Berlin - Am Morgen hat Lupita den BH ihres Frauchens angeknabbert. Jetzt sitzt sie aufrecht auf der Treppe vor der Haustür und hält still fürs Foto. Ohne Bellen, ohne Knurren, sie verzieht nur das Maul. Es sieht aus, als würde Lupita lächeln.

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Am 3./4. Juli 2021 im Blatt: 
Auf den Hund gekommen: Während der Pandemie sind Tausende Vierbeiner nach Berlin gezogen. Erst kam das Glück, jetzt kommen die Probleme. Das große Hunde-Spezial

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Und unten an der Treppe, da steht Leicy, das Frauchen, klatscht in die Hände wie eine Mutter, deren Kind sein erstes Blockflötenvorspiel gemeistert hat, und ruft: „Du Schöne, toll machst du das!“ Neben ihr zieht Pippo, das Herrchen, ein Leckerli aus der Tasche, das, zack, in Lupitas Maul verschwindet.

Lupita, eine junge Hündin – Promenadenmischung, ein bisschen Collie, Labrador bestimmt – ist erst seit zwei Monaten bei ihnen in Lichtenberg, gehört aber schon fest zur Familie. „Wir sind froh, dass sie da ist“, sagt Pippo, „aber wir haben restlos unterschätzt, wie viel Arbeit so ein Hund macht.“

Seit Beginn der Pandemie kamen mehr Hunde nach Berlin als wohl je zuvor. Darunter Lupita. Allein im Jahr 2020 wurden mehr als 6000 Hunde in der Stadt angemeldet. Die Zahl der offiziell registrierten Tiere stieg damit auf 117.227. Gleich zwei neue Rekorde. Auch in den Jahren zuvor waren die Zahlen gestiegen, aber nie so schnell. Zum Vergleich: 2020 gewann Berlin nur 467 menschliche Bewohner hinzu. Für 2021 gibt es noch keine Hundezahlen. Offen bleibt auch die Dunkelziffer, in der Forstverwaltung etwa nahm man schon vor der Pandemie an, dass mehr als 150.000 Hunde in Berlin leben.

Die neuen Hunde kommen aus dem In- und Ausland, Reiseeinschränkungen in der Pandemie hin oder her. Es sind überwiegend Jugendliche, nicht wenige aus schwierigen Verhältnissen. Es gibt Integrationsprobleme. Wie gewöhnt man Problemfälle ein? Wohin mit den Tieren, wenn der Chef doch wieder ins Büro bittet?

Lupita wirkte sediert, als sie aus Rumänien kam

Und es gibt neue Reibereien in der Stadt, in der ohnehin erbittert um Platz gestritten wird, um jedes Stück Grün, jede Baulücke. Ohne Leine dürfen Hunde in Berlin seit 2019 nur auf wenigen Flächen herumlaufen, die Stadt hat eines der strengsten Hundegesetze in Deutschland, wie viele Neubesitzer festgestellt haben dürften. Wohin nun mit all ihren Tieren? Was macht der Boom mit Berlin?

Pippo und Leicy sagen, sie waren gut auf einen Hund vorbereitet. Aber dann standen sie Anfang Mai auf einem Parkplatz an der A24 neben Dutzenden anderen, die wie sie einen Hund aus Rumänien im Internet gekauft hatten, und starrten auf zwei muskelbepackte Männer, die aus einem Transporter mit der Aufschrift „Happy Dog Life“ stiegen. Da fragten sie sich das erste Mal, ob das alles eine gute Idee sei.

„Ich wollte schon seit 20 Jahren einen eigenen Hund“, sagt Pippo, „ich bin mit Hunden aufgewachsen, ich finde es schön, einen Hund in der Familie zu haben.“ Dann hatte alles gepasst. Pippo, der als Grafikdesigner arbeitet, war im Homeoffice; Leicy, eine Schauspielerin, sowieso flexibel, und ihr Sohn mit neun alt genug. Und sie waren umgezogen, aus der Kreuzberger Altbauwohnung nach Lichtenberg, vor der Tür ein Hof mit Wiese, ein riesiger Park in der Nähe.

Stephan Pramme
Hundebesitzer Leicy und Pippo mit Lupita

Sie haben sich gefragt: Ist das ein Ort, wo ein Hund glücklich sein kann? Haben wir Zeit? Haben wir das Geld? Und alles mit ja beantwortet. Der Hund war keine Idee aus einer Lockdown-Langeweile heraus.

