Unsere beliebte satirische Kolumne „Abrissbirne Berlin“ geht in die nächste Runde. Falls Sie auch ein Gebäude abreißen lassen möchten, dann schreiben Sie uns eine E-Mail und begründen Sie die Wahl. Wir publizieren die besten Vorschläge. E-Mail: briefe@berliner-zeitung.de

Das Berliner Stadtschloss

Ich finde ja die immense Abneigung, die unserer ehemaligen Herrscherfamilie der Hohenzollern derzeit entgegenschlägt, ziemlich einfältig. Zumal ich die Diskussion, ob der damalige Kronprinz in den 30er-Jahren dem Aufstieg des Nationalsozialismus – wie es der nachdenkliche Moderator Jan Böhmermann und einige Historiker böse behaupten – „erheblichen Vorschub geleistet“ habe, für ziemlich abwegig halte.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

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Diese Woche im Blatt: 
Der Lieferdienst Gorillas: Was steckt hinter dem Berliner Unternehmen, das auf eine Milliarde geschätzt wird?

Steffen Uhlmann war einer der ersten ostdeutschen Reporter beim Spiegel. Für Ruhm ging er auf Stasi-Jagd

Ist Gendern die Lösung? Unser Autor sagt „Nein“ und zeigt, warum. Auftakt einer Serie über gerechte Sprache

In Israel eskaliert der Konflikt. Unsere Autorin berichtet aus Tel Aviv

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Ich habe in der Schule und später im Studium viele Abhandlungen zum Dritten Reich gelesen. Da tauchten viele schillernde Gestalten auf. Der Kronprinz allerdings wurde in der einschlägigen Literatur nie namentlich erwähnt. Er war einfach völlig unwichtig. Deswegen finde ich: Man sollte den Wiederaufbau des Stadtschlosses nicht von vornherein aus anti-imperialistischem Gehabe ablehnen. Denn künstlerisch haben die Hohenzollern viel für das damalige Kaff Berlin und seine angrenzenden Schmuddeldörfer wie etwa Cölln getan.

Der Grund, warum ich das Schloss jetzt dennoch abreißen möchte, ist, dass es einfach total schlampig geplant wurde. Fahren Sie mal nachts mit dem Auto oder dem Fahrrad vom Alexanderplatz über Unter den Linden Richtung Brandenburger Tor. Schaut man durch die Barockfenster ins Innere, dann stimmt gar nichts. Die Deckenhöhen passen nicht und aus dem Inneren funkeln grelle LED-Lampen nach draußen. Warum hat man es nicht gemacht wie beim Bernsteinzimmer? Einfach ordentliche Handwerker (die gibt es noch in Polen, aber in Deutschland nicht mehr) beauftragen und alles genau so wiederherstellen, wie es mal war. Das ist doch nicht so schwer. Wir haben schließlich alle ein bisschen Glamour verdient.

Das Schlimmste am Stadtschloss ist aber, dass man das Beste des alten Ensembles (seit 1443 war es die Residenz der Kurfürsten) einfach vergessen hat. Ob aus Faulheit oder Dummheit. Denn an der Ostseite – dort, wo heute am Spreeufer eine schnöde moderne Betonfassade ist – befand sich bis zur Sprengung 1950 der Grüne Hut, die Erasmuskapelle und das Herzoginnenhaus. Das waren die verwinkelt-verbautesten Teile des Schlosses.

Ein wildes, mit Efeu bewachsenes Potpourri von Türmchen und Giebeln diverser spätmittelalterlicher Baustile und Renaissance-Elemente. Dort gab es auch einen kleinen Bootsanleger, von dem aus die königliche Familie fast ungesehen in das Gewusel der Stadt entschwinden konnte. Ich finde es eine Schande, dass man den langweiligen Teil des Schlosses (Wilhelm II. soll es ja gehasst haben) mit LED-Leuchten und riesigen Glastüren (Westseite) wiederaufbaut und uns den schönsten Teil einfach wortlos unterschlägt. So, als hätte es ihn nie gegeben. Diese Sünde ist nicht zu entschuldigen und zeugt von der spießigen Respektlosigkeit des Deutschen Bundestags, der den Bau damals absegnete. Deswegen: Sprengmeister, übernehmen Sie! Danke. Jesko zu Dohna

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Der HBF: Durch das gläserne Dach sollen an guten Tagen gerüchteweise sogar Sonnenstrahlen auf die untersten Ebenen gelangen.

Der Berliner Hauptbahnhof

Wer Bahnhöfe hasst, liebt den Berliner Hauptbahnhof. Über fünf Ebenen erstreckt sich ein kafkaeskes Gebilde, das von sich behauptet, der Mobilität zu dienen. Das mit der Mobilität ist natürlich gelogen: Im Grunde geht es bei dem Gebäude darum, die 300.000 täglichen Fahrtgäste möglichst effizient an den rund 80 Einzelhändlern vorbei zu schleusen.

