Berlin - Wann fing das eigentlich an? Vor 20 Jahren? Als Mitte irgendwann durchsaniert war, prophezeite man dem Anrainerbezirk Wedding eine große Zukunft. Doch die wollte nicht so recht Gegenwart werden. Zum einen gab es hier schon immer wenige Straßen, die das Zeug zur Trendmeile hatten, und zum anderen waren die Ureinwohner rein gar nicht interessiert an einer hippen Einfriedung ihrer trashig-bunten Kieze. Auch die leicht bedrohliche Aura rund um Automatencasinos und mysteriöse Teelokale schreckte potenzielle Gentrifizierer ab. In Wedding wurde eben schon immer gecornert und geflext, statt Latte bestellt und zart über die Laptop-Tastatur gestreichelt.

Okay, okay. Es gibt auch Ausnahmen. Zum Beispiel die wunderschöne Malplaquetstraße mit ihrem ausgewogenen Mix aus Alt und Neu. Zwei idyllisch gelegene Cafés, ein kleines Secondhand-Kaufhaus und ein Antiquariat sowie das architektonische Highlight, das auf dem alten Tor zu den Osram-Höfen sitzende Wohnhaus, erzeugen genau jenen Flair, der Menschen aus den kreativen Blasen anderer Stadtteile anzieht. Und ebendiese Menschen sind es dann auch, die mit ihrer gut gelaunten Anwesenheit das uralte Versprechen der Berliner Lokalpresse einlösen: Der Wedding kommt. Beziehungsweise: Er ist schon da!

Agatha Powa
Freya studiert Grafikdesign am Mediencollege in Mitte. Seit sie aus Köln nach Berlin gezogen ist, wohnt sie in Wedding und will hier nicht mehr weg. Unter dem Vintage-Trenchcoat trägt sie Basics von H&M und Zara, dazu weiße Socken und Asics.
Agatha Powa
Die Kette von Tiffany & Co. ist ein Geschenk von Freyas Freund. Der silberne Schmuckklassiker für Verliebte ist definitiv cooler als jede andere Herzchenkette.
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Ebru lebt und arbeitet in der Malplaquetstraße. Sie ist Gründerin und CEO der Berliner Kosmetikmarke Swype, die man aus einschlägigen Boutiquen kennt. Ebru trägt einen Blazer von Saint Laurent, einen Bleistiftrock von Alessandra Rich und knallrote Mules von Balenciaga.
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Zur Rolex Datejust mit Diamanten auf dem Ziffernblatt und Weißgold-Elementen trägt Ebru einen Ring, den sie selbst designt hat und sich auch selbst geschenkt hat. Natürlich auch ein Diamant. So muss das!
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Ebrus Tasche ist, man ahnt es, von Dior.
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Olivia und Jewel sind befreundet und haben sich gerade zufällig auf der Malplaquetstraße getroffen. Olivias Ledermantel, Top und Hose sind Vintage. Jewel ist Creative Director im Film- und Fashionbereich. Der grüne Trainingsanzug stammt aus der 2021er adidas-Originals-Kollektion, Mantel und Hut sind Vintage. 
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Jewel ist auch Model und DJ, gerade stand er beim Reference Festival zur Fashionweek an den Decks. „Assoziativ“ ist ein Track des Hamburger Rappers Ansu, mit dem Jewel befreundet ist und von dem er das Merchandise-T-Shirt mit dem Aufdruck hat. Die kunstvolle Flechtfrisur hat ihm eine Freundin gemacht, sagt er.
Agatha Powa
Olivia stammt aus Irland. Sie ist Make-up-Artist und arbeitet vor allem für Musikvideoproduktionen und in der Werbung.
Agatha Powa
Einmal Doc Martens mit Plateausohle links, einmal Doc Martens mit Tattoos rechts. Muster und Schriftzüge in Schuhe zu tätowieren ist gerade der neueste Schrei. Die Gravur in Jewels Docs stammt vom Deadhype-Macher Bernard, den wir wir auch schon einmal vor unserer Kamera hatten.
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So gut gelaunt kann nur jemand sein, der es geschafft hat! Der Architekt Thomas vor seinem Werk, dem Hingucker in der Malplaquetstraße. Durch die Einbindung der alten Einfahrt zu den ehemaligen Osram-Höfen in den Neubau schmiegt sich das Wohnhaus perfekt zwischen die übrigen Fassaden und verleiht der Straße gleichzeitig einen zeitgenössischen Touch. Thomas trägt Prada (Jacke) und Jil Sander (Hose).
Agatha Powa
Die eleganten Schuhe sind von der italienischen Marke Premiata.
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Lillian arbeitet als Set-Designerin und holt sich gerade einen Iced Americano im Café Motte. Sie wohnt seit sechs Jahren in Wedding und kam damals aus einem Dorf in der Nähe von München nach Berlin. Den Kulturschock hat sie längst weggesteckt, und wie man sieht, weiß sie, wie man cornert! Lillians schwarzes Outfit (sie trägt sonst gern auch Farbe, wie sie sagt) besteht aus einem Vintage-Kunstledermantel, legeren Basics und Sneakers von New Balance.
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Lillian mag es, immer „ein bisschen Rosa“ im Haar zu tragen. Dazu trägt sie eine Sonnenbrille von Prada und eine Kette mit Löwenanhänger, ihrem Sternzeichen. Übrigens auch dem ihrer Mama, die am gleichen Tag Geburtstag hat wie ihre Tochter Lillian.
Agatha Powa
Mitch ist Brand-Manager bei Swype, der Firma von Ebru. Er wohnt eigentlich in Mitte, liebt aber das Büro in dieser Straße und findet die Leute hier in Wedding „echt“, im Vergleich zu anderswo. Zur Bomberjacke von Acne Studios trägt er ein blau-weiß gestreiftes Hemd, ein schwarzes Shirt und eine Hose, alles von Uniqlo. Die Kette hat Mitch vom Flohmarkt auf dem Arkonaplatz.
Agatha Powa
Die Bomberjacke des schwedischen Avantgarde-Labels Acne Studios ist ein solider Klassiker, der seit Jahren immer wieder neu aufgelegt wird.
Agatha Powa
Die Schuhe von Mitch: ebenfalls Klassiker, und zwar von Gucci. Die Horsebit Loafer sind Pflicht für die Preppy-Uniform.
Agatha Powa
Der Franzose Raphael ist Model und Schauspieler. Er lebt seit einem Jahr in Berlin und besucht gerade Freunde in der Malplaquetstraße. Raphael posiert im Oberteil von ESC Studio, einer Hose von Seventh und bulky Schuhen von Rombaut.
Agatha Powa
Zur eleganten Farbkombination trägt Raphael Ringe im Panzerketten-Look von Vika Jewels und an der rechten Hand einen Silberring, den er auf dem Flohmarkt in seiner Heimatstadt Bordeaux gekauft hat.
Agatha Powa
Gina und Sören wohnen zusammen in einer WG und machen jetzt erst mal Mittagspause. Gina studiert Modejournalismus und Kommunikation an der AMD Berlin. Ihr Outfit ist komplett Vintage, die Schuhe von Doc Martens. Sören ist Lehrer, er arbeitet mit Geflüchteten. Auch Sörens Outfit ist vollständig secondhand, die Adidas-Sneakers hat er seinem Bruder „geklaut“.
Agatha Powa
Ginas Lederjacke ist vom Flohmarkt, die Ringe am Mittelfinger von Mama. Den kleinen goldenen am Ringfinger hat sie im Sand gefunden.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.