Berlin - In den Neunziger- und Nullerjahren nannte man die Kastanienallee auch gerne „Castingallee“. Hier wurden man gesehen, und angeblich legten es auch die meisten darauf an. In Wahrheit aber wohnten hier einfach viele Menschen, die gerade nach Berlin gekommen waren, sich ihr Studium mit unkonventionellen Nebenjobs finanzierten, dabei verdammt gut aussahen und ganz unabsichtlich die Berliner Latte-Macchiato-Kultur mitbegründeten. Noch heute gibt es hier einige Läden von damals, wie zum Beispiel den kleinen Streetwear-Shop „Eisdieler.“ Das ist ein gutes Zeichen für einen Kiez, in dem inzwischen auch viel Neues entstanden ist. Ein Porsche wäre hier vor zwanzig Jahren eine Sensation gewesen. Heute parkt ein Boxter neben einem 924er, zwischen anderen Youngtimern, Hippie-Bussen und robusten Kleinwagen. Und die Menschen? Alte Bekannte, viele neue Gesichter sowie die Erkenntnis, dass die Kastanienallee ein äußerst angenehmes Pflaster ist. Immernoch.


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Am 17./18. Juli 2021 im Blatt: 
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Jung, weiblich, schussbereit: Auf der Pirsch mit der ersten Chefin des Jäger-Magazins

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Agatha Powa
Outfit à la Mama: Schülerin Pepe bedient sich gerne mal aus dem Kleiderschrank ihrer Mutter, was von dieser mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen wird. So sind die Vintage-Rodenstock-Brille, Bluse und Stiefel geliehen, Rock und Kette gehören Pepe. Der Vokuhila ist vom japanischen Visual-Kei-Stil inspiriert.
Agatha Powa
Der Ketten-Anhänger ist eine Replik der Pistole „Glock 17“, gekauft in einem Waffenladen in Polen. 
Agatha Powa
Charlotte macht eine Ausbildung zur Erzieherin, ab und zu arbeitet sie als Model. Highlight ihres Looks ist das Dirndl, das sie sich in einem Münchener Secondhand-Shop gekauft hat. Mit der Hand hat sie das schöne Stück selbst für die perfekte Passform geändert. Dazu trägt sie ein Cap von Burlington, ein T-Shirt von Mc Hardcore, und Schuhe von Clarks. Schmuck trägt sie fast nie, weil sie ihn immer verliert, sagt sie. Dem Outfit fehlt dieser jedenfalls nicht.
Agatha Powa
Die Tasche: ein schönes Vintage-Stück.
Agatha Powa
Den Streetwear-Shop Eisdieler gibt es hier schon seit 1995. Ton in Ton mit seiner Vespa trägt Betreiber Stefan einen Overall seines eigenen Labels Director’s Cut. 
Agatha Powa
Das Armband mit dem Namensschild „Frank“ an Stefans Arm gehörte einst seinem Vater.
Agatha Powa
Eisdieler-Mitarbeiter Sergej kam vor drei Jahren aus Russland nach Berlin, auch er trägt ein Hemd von Director’s Cut. 
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Sergejs Unterarm-Tattoos vereinen einen russischen (rechts) und einen deutschen Adler (links) aus dem 15./16. Jahrhundert.
Agatha Powa
Martin ist der zweite Eisdieler-Betreiber.  Er hat ein Faible für Young- und Oldtimer. Sein 924er Porsche Turbo ist ein seltenes Rennmodell. Er trägt eine Jacke seiner eigenen Marke Bowler Berlin, außerdem Tennisschuhe von Spring Court. Die gleichen trugen John Lennon und Yoko Ono übrigens auf ihrer Hochzeit.
Agatha Powa
Die Jacke ist von Oldtimer-Rennjacken aus den 1930er-Jahren inspiriert. Alles ist auf Funktion ausgerichtet, wie das runde Uhrenfenster oder die Brusttaschen für Fahrer-Ausweis und Zigaretten. 
Agatha Powa
Miriam und Jazz lieben den Indie-Look. Miriam ist Fotografin, nebenbei designt sie T-Shirts unter dem Brand Mc Hardcore. Sie trägt ein Vintage-Matrosenkleid aus Los Angeles und dazu eine gerade neu gekaufte MCM-Tasche. Jazz ist Musiker und Künstler, er trägt ein von seiner Freundin gestaltetes T-Shirt, dazu Vintage-Blazer und Vintage-Hose. 
Agatha Powa
Paar und Schuhe: Lederschuhe von Mango und Chucks mit roten Socken.
Agatha Powa
Die Ketten sind von der Hamburger Marke Peace of Schmuck.
Agatha Powa
Hund Lou auf dem Arm von Miriam. 
Agatha Powa
Matthias wohnt seit fünf Monaten in Berlin und absolviert gerade ein Praktikum bei Universal. Schwarz-weiß durchgestylt trägt er ein T-Shirt von Uniqlo, eine Weste von  Dickies, und dazu eine Carhartt-Hose. 
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Matthias trägt eine Brille von House of Holland. Die Perlenkette hat er in einem Tibet-Store in Köln gekauft. Sein Stil ist inspiriert von der japanischen Anime-Serie „Dragon Ball“.
Agatha Powa
Zum guten Schluss, ganz unten: karierte Vans.
Agatha Powa
Joachim fotografieren wir vor seiner Männerboutique Fein und Ripp, die er seit elf Jahren betreibt. Der Stil des Ladenbesitzers repräsentiert das angebotene Sortiment: Bullani-Mütze, Weste von Pike Brothers, Shirt von NOS, Hose von der italienischen Firma Hen’s Teeth und Schuhe von Red Wing.
Agatha Powa
Das Armband luchste er einst einer Verflossenen ab, so Joachim. 
Agatha Powa
Produktdesigner Filip treffen wir vor dem legendären Secondhand-Shop Pauls Boutique in der Oderberger Straße, die von der Kastanienallee abgeht. Offensichtlich trägt Filip gern Schwarz, jedoch mag er auch bunte Outfits, wie er betont. Die von persischer Mode inspirierte Hose hat er sich selbst ein wenig umgeschneidert.
Agatha Powa
Kameramann Luc dreht vor allem Werbung. Als er vor einigen Jahren für einen Job nach Oregon flog, ging sein Gepäck verloren und er musste sich vor Ort günstige Ersatzkleidung kaufen. Bei TK Maxx fand er dieses Nintendo-Hemd für ganze 6 Dollar. Das florale Tattoo ist ganz frisch, es symbolisiert die Trockenblumen, mit denen das Paar die gemeinsame Wohnung ausstaffiert hat. Luc lernte seine Freundin  auf dem Pausenhof kennen. Sehr romantisch!
Agatha Powa
Auch die Adidas ADI-EASE Sneaker kaufte sich Luc, als sein Gepäck in den USA verloren ging. Seitdem ist er Fan diese Modells, das er inzwischen in vielen Farben besitzt.