Berlin - Hier stehen sie im Raum und halten die Bälle: Die Protagonist:innen des Solistenensembles Kaleidoskop balancieren, musizieren, tänzeln – in Hoodies und Blazern – mit, neben, sogar auf Basketbällen. Zwischen klassischen Streichern und einer sich klimatisch steigernder Noise-artiger Clubmusik schmettert eine Person Bälle mit energetischer Verve in die Ecke des Raums. Ein anderer demontiert Holzinstallationen, die kurz zuvor noch als Montagen dienten, worin die Bälle klemmten wie schmuckhafte Kronen eines Baums. Der Basketball wird in „A Ballet of Slug and Shell“, einer 360-Grad-Video-Interpretation von Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ unter künstlerischer Leitung von Black Cracker, zur fiebrigen Metapher für die Patrone – zum Sinnbild der tragischen Dialektik zwischen ambitioniertem Sportsgeist und roher Gewalt. 

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Der Freischütz, ein wegen seines waldschratigen Romantizismus ein wenig in Verruf geratenes deutsches Nationalepos, uraufgeführt vor genau 200 Jahren in Berlin, basiert auf einem Volksmärchen im Böhmerwald und handelt von der Liebe in Leibeigenschaft. Zum Zeitpunkt der Handlung ist die Welt aus den Fugen: das Epos spielt kurz nach Ende des 30-Jährigen Kriegs. Der Jägerbursche Max kehrt aus dem Krieg zurück, wo es galt, scharf zu schießen. Hier im Waldgestrüpp soll er mit einem Probeschuss auf eine weiße Taube seine Schussfestigkeit beweisen. Doch obwohl er einen Pakt mit dem Teufel schließt, verfehlt Max – und trifft mit der siebenten Freikugel seine geliebte Braut Agathe. Wer mit dem Teufel paktiert, so lautet die an ideengeschichtlicher Komplexität nicht gerade überwältigende Moral dieser Geschichte, verfehlt eherne Ideale von Einfalt und Grö­ße – und zahlt einen teueren Preis dafür. 

Matheus Agudelo
Der künstlerischer Leiter von „A Ballet of Slug and Shell“ Black Cracker im Foyer des Konzerthaus Berlin 

Wenn Black Cracker diese Geschichte in seiner nonchalant-charmanten Art rekapituliert, wirkt das ein bisschen, als würde man den nationalgeistigen Kitsch aus deutschen Wäldern und Auen durch einen glitzernden Pop-Filter jagen und geradewegs in die zukunftsbewusste Jetztzeit katapultieren: „Max“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln, hier im Foyer des Konzerthauses, „he‘s in love with this girl, you know?“ Black Cracker, der selbst in den Wäldern von Alabama und später in New York aufwuchs, bewegt sich als Musiker, Schauspieler und queerer Lyriker mit bestechender Extravaganz durch die Berliner Kunst- und Theaterszene. Er kooperierte mit nahezu allen wichtigen Häusern: der Deutschen Oper, der Volksbühne, dem Haus der Berliner Festspiele, dem Hebbel am Ufer – jetzt auch mit dem Konzerthaus.

Ein sensibler Sinn für strukturelle Benachteiligung

In wechselnden Rollen stürzt er sich dabei oft recht furchtlos auf die dorischen Säulen des deutschen Kulturkanons: Büchner, Wagner, von Weber. Black Cracker ist ein detailversessener Perfektionist. Aber – und das steht dann doch in schillernder Antithese zum hochmütigen Geniekult, der jene Stoffe umgarnt – auch ein Mensch mit einem starken Teilungsbedürfnis. Und einem sensiblen Sinn für die Communities, aus denen er stammt, für ihre strukturelle Benachteiligung und für noch immer weitestgehend unausgeschöpftes Potenzial. „Dass ich eingeladen werde, hier so eine große nationale Erzählung zu bearbeiten, ist schon ein bisschen verrückt“, sagt er, es sehe es aber auch als große Verantwortung: „Ich habe hier einen Fuß in der Tür, damit andere nachziehen können. Deshalb sage ich mir ständig: Versau es nicht, mach es gut, dann können wir diesen Räumen vielleicht bald mehr Leben einhauchen.“

Das Motiv des Basketballs in „A Ballet of Slug and Shell“ ist nicht zufällig gewählt. „Ich bin mit Basketball aufgewachsen“, erzählt Black Cracker. In Communities wie der, aus der er komme, suchten die Leute Erlösung durch Sport. Es sei ein Weg, alltäglicher Unterdrückung zu entfliehen, erfolgreich zu werden, ja Gott näher zu kommen. „Baller“ zu sein, sei aber auch mit Stigma verbunden. „Als ich nach Europa kam, kamen Leute oft auf mich zu und fragten: ‚Spielst du Basketball?‘ In ihren Augen musste ich entweder Jazzmusiker, Rapper oder Baller sein. Das war so eine eine Art Code dafür, Schwarz zu sein.“

Für das Stück wollte er den Sport, der außerhalb der Communities, in denen er eine Hoffnung und Status konnotiert, eher als niedere Kultur angesehen wird, dem elitistischen Grandeur der Klassik gegenüberstellen. „Ich war geradezu besessen von dieser Idee, einen Basketballplatz in der Haupthalle des Konzerthauses zu installieren“, erinnert er sich. Da die Aufführung anlässlich des Doppeljubiläums des Konzerthauses und der Uraufführung des „Freischütz“ wegen der Corona-Beschränkungen allerdings letztlich nicht wie geplant auf der Bühne und vor Publikum umsetzbar war, wurde sie kurzerhand als 360-Grad-Video umkonzipiert.

Matheus Agudelo
Black Cracker

Für Black Cracker löste das einen Wirbelsturm an neuen Ideen aus. „Ich fragte mich: Was ist ein Konzert nach Corona, im Jahr 2021? Brauchen wir überhaupt noch Instrumente im Raum?“ Das Ergebnis funktioniert, indem es herrlich unbekümmert zwischen den Genres und Gesten mäandert – zwischen Tanz, Sound und Installation. Als Betrachter:in wird man zum Staubkorn im Nebel dieses Cracker‘schen Gesamtkunstwerks, das vom deutschen Epos zwar Inspiration bezieht, sich aber gleichzeitig nicht in mythologischem Pathos verliert. So wirkt das Stück etwa auch extrem anschlussfähig an das „racial reckoning“ seit 2020, wo im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste struktureller Rassismus und koloniale Verbrechen viel stärker in den Fokus des kollektiven Bewusstseins rückten.

Wer das Video ansieht, sieht immer nur einen Ausschnitt, variabel mit dem Cursor manövrierbar. Black Cracker gefällt, dass man entscheiden muss, was man sieht und was nicht. Immerhin gehe es damit auch darum, den Abstand zwischen der eigenen Erfahrung und der des anderen neu auszuloten. „Was wir als Menschheit verstehen müssen,“ sagt Black Cracker, „dann doch das, wie wir in jenem Raum zwischen Ich und Du navigieren.“

„A Ballet of Slug and Shell“, 360-Grad-Video, zu sehen unter: www.kaleidoskopmusik.de

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.