Wer aus Hamburg oder München ankommt, erreicht den Bahnhof auf der untersten Ebene. Vor der Weiterfahrt in der S-Bahn müssen 25 Höhenmeter erklommen werden, auf den erwartungsfrohen Berlin-Besucher wartet deshalb eine Ochsentour vorbei an Currywurst-Buden und Drogeriemarkt. Wer darauf hofft, einen Teil der Reise durch die Nutzung eines der röhrenförmigen Aufzüge, die die Ebenen miteinander verbinden sollen, abzukürzen, wird enttäuscht: Sie sind sehr eng und sehr, sehr langsam. In einem Bahn-Forum im Internet wird die Wartezeit zu den Hauptverkehrszeiten mit zehn Minuten angegeben – die S-Bahn braucht für die Strecke zwischen Alexanderplatz und Bahnhof Zoo genauso lange.

Wer mit einem Kinderwagen oder einem Rollstuhl einen Anschlusszug erreichen will, ist deshalb auf das Wohlwollen seiner Mitreisenden angewiesen: Rad- und Rollstuhlfahrer konkurrieren jede Fahrt aufs Neue um die knappe Fläche. Für den neuen U-Bahnanschluss scheint man sich indes zu schämen, denn er liegt nicht nur versteckt, er ist auch kaum ausgeschildert.

Würde man den Bahnhof abstrakt und losgelöst von seiner Funktion betrachten, könnte man ihm sogar etwas abgewinnen. Durch das gläserne Dach sollen an guten Tagen gerüchteweise sogar Sonnenstrahlen auf die untersten Ebenen gelangen, trotzdem beträgt die Temperatur unten konstant 4 Grad. Stahl und Glas suggerieren Urbanität, und hier liegt schon die nächste Lüge: Der Bahnhof ist alles andere als urban, er liegt inmitten einer Brache. Jeder, der hier hinmuss, will eigentlich wieder weg.

Dass der Bahnhof ausgerechnet an diesem Nichtort gebaut wurde, wird historisch durch die Lage des alten Lehrter Bahnhofs begründet, die Wahrheit ist jedoch deutlich profaner: Durch die Nähe zum Bundestag können die Abgeordneten aus Hintertupfingen am Freitag nach der Sitzungswoche die Hauptstadt umgehend für das wohlverdiente Wochenende verlassen. Dass ein öffentliches Gebäude so nahe an den Bedürfnissen einer kleinen Funktionselite geplant wird, wirkt für bundesrepublikanische Verhältnisse befremdlich, ist im Hinblick auf die Verzahnung von Bahn und Politik aber nur konsequent. Unbedingt abreißen: Wer gerade im Glashaus sitzt, werfe den ersten Stein. Maximilian Both

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Weil diese Halle in Deutschland steht, ist sie nach einer Firma benannt, die Tausende Autokäufer im Dieselabgasskandal betrogen hat.

Mercedes-Benz Arena

Eines der schlimmsten deutschen Wörter ist ja wohl „Mehrzweckhalle“. Nicht nur, dass es danach klingt, als könnte es als Impfzentrum benutzt werden oder Luftschutzbunker, es ist auch zutiefst unromantisch. Das ist immerhin die Halle, in der George Michael, Madonna, Helene Fischer und Eric Clapton erwachsene Menschen zum Weinen und Arme-Hochreißen gebracht haben.

Aber weil diese Halle in Deutschland steht, ist sie nach einer Firma benannt, die Tausende Autokäufer im Dieselabgasskandal betrogen hat – zumindest bis zum Jahr 2035 wird sie deren Namen noch tragen. So lange hat die Daimler AG dem Sponsoring zugestimmt. Gebaut wurde die Halle noch als O2-World – doch wirklich bekannt war der Ort, der vorher an dieser Stelle war: das Ostgut. Dieser Club galt als die Wiege der Berliner Clubkultur, der Ursprung für alles, was danach passierte in dieser Gegend: Bar25, Kater, Watergate, Golden Gate, Berghain ... Sie alle bilden rings um diesen Klotz an der Spree einen bunten Kreis um eines der furchtbarsten Gebäude der Stadt.

Es beginnt mit dem Äußeren: Alles an diesem Gebäude strahlt Zweckmäßigkeit aus, die Front lädt geradezu dazu ein, die gesamte gefühlt drei Kilometer lange Fassade mit Werbungsprüchen zu bespielen. Der Balkon, auf dem nur Raucher stehen, ist ebenfalls eine Fehlkonstruktion und löst weder von außen noch von innen ein erhebendes Gefühl aus.

Als das Gebäude entstand, war es noch allein im Kiez. Die Arena ist der Kiez. Inzwischen sind zwar rund um die Mehrzweckhalle mehrere Restaurants entstanden, die allerdings diesen Namen nicht verdienen. Es sind ausschließlich Verträge mit Systemgastronomen geschlossen worden, die aus möglichst langweiligem Essen viel Geld herausschlagen wollen. Das ist an sich nicht schlimm, aber in seiner Geballtheit möchte man schon fragen dürfen, ob seitens der Planer ein gewisser Sadismus dahintersteckt. Irgendwo reibt sich jemand die Hände und denkt: Sollen sie doch alle Dreck essen, diese Menschen, die in einer großen Halle gemeinsam einem Künstler zuhören wollen.

Das Viertel soll hier nur erwähnt sein, weil es schon immer in der Mercedes-Benz Arena angelegt war: Schon als sie 2008 eröffnet wurde – übrigens mit einem Konzert von Metallica –, demonstrierten Anwohner gegen dieses Monstrum an der Spree. Sie befürchteten Gentrifizierung und den Verlust eines Zugangs zur Spree für alle. Zwölf Jahre später möchte man den Demonstranten zurufen, dass die Gentrifizierung leider die ganze Stadt für sich eingenommen hat. Es ist tatsächlich so, als hätte die Horror-Halle kleine Kinder bekommen. Überall in der Stadt gibt es gesichtslose Wohngebäude, die auch Bürogebäude sein könnten, oder umgekehrt.

Wenn hier Menschen abends vorbeilaufen, dann werden sie unmerklich immer schneller oder beginnen gar zu joggen, auch wenn sie es sonst nie tun würden. Auch ohne Pandemie möchte man sich nicht zu lang im Schatten dieses Monsters aufhalten. Es gibt nur eine Hoffnung, die den Abriss unnötig machen könnte. Es spricht viel dafür, dass dieses Gebäude nur ein getarntes UFO ist. Und eines Nachts erhebt sie sich und fliegt davon, sie sollte dann im Vorgarten des amerikanischen Immobilienhais landen, der sie einst plante. Sören Kittel

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Dem Todesstern nicht unähnlich: Das ICC

Das Internationale Congress Centrum Berlin

Gäbe es einen Wettbewerb für abgedroschene Architekturmetaphern, die Formulierung „wie ein Ufo“ oder wahlweise „wie ein Raumschiff“ wäre der heißeste Kandidat auf den ersten Platz. Und unser schöner Planet längt von Außerirdischen kolonialisiert. Als Unbekannte Flugobjekte oder Raumschiffe, die gerade erst „in der Landschaft“ gelandet sind oder dort schon länger liegen, werden in der Regel Bauwerke bezeichnet, die futuristisch und damit irgendwie fremd wirken. Auch mal kalt, unnahbar, deplatziert. Wie das ICC zum Beispiel.

Das ist sozusagen der Todesstern unter den in der Berliner Stadtlandschaft gelandeten und herumliegenden Ufos oder Raumschiffen. Mit einem Gefängnistrakt im Untergeschoss des Parkhauses. Die Form strenger in den Blick genommen sieht das ICC eher wie der Kampfstern Galactica aus. Und das würde man vielleicht schon gerne wissen: Ob es die Berliner Mauer immer noch gäbe, wenn die Sturmtruppen des Imperators und die Zylonen des Erhabenen Führers als Besatzungsmächte das Sagen hätten.

Das 1979 eröffnete Internationale Congress Centrum Berlin, wie es in Langform heißt, ist verkürzt dargestellt ein Sanierungsfall, ein Silberstreif, aber ohne Horizont. Die Zeit, in der das ICC serienweise Preise der Reiseindustrie gewann, ist längst vorbei. Seit sieben Jahren ist das ICC für die Öffentlichkeit gesperrt. Zuletzt fand dort die Hauptversammlung der Daimler AG statt, danach: Asbest, Angst, Abrisspläne. Vor zwei Jahren dann der rettenden Sprung unter den Deckmantel Denkmalschutz.

Der Kultursenator Klaus Lederer sprach von einem der „der wichtigsten Bauwerke der deutschen Nachkriegszeit“, nannte das ICC „Wahrzeichen Berlins“, „einzigartige Großstadtskulptur“, „monumentale Landmarke, die Berlin als Stadt der Zukunft kennzeichnet“. Übersetzt heißt das: Wir haben kein Geld, wir machen erst mal nichts. 2016 erschien die Dokumentation: „Ein UFO im Wartestand. Was wird aus dem ICC?“ Spoiler: Keine Ahnung.

Etwa eine halbe Milliarde würde es kosten, das mit Moos zugewucherte und an allen Ecken vermüllte Ding zu sanieren. Zuletzt taugte das ICC nur noch als Filmkulisse, aktuell für die Neuverfilmung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Viel tiefer kann ein Ufo nicht sinken, wenn man bedenkt, dass Wim Wenders seinen „Himmel über Berlin“ hier zum Leuchten brachte.

Eine Entschuldigung geht an dieser Stelle an Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler raus. Das Architektenehepaar hat nicht nur die Pläne für das ICC geliefert, sondern auch für den Bierpinsel, den wir bereits abgerissen haben vor einigen Wochen. Zur Erinnerung: Irgendetwas muss schiefgelaufen sein, denn der Bierpinsel sieht so aus, als hätten ein Ufo oder ein Raumschiff einen Kolben verloren beim Anflug auf Berlin. Paul Linke


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