Lupita kannten sie nur von einem Handyvideo, das ihnen eine Frau geschickt hatte, die, so hatte sie es erzählt, Hunde aus Rumänien rettet. Leicy ist in Chile aufgewachsen, wo es überall Straßenhunde gibt, ihr gefiel der Gedanke, „so eine Seele zu retten“, wie sie sagt. Sie fand diese Gruppe auf Facebook, in der „Shelter Dogs“ angeboten wurden. In dem Video waren mehrere Hunde in einem Käfig zu sehen, Lupita war der lebhafteste. „Ich wusste sofort: Der ist es“, sagt Leicy.

Aus dem Transporter auf dem Autobahnparkplatz sei kein einziges Bellen gekommen. „Lupita wirkte sediert“, sagt Pippo, „auf der Fahrt nach Hause hat sie keinen Laut von sich gegeben.“ Erst in Lichtenberg kam sie langsam zu sich.

Seitdem steht ihr Alltag Kopf. „Man muss immer aufpassen“, sagt Leicy, „stell dir ein einjähriges Kind vor, das 14 Kilo wiegt, auf alles springen kann und beißt.“

Jacqueline Runge hat seit der Pandemie vor allem mit Hundekindern zu tun, die auf der Straße wie angewurzelt stehen bleiben, weglaufen oder die Wohnung gar nicht verlassen wollen. Sie betreibt eine Hundeschule in Prenzlauer Berg, ihr Unterricht besteht aus Hausbesuchen und Spaziergängen. Vor der Pandemie meldeten sich bei ihr Welpenbesitzer, die „ein bisschen Alleinbleibetraining“ für ihren Hund wollten. Jetzt melden sie sich, weil sie nicht weiterwissen.

Die Ängste der „Tierschutzhunde“

Und es sind viel mehr Leute als vor Corona, sagt sie. Sie erzählten ihr oft, dass sie sich endlich einen Traum erfüllt hätten, eigentlich.

Schon vor der Pandemie war die Trainerin auf „Auslandstierschutzhunde“ spezialisiert, die Zuzügler aus schwierigen Verhältnissen. Schon vor der Pandemie brachten Berliner solche Tiere von Reisen mit. Jetzt, das ist der Eindruck von Runge, holen sie sich junge Tiere gezielt: aus Spanien, Rumänien, sogar Russland; einige, weil sie sonst keinen Welpen bekommen, einige aus der Überzeugung, ein Tier retten zu wollen, was Runge immer noch toll findet. Aber Menschen, die nie einen Hund hatten, sollten wissen, dass das eine Aufgabe ist, die man nicht nebenbei im Homeoffice erledigt.

Die Tiere, in Heimen im Ausland geboren, sind vier bis acht Monate alt, wenn sie nach Berlin kommen. Wenn Runge sie wenig später zum ersten Mal sieht, diagnostiziere sie fast immer: „Angst und Überforderung mit Umweltreizen. In einer guten Zucht werden Hunde auf die Stadt vorbereitet.“

Am Rand der Stadt, wo die Reizdichte nachlässt, kann man Oliver Diekmann treffen, den Lebensgefährten von Jacqueline Runge, auch er arbeitet mit Hunden, auch er spürt den Boom an jedem Arbeitstag. Diekmann arbeitet als Dogwalker im Grunewald, im größten und nach Meinung vieler Hundebesitzer schönsten Auslaufgebiet Berlins. Trotz des Andrangs, der, so sagen es alle, die dort spazieren gehen, spürbar gestiegen sei.

Stephan Pramme
Dogwalker Oliver Diekmann im Grunewald

Es gibt zwölf Waldstücke in Berlin, in denen Hunde ohne Leine laufen dürfen, dazu eingezäunte Auslaufflächen in Parks, auf dem Tempelhofer Feld gleich drei; es gibt Vereine, die Flächen betreiben. Im Grunewaldsee dürfen Hunde sogar baden.

Als Diekmann auf dem Parkplatz an der Clayallee aus seinem Kleintransporter steigt, sondiert er, wie viele Kollegen schon da sind. An diesem Montag im Juni sind es nur ein halbes Dutzend. „Krass wenig los“, sagt er. Die Hitze, die Urlaubssaison? Es ist kurz nach zehn, schon fast 30 Grad.

