Berlin - Zwischen Regen und Sonne changiert das Frankfurter Tor an diesem kühlen Sommertag. Die Architektur im Stalin-Barock hat die Gegend fest im Griff, diese Häuser machen keine Scherze. Die Abstände der Gebäude zueinander flößen an dieser Kreuzung Ehrfurcht ein, gleichzeitig weiten sie den Blick in den Himmel. Hier spürt man so viel Großstadt wie vielleicht nirgends sonst in Berlin, selbst die Hochhäuser am Potsdamer Platz können das nicht liefern, weil sie viel zu nett aussehen.

Dennoch lässt es sich hier wunderbar aushalten. Altmodische Restaurants, ein riesiges Humana-Secondhandkaufhaus und das nahe Ausgehviertel um den Boxhagener Platz versammeln am Frankfurter Tor eine illustre Mischung aus Anwohner-Establishment, Berlinbesuchern und Durchreisenden aus anderen Teilen der Stadt. Wir haben ein paar Menschen aus der Masse gefischt und sie um Fotos gebeten.

Agatha Powa
Erika kam vor vier Jahren aus Japan nach Berlin. Vor der Pandemie hatte sie Auftritte als Performance-Künstlerin im KitKatClub, nun will sie erst mal zurück in die Heimat. Sie trägt ein Cap des japanischen Streetwear-Labels Bodysong, eine Vintage-Jacke und eine abgeschnittene Levi’s-Jeans, dazu Diesel-Sneakers.
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Sieht süß aus, wird aber laut, wenn Frauchen ohne ihn entschwindet: Minihund Mako ist ein Mix aus Shih Tzu und Chihuahua.
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Pony-Partner aus Lyon: Die Musikstudentin Reine hatte diese Frisur samt Undercut zuerst, das inspirierte ihren Freund Raphael zum aufgepeppten Prinz-Eisenherz-Look.
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Dieses Patchwork-Wunder hat Raphaels Mutter aus alten Stoffresten zusammengenäht.
Agatha Powa
Die Lyoner Studenten sind zu Besuch in Berlin. Ihre Spaziergänge machen sie mit schwarzen Converse Louie Lopez und kunstvoll geflickten Doc Martens, die ein französischer Schuster in echte Einzelstücke verwandelte.
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Im Säulengang unter einem der Türme feiert diese prächtig gewandete Gesellschaft den 82. Geburtstag von Annelise. Die Jubilarin wird flankiert von Familie und Nachbarn. Von links: Wassilina, Simone, Halima, Annelise, Maria und Britta. Die Kleider sind aus Nigeria und Ghana, wo Teile der Familie herkommen und gelebt haben.
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Britta ist Architektin. Mit ihrem Mann Simone, der ebenfalls Architekt ist und aus Italien kommt, hat sie die gemeinsame Tochter Edda Maria.
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Diese zwei stylischen Wahlberliner sind „best friends“, wie sie sagen – und unterwegs in Richtung Boxhagener Platz. Die Webentwicklerin Déborah trägt ein schwarz-weißes Vintage-Outfit aus Blazer, Bluse und Lederhose. Auch der Sozialarbeiter William trägt einen Secondhand-Look aus sonnengelbem T-Shirt und hellblauer Jeans.
Agatha Powa
Déborah arbeitet nebenbei als Model, zu Recht. Dadurch ist sie mit vielen Stylisten befreundet, von denen sie öfter mal was vererbt bekommt. Zum Beispiel die Ohrringe im Panzerketten-Look.
Agatha Powa
Auch die chunky Schuhe von Prada sind ein Geschenk.
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William trägt das Kreuz zwar nicht unbedingt aus Glaubensgründen, dennoch ist er in einer katholischen Familie aufgewachsen, wo dieser Schmuck zur Taufe verschenkt wird.
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Luis lebt in London, sein Freund Shayn in Frankfurt am Main. Für einen Kurzbesuch ist das Paar in Berlin. Luis trägt zum Arket-T-Shirt eine karierte Balenciaga-Jeans und Both-Schuhe. Shayns Shirt und Hemd sind von Zara, die Hose ist vom Online-Label Korean Fashion, dazu trägt er Nike Dunks.
Agatha Powa
Der Artdirector Luis ist Teil eines Teams, das mit dem neuen Luxuslabel Freischwimmer Kleidung für das nächtliche Ausgehen anbieten möchte. Dass er sich für Mode interessiert, ist offensichtlich. Die Ringe sind von Gucci, die Mini-Pouch ist von Prada ...
Agatha Powa
... und der Rucksack von Givenchy.
Agatha Powa
Shayn arbeitet als Management-Assistent in der Gastronomie. Er mischt Modeschmuck mit Wertanlage: Die Kette ist von Bershka, die Brille von Asos ...
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... und das verschraubbare „Love Bracelet“ von Cartier. Ein Schmuck-Klassiker, den es seit 1969 gibt und dessen Preis stetig steigt.
Agatha Powa
Supersüß: Emma (links) und Anika sind Freundinnen, genau wie ihre Mütter. Emma wurde in Berlin geboren, verlässt die Stadt aber in Kürze für ein Studium der Wirtschaftsmathematik in Amsterdam. Anika lebt in Heidelberg, auch sie will bald studieren. Bis dahin mixt sie noch ein bisschen die Drinks an einer Bar.
Agatha Powa
Die Freundinnen sind komplett in Vintage gekleidet. Anikas Look entstammt Emmas Kleiderschrank, sie hatte nicht genug mit, sagt die Besucherin. Die beiden waren bei Humana, jetzt geht’s auf Emmas Vespa weiter, bevor der nächste Regenschauer kommt.
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Brigitte ist Regisseurin, sie arbeitet eng mit Sasha Waltz zusammen und verfilmt regelmäßig deren Choreografien. Zu ihrem schönen schneeweißen Haar trägt die Berlinerin eine feuerrote Cordjacke von Kenzo, die ihr Mann mal vor vielen Jahren von Dreharbeiten im Ausland mitbrachte. Dazu kombiniert Brigitte eine Uniqlo-Hose und Nike Cortez.
Agatha Powa
Die Brille immer griffbereit und dazu das Ampelmännchen auf Go aus dem Souvenirshop, wo Brigitte immer mit Besuch hingeht. Diese Kenzo-Jacke kann was.
Agatha Powa
Sie kommen wieder, die langen Haare bei Männern. Der Sozialarbeiter Luca trägt sie jedoch schon seit sechs Jahren so. Der Freiburger liebt die Asymmetrie, wie man an den Schnürsenkeln seiner Vans, an seinen Socken und Fingernägeln erkennen kann.
Agatha Powa
Der Thrash-Metal-Fan hat sich die Patches selbst aufs Cap genäht.
Agatha Powa
Sein Freund sagte zwar, das sehe „wack“ aus, aber Luca hat sich das Stück Holz trotzdem umgehängt. Es war Teil eines Stützbalkens in einer alten Eisenmine in Luxemburg. Luca faszinierte der Ort und er nahm sich das Holz von dort zur Erinnerung mit.
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