Berlin - Das Köfte-Sandwich hat ja in manchen Stadtteilen der Hauptstadt den Döner längst verdrängt. Auch wenn der Döner inzwischen als Berliner Exportschlager Nr. 1 (sonst gibt es ja wegen der Mauer keine ernstzunehmende Industrie mehr in Berlin!) sogar New York erobert hat, ist die mit Grillspießfleisch gefüllte Teigtasche doch ein Relikt der 90er- und frühen 2000er-Jahre.

Der Grund ist simpel: Der Aufstieg Berlins von einer abenteuerlichen Schmuddelstadt zu einer schmutzigen Metropole schulte auch den Gaumen ihrer Bewohner. Und die haben den einfachen Grillspieß aus Formfleisch (ja ich weiß, es gibt auch gute Dönerspieße) inzwischen satt. Und lange Zeit gab es auch nur diese billigen Spieße, die irgendwo in Süddeutschland industriell hergestellt werden. Ein Freund von mir wollte mal vor zehn Jahren einen Bio-Döner etablieren, schnell stand die Döner-Spieß-Mafia bei ihm vor der Tür und zwang ihn, ihre folierten Industrie-Spieße abzunehmen. Sowas gibt es heute meines Wissens nicht mehr in Berlin.

Und doch: In Kreuzberg und Neukölln isst vor allem der hippe Stadtbewohner lieber Köfte, oder auch mal ein Adana-Kebab-Schwert. Er geht dafür zu Läden wie Gel Gör auf dem Kottbusser Damm. Dort bekommt man sein sehr gutes und krosses Köfte- und Adana-Baguette mit Granatapfelsirup, frischem Basilikum, Minze und Zitrone verfeinert. Das klingt nach neuem Jahrtausend in der Weltmetropole Berlin und entzückt natürlich viele – auch mich.

Der freundlichste Köfte-Mann Berlins

In anderen Stadtteilen, etwa in Mitte um den Rosenthaler Platz oder in den weiter entlegenen Ostgebieten, ist das Köfte-Sandwich bisher eher eine Rarität, denn die Menschen essen weiter Döner, Döner Döner. Von einem dieser Döner-Läden bin ich aber fasziniert, und zwar vom Rosenthaler Grill und Schlemmerbuffet. Seit 1993 ist dieser Döner-Laden wohl der lukrativste der ganzen Hauptstadt. Vor Jahren habe ich mal mit einen Steuerberater gesprochen, der die Familie berät – hat er zumindest behauptet –, laut seiner Aussage mache der Laden mehr als eine Millionen Euro Gewinn im Monat. Unvorstellbar. Vielleicht hat er Gewinn und Umsatz verwechselt. Aber auch 12 Millionen Umsatz im Jahr mit einer einzigen Döner-Bude: Das wäre ziemlich krass, finde ich.

Aber Sie wollen ja bestimmt noch meinen Tipp hören: Und hierbei handelt es sich diese Woche um einen wirklich sehr guten Köfte-Mann und seinen Sohn. Warum sehr gut? Das hat viele Gründe. Einer davon ist allerdings nicht, dass es sich um die kulinarisch gesehen wirklich besten Köfte der Hauptstadt handelt. Warum das Köfte-Sandwich aber bei Akcaabat Saray Köfte in der Oranienstraße oftmals so viel besser schmeckt als die kulinarisch hochwertigeren Brüder ein paar Kilometer weiter südlich, liegt daran, dass die Gegend, die Nachbarschaft und die Menschen hier am südlichsten Zipfel der Otto-Suhr-Siedlung (eine der ärmsten Gegenden im Zentrum der Hauptstadt) ein besonderes Flair ausstrahlen.

Schlendert man dieser Tage durch den dreieckigen Waldeck-Park (direkt gegenüber unserer Redaktion), grüßen Rentner aller Nationen von den frisch renovierten Südbalkonen der Sozialsiedlung. Und hinter den Häusern wird man dann von Halil und seinem Sohn im kleinen Imbiss mit einem breiten Lächeln empfangen. Die beiden kennen eigentlich alle Gäste: Vom Handwerker bis zur Angestellten der Apotheke „Zum Schwan“ oder dem Wirt der (wirklich schönen!) Kneipe „Zur Mütze“ nur hundert Meter weiter. Halil weiß genau, wie oft man schon da war und welche Soßen und wie viele oder wenige Zwiebeln seine Gäste wollen.

Maximilian Both
Der Autor Jesko zu Dohna genießt die Köfte regelmäßig in seiner Mittagspause.

Und danach? In die Shisha Bar statt ins Borchardt

Ich bestelle meist ein ganz normales Köfte-Baguette (4,50 Euro) oder auch ein Jumbo, für den großen Hunger, mit sechs statt fünf Fleischbällchen für 6 Euro und dazu einen Ayran (1 Euro) oder eine herrlich nach Kaugummi und Chemie duftende Uludag-Limonade (1,30 Euro). Halil sagt: „Fünf Minuten!“ und wirft die flachen runden Fleischbuletten auf den Grill. Die flache Sorte Akcaabat ist eine Spezialität der Stadt Trabzon am Schwarzen Meer. Während die Buletten so auf dem kleinen Grill vor sich hin zischen, setzt man sich mit der Limonade schon mal auf die Holzstühle unter der Markise in die Sonne und schaut sich ein bisschen das Treiben an, hält einen Plausch mit den Jungs einer Umzugsbrigade oder streichelt den West-Highland-Terrier einer Rentnerin. In so einer Umgebung mundet einem jedes krosse Köfte-Sandwich ganz und gar himmlisch, auch wenn die Soßen nach einfachen Imbisssoßen schmecken und die Fleischbällchen nichts Besonderes (aber immer frisch gegrillt) sind.

Nach dem Essen gibt es noch eine überschwängliche Verabschiedung von Halil und seinem Sohn, und auf geht's zum türkischen Supermarkt International direkt gegenüber. Und auch dort: grenzenlose Liebe. Lassen Sie sich einfach die besten Südfrüchte einpacken. Man lernt dabei viel: Spanische Zitrusfrüchte darf man gar nicht kaufen. Die schmecken langweilig und zerstören die Umwelt. Echte Mandarinen kauft man aus Israel, verrät uns der Verkäufer. Warum? „Haben Sie schon mal einen Israeli mit Herzinfarkt gesehen? Nein? Sehen Sie!“ Und man kann noch vieles andere lernen: Cherimoya kann man essen wie eine Kiwi, und sie wirkten wie Viagra, flüstert der Verkäufer und legt noch eine der grünen Früchte in die Tüte. An der Kasse gibt's noch ein Sesam-Stängeli und rüber geht's zum kleinen türkischen Café oder (wer möchte) zur Shisha Bar Masal an der Ecke Kommandantenstraße. Auch zwei ganz hervorragende Läden, aber das ist einen extra Artikel wert.

Sie verstehen also langsam, wie unsere Bewertungskriterien nach fast einem Jahr und rund 200 neuen Restaurants funktionieren. Und warum jetzt Akcaabat Saray Köfte spielend vier Sterne und das Borchardt eben gerade knapp zwei Sterne bekommen hat. Weil es eben nicht nur auf Zutaten, Zubereitung und „bedingungslose Produktküche“ ankommt, sondern auch auf Herz und Charme.

PS: Die vier Hühnerspieße mit Salat, Reis oder Pommes und dreierlei Soßen (8,90 Euro) sind auch nicht schlecht.

Bewertung: 4 von 5 Punkten!

Akcaabat Saray Köfte, Oranienstraße 72, 10969 Berlin, geöffnet Montag bis Samstag 11 bis 20 Uhr.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.