Berlin - So viel hat sich in den letzten 100 Jahren gar nicht verändert, zumindest was die Moden und Trends der westlichen Welt betrifft. Und gerade dann, wenn es um Etikette, Aussehen oder Ernährung geht. Die Artikel der deutschen Journalistin Anita Daniel lesen sich deshalb überraschend zeitgemäß. Verfasst in den 1920er- bis in die späten 70er-Jahre für die Magazine Die Dame, Uhu und Aufbau, veranschaulichen sie unseren immerwährenden Wunsch nach Perfektion und versuchen gleichzeitig, auf ratgebende Weise mit dem Unvollkommenen zu versöhnen. Ja, man kann es doch so feststellen: Es bleibt alles gleich. Bis auf ein paar Zentimeter vielleicht.

Das jetzt bei Edition Memoria erschienene Buch „Mondän ist nicht mehr modern“ versammelt ausgewählte Feuilletons jener Zeit aus den Zeitschriften Die Dame, Uhu und Aufbau. Begleitet werden die Texte von Illustrationen des damaligen Dame-Artdirektors, Modeschöpfers und Künstlers Ernst Dryden. Der folgende, dem Buch entnommene Text von Anita Daniel erschien 1928 in Die Dame.

Schönheitsideale in Zentimetern

In Grosberryjamtown bei Millstonefire im Staate Massachusetts wurde die diesjährige Schönheitskönigin unter großer Beteiligung des gesamten Badepublikums nach heftigem Kampfe gewählt. Miß Putsy Chilly ist 23 1/2 Jahre alt, hat dunkles Haar und kobaltblaue Augen. Sie ißt nur Porridge zum Frühstück und hat noch niemals einen Tropfen Alkohol getrunken. Ihr Lieblingsfilm ist „Die Rose des sterbenden Banditen“. Im Beisein zahlreicher Sachverständiger wurden die gesamten Maße der mustergültigen Figur Miß Putsys festgestellt:

Höhe .......... 1.68 Meter  Gewicht .......... 114 Pfund  Hals .......... 32 Zentimeter  Arm .......... 25 Zentimeter  Büste ......... 85 Zentimeter  Taille .......... 68 Zentimeter  Hüften .......... 95 Zentimeter  Schenkel .......... 55 Zentimeter  Knöchel .......... 24 Zentimeter

Wenn eine derartige Mitteilung in die Welt gesetzt wird, ist der Widerhall ungeheuer.

Hunderttausende von Frauen stürzen ins Ankleidezimmer und messen nach. Messen fieberhaft nach. Je näher das Resultat dem preisgekrönten Ideal kommt, desto höher steigt die Stimmungskurve. Im entgegengesetzten Falle stellt eiserner Wille einen Feldzugsplan für die Zukunft auf: jeder Zoll ein König – jeder Zentimeter eine Schönheitskönigin.

Man mißt sich selbst mit größter Genauigkeit, man mißt die Freundin (mit etwas gelockertem Zentimetermaß), man mißt die Großmutter, man mißt das Baby. Und für alle sind auf längere Zeit hinaus die Schönheitsproportionen der Miß Putsy Chilly aus Grosberryjamtown im Staate Massachusetts maßgebend.

Diese Meßwut gehört zu den zeitlosen Leidenschaften. Es liegt nahe, dem Geheimnis der Schönheit in ihren jeweilig anerkannten Offenbarungen sachlich auf den Grund zu gehen. Die Mode stellt dauernd neue Gesetze auf, und die Frauen machen die wellenartigen Strömungen schwimmend mit.

Aus: „Mondän ist nicht mehr modern“, Edition Memoria
1928 wurde noch für Zigaretten geworben: Anzeige für die Marke Blaupunkt/Waldorf-Astoria in Die Dame, gestaltet von Ernst Dryden.

Immer wieder wird ein Teil des weiblichen Körpers ganz besonders ins Auge gefaßt und daraufhin ein mathematisches Ideal aufgestellt.

Bei unseren Müttern war es die Taille, deren Umfang auf ein Minimum reduziert wurde, wobei man jeden Zentimeter weniger mit Hilfe unbarmherzigen Schnürens erkämpfte. Kaiserin Elisabeth von Oesterreich war auf ihre 48 Zentimeter Taillenweite stolzer als auf die Habsburgsche Krone.

Gleichzeitig spielte die Länge des Haares eine beträchtliche Rolle, und wenn Anna Czillag sich mit ihrem „1,85 Meter langen Riesen—Loreleyhaar“ photographieren ließ, wurde im stillen Kämmerlein so mancher Zopf nachgemessen.

Dann kam die hüftenlose Zeit, und man schob wieder alles in die Taille hinauf, um nur unten herum jünglingsmäßig zu erscheinen. Schmalheit der Hüften wurde höchste Bestrebung.

Bis vor kurzem wurde alles fast ausschließlich auf die Beine gestellt und eine Frau ohne Weiteres rehabilitiert, wenn sie gute Beine hatte. Was sich sonst noch in ihr befand, war mehr oder weniger Nebensache.

In dieser jüngsten Zeit erreichte die Meßwut ihre Höhe. Denn hier gab es gleich mehrere Punkte von höchster Wichtigkeit: die Geradheit, die Schlankheit, die Rundung der Wade, die Zartheit der Knöchel.

Es sieht so aus, als hätte man die Beine jetzt etwas über. Die zum großen Teil – bei Abendkleidern – realisierten Bestrebungen, den Rock zu verlängern, liefern einen ziemlich deutlichen Beweis dafür. Noch ist es unentschieden, auf welchen Punkt sich das allerneueste Schönheitsideal kristallisieren wird.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß man aus Widerspruchsgeist dem Gesicht plötzlich Wichtigkeit zuerkennt.

Dann wird es wohl bald wieder ein eifriges Messen geben, denn keine will hier um eine Nasenlänge voraus sein.

Zu den Personen

Anita Daniel wurde um 1902 in Jassy, Rumänien geboren. Sie begann ab 1925 in Berlin für Die Dame zu schreiben. Über die Schweiz emigrierte die Journalistin nach New York, wo sie ab 1939 jahrzehntelang für die jüdische Emigrantenzeitung Aufbau schrieb. Sie starb 1978 in New York.
Ernst Dryden wurde 1887 in Wien geboren. In Berlin wurde er nach 1910 als Plakatkünstler bekannt. Später leitete er als Kreativdirektor in Paris das Magazin Die Dame. Er ging 1933 nach New York und später nach Hollywood, wo er als Kostümbildner arbeitete. Dort starb er 1938.

Aus: „Mondän ist nicht mehr modern“, Hrsg. Katja Behling und Thomas B. Schumann, Edition MemoriaDas Buch kostet 35 Euro und ist im einschlägigen Buchhandel erhältlich.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.