Diekmann ging vor acht Jahren mit einem Hund gegen Geld spazieren, später mit zweien. Sein eigener Hund war gestorben, er wollte mit den Tieren leben, ohne schwer getroffen zu werden, wenn er sie verliert, sagt er. Er kündigte seinen Job in der technischen Leitung eines Hotels. Würde er als Dogwalker überleben können? Das fragte er sich damals.

Er öffnet die Schiebetür, er hat 13 Stammgäste dabei. Seit der Pandemie kämpft er mit „weit mehr Anfragen, als ich bewerkstelligen kann“, seinen Kollegen gehe es ähnlich. Nur zu Beginn habe die Nachfrage etwas nachgelassen, vielleicht weil die Leute dachten, dass sie nun selbst Zeit für Spaziergänge haben würden. Dann nahmen die Anfragen wieder zu, in den letzten Wochen gab es noch mal einen Schub. Wir müssen wieder ins Büro, sagen die Anrufer jetzt.

In Diekmanns Rucksack sind die Wohnungsschlüssel der Kunden, aber seit Corona seien die oft zu Hause und bieten ihm Kaffee an, wenn er die Hunde morgens abholt. Alle leben in Kreuzberg: die junge Schäferhündin aus Südafrika, der braune Cockerspaniel, der Boxer, die schüchternen Mischlinge „aus der Tierrettung“, Max, der vermutlich nur wenig Deutsch versteht, weil seine Besitzer aus Israel kommen. Diekmann kommuniziert vor allem mit Handzeichen und Körpersprache, „das verstehen alle“.

Er legt vier Schleppleinen an, klippt zwei Tracker an Halsbänder. Sie laufen los, nicht ein einziger Hund wirkt gestresst, wie ein neurotischer Großstadtbewohner nach einer langen Autofahrt, niemand bellt oder stänkert.

Stephan Pramme
Diekmanns Hundegruppe legt eine Erfrischungspause ein.

Die hohe Nachfrage liege auch an einem neuen Bewusstsein, sagt Diekmann. „Ein Hund ist kein Konsumobjekt, das zu Hause auf einen wartet, sondern hat auch ein Recht auf ein Leben.“ Seine Kunden schicken ihren Hund mindestens zwei Tage pro Woche mit ihm in den Wald, viele buchen fünf Tage pro Woche, für 420 Euro im Monat.

Als er am Grunewaldsee ankommt, sind schon zwei andere Dogwalker da, dazu ein paar Hundebesitzer. Mehr als dreißig Tiere sind im Wasser. Eine Frau zieht ihre Hunde weiter. „Mir ist das zu anstrengend“, ruft sie.

Gibt es zu viele Hunde in Berlin? Es gibt zumindest immer mehr Konflikte, sagt Diekmann. Der Senat müsse mehr Flächen schaffen. Es ist eine Forderung, die man kennt in der Stadt: Platz für Wohnungen, Kitas, Schulen, Radfahrer, Jugendliche. Jetzt also auch für Hunde. Er erzählt von einem Konfliktgebiet, das er inzwischen meide: Arkenberge in Pankow.

Das Hundeauslaufgebiet Arkenberge besteht aus einem schmalen, langen Streifen Wald, an einem Ende gehört noch eine Wiese dazu – zwischen Feldern und einem Landschaftsschutzgebiet.

Stephan Pramme
Wenn der Cocker mit dem Schäfer: leinenfreier Auslauf im Grunewald.

Leider ignorieren viele Hundebesitzer seine Grenzen, auch deshalb kam es zur Eskalation. Begonnen habe es „ganz klar mit der Pandemie“, sagt Lars Bocian. Etwas zeitverzögert, denn erst mussten die Welpen beschafft werden, die das Gebiet seit dem Sommer stürmten. Im Herbst wuchs ihre Zahl weiter an, ganz schlimm sei es im Winter gewesen.

Bocian vertritt die Gegend in der Bezirksverordnetenversammlung Pankow und will im September für die CDU ins Abgeordnetenhaus. Er war im vergangenen Jahr oft in Arkenberge, obwohl er selbst gar keinen Hund hat. Er schildert die Szenen: wildes Parken auf Feldern, zerbuddelte Äcker, Löcher, in denen Erntemaschinen versacken, plattgetretene Ufer an den Biotopseen, überall Tütchen mit Hundekot. Er habe dort auch lange kein Reh mehr gesehen. Familien aus seinem Wahlkreis, die mit Kindern, aber ohne Hunde spazieren gehen wollen, würden die Ecke inzwischen meiden.

Dafür kommen die Hundehalter aