Berlin - Fatima, die jüngste Tochter einer französisch-algerischen Familie, ist Muslimin und lesbisch. Mit zwölf Jahren wird sie auf Klassenfahrt von einer Freundin auf den Mund geküsst und bemerkt zum ersten Mal ihre Zuneigung für Mädchen. Von da an beginnt für Fatima ein Leidensweg. Denn ihre Homosexualität wird zum existenziellen Problem.

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Fatima Daas’ Debütroman „Die jüngste Tochter“ erzählt die Geschichte einer Frau, die im Identitätskonflikt zwischen Religion und sexueller Orientierung ein Doppelleben führt, bis sie sich durch das Schreiben eines Romans von ihren Ängsten befreit. Daas’ autobiografischer Roman ist der Versuch einer Versöhnung und eines Zusammenfindens zwischen allen Facetten ihrer Identität. Ein Selbstporträt, das an manchen Stellen an Poetry-Slam erinnert. Lässig und intim zugleich.

Eine Identität wie ein Puzzle

Fatima ist in Frankreich geboren, ihre großen Schwestern Dounia und Hanane in Algerien. Aufgewachsen im Pariser Banlieue sieht sich Fatima zerrissen zwischen Frankreich und Algerien, Paris und der Vorstadt, der LGBTQ-Community und ihrer traditionellen Familie. Zart, aber bitter sind die Worte, mit denen die 26-jährige Autorin (1995 geboren) einen eindringlichen und intimen Monolog führt, der sich durch den gesamten Roman zieht: „Ich heiße Fatima. Ich trage den Namen einer heiligen Figur des Islam. Ich trage einen Namen, den man ehren muss […], den man nicht beschmutzen darf.“

Die Autorin gibt der Romanfigur ihren eigenen Namen. Unzweifelhaft existieren viele Ähnlichkeiten zwischen Autorin und Romanfigur. „Ich heiße Fatima Daas ...“ sind die Worte, mit denen jedes Kapitel beginnt wie eine Beichte im Sprechgesang. Dieselben Worte führen in jedem Kapitel auf einen anderen Weg und stehen für eine zerrüttete Lebensgeschichte. Die verschiedenen Identitäten, die Fatima Daas ausmachen, fügen sich im Laufe der Lektüre wie ein Puzzle zusammen.

Es gibt nicht nur eine Identität

Fatima wäre gerne Imamin geworden, wenn das für Frauen möglich wäre. Die Gebete im Koran stimmen sie ruhig, sie hört sie neben Rap-Songs von Lil Wayne mit Kopfhörern in der Metro. Bei den Besuchen in der Moschee sucht sie den Kontakt zu verschiedenen Imamen und ringt, unter verdecktem Namen, um Verständnis für ihre Liebe zu Frauen.

Angst, Scham und Reue sind die großen Themen, die Daas hier verhandelt. Einen Gegenpol dazu bilden die Beschreibungen weiblicher Intimität, die Fatimas Identitätssuche begleiten. „Ich lege die Arme um sie, lege eine Hand auf ihre Hüfte. Meine Hand gleitet vorsichtig nach oben. Ich will ihre Zerbrechlichkeit spüren, sie ist greifbar. Sie sitzt an ihrem Rücken, an ihrer Wirbelsäule.“ Diese Erfahrungen geben Fatima den Mut, sich von ihrem schlechten Gewissen zu befreien.

Neben der Vereinbarkeit von Homosexualität und Religion geht es in „Die jüngste Tochter“ aber auch um das Leben als Tochter einer Einwandererfamilie und die Chancengleichheit im französischen Bildungssystem. Als Fatima an die Universität kommt, wird sie mit Lehrern konfrontiert, die nicht glauben, dass sie ihre Texte selbst schreibt. Viele junge Menschen aus den Vorstädten der französischen Metropole müssen sich mit diesen Vorurteilen auseinandersetzen. Wochenlang stand der Roman in Frankreich auf der Bestsellerliste. Zu Recht wurde „Die jüngste Tochter“ von der bekannten französischen Feministin und Autorin Virginie Despentes hochgelobt.

Denn Fatima Daas gelingt es in pulsierendem Rhythmus und mit knallenden Sätzen, ein erschütterndes und poetisches Selbstporträt zu schaffen. Es ist erleichternd zu erleben, wie klug die Autorin zeigt, dass eine Entscheidung für eine einzige Identität nicht nötig ist. Identitäten können nebeneinander existieren.

Wertung: 5 von 5 Punkten

Fatima Daas: Die jüngste Tochter, Claassen Verlag, Hamburg 2021. 192 S., 20 Euro.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.