Berlin - Im Berliner Mietshaus droht eine Räumung nach der andern: Ob die Familie des Busfahrers, die alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern oder die Rentnerin, die seit 55 Jahren im Haus lebt – sie alle gelten bei der Luxussanierung als „Verwertungshemmnis“ und müssen raus. Als Cem Ceylan, zynischer Juniorchef der Immobilienfirma, nach einem Balkonsturz tot auf dem Gehsteig liegt, hält sich das Bedauern im Kiez in Grenzen. 

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
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Der „Tatort: Die dritte Haut“ – womit die Wohnung gemeint ist – geht zwischen die Fronten einer Berliner Kampfzone. Mieter stehen unter Druck und wehren sich verzweifelt, Vermieter fühlen sich vom Mietendeckel, der während der Dreharbeiten noch in Kraft war, behindert. Die Drehbuchautorin Katrin Bühlig, die schon mal mit einem Bremer „Tatort“ zum Pflege-Elend für Furore sorgte, bleibt hart an der Realität. Dass Mietern wochenlang der Strom abgestellt oder ihre Fenster mit Planen verhangen werden, um sie zum Auszug zu drängen, ist keine Erfindung.

Ein ruppiger, melancholisch getönter „Tatort“

Eine RBB-Doku aus der Reihe „Schattenwelten“, die kürzlich aufzeigte, zu welch dubiosen Mitteln ein stadtbekannter Vermieter greift, wirkt wie der Begleitfilm zum Krimi. Der „Tatort“ widmet sich nicht einer Immobilien-Heuschrecke, sondern einer türkischstämmigen Familie von nebenan: Mutter Ceylan (Özay Fecht) will nach harten Jahren auf der Betongold-Welle mitschwimmen, Tochter, Sohn und Schwiegersohn konkurrieren mit eigenen Vorstellungen.

Halbdokumentarisch wirkt auch die Inszenierung von Norbert ter Hall. Er baut verzweifelte Wohnungsgesuche auf Zetteln, wütende Parolen an Häuserwänden und Standbilder mit echten Obdachlosen ein – und er drehte sein Drama im Dezember mit Masken, was dem Beruf der „Maskenbildnerin“ eine neue Bedeutung gibt, das Verstehen mitunter erschwert, aber doch zum Sujet passt. Denn die vermummten Gesichter wirken ja auch bedrohlich, und der Berliner Wohnungsmarkt ist wirklich krank.

Weniger bekannte Schauspieler wie Berit Künecke als Mutter, Peter René Lüdecke als Busfahrer oder Friederike Frerichs als Seniormieterin bringen viel Authentizität ins Spiel, und selbst die Kommissare stehen unter Druck. Nina Rubin entdeckt, dass ihre Wohnung im Netz angeboten wird. Es ist der vorletzte Fall mit Meret Becker. Dieser ruppige, melancholisch getönte „Tatort“ ist kein Krimi zum wohligen Gruseln, kann die Mieter aber wirklich in Angst und Schrecken versetzen.

Wertung: 4 von 5 Punkten

Tatort: Die dritte Haut – So, 6.6., 20.15, ARD

RBB-Doku „Schattenwelten: Ausgebeutet – Mieter in Berlin“ in der ARD Mediathek

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