen Recherche betrieben: Schon lange spalteten die beiden Hähnchen-Lokale – so schrieb die taz schon vor mehr als 15 Jahren – das ganze Viertel. Also wollte ich es nach so langer Zeit wissen. Welches Hähnchen ist nun besser? Und herrscht zwischen den beiden Lokalen eine Feindschaft? Ein Hähnchenkrieg?

Man muss sagen, die Henne und die Kleine Markthalle (die ehemalige Schankhalle der nach dem Krieg abgerissenen Markthalle VII) spielen in derselben Liga. Beide lokale sind holzvertäfelt. In der Henne hängen keine Reh- und Hirschgehörne an der Wand, stattdessen baumelt in der Markthalle ein ausgestopfter schwarzer Hahn von der Decke. Insgesamt macht der Schankraum dort einen helleren und lebensbejahenderen Eindruck, was sich auf das Gemüt der Wirtsleute auszuwirken scheint. Anders als in der Henne wird man hier freudig begrüßt. „Du musst Jacques sein“, sagt die dunkelhaarige Wirtin, „ich flitz’ mal eben in die Küche.“

Und während die Fritteuse blubbert, wird man hier bestens unterhalten. Vor 33 Jahren habe sein Vater Marco das Ladenlokal übernommen, sagt der Wirt, der von seiner Frau Büffel gerufen wird und sehr „sexy“ sei. Das Hähnchen sei seit jeher mit Abstand das beliebteste Gericht, auch wenn die Konkurrenz von Anfang an direkt gegenüber gewesen sei. Gibt es also eine Rivalität? Einen Krieg? Ich entschied mich, das Thema offen anzusprechen. Doch die Wirtin wiegelt ab: „Die einen so, die anderen so.“ Und Büffel sagt augenzwinkernd: „Ich würde es als ein fröhliches Miteinander bezeichnen.“ Mehr Informationen gibt es nicht.

Und wie schmeckt jetzt das Hähnchen? Ich muss sagen, das Hähnchen aus der Kleinen Markthalle muss sich nicht verstecken: Es ist schwerer, fleischiger und fettiger als das von gegenüber, aber eine Idee weniger kross und salzig. Kurz: Die Vögel sind nicht zu vergleichen. Insgesamt fällt mein Urteil deutlich positiv aus. Das Hähnchen – und da muss ich Ihnen recht geben, Frau Anhut – ist für mich in der Markthalle, nicht nur wegen seines besseren Preisleistungsverhältnisses, besser als das von Gegenüber. Jacques Ritzel

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Zur kleinen Markthalle, Legiendamm 32, 10969 Berlin, Dienstag bis Samstag jeweils 17 bis 22 Uhr, Abholung

Jacques Ritzel
Sieger im Rennen um den Titel „das knusprigste Brathähnchen“: das Wirtshaus kleine Markthalle.

Diese Texte sind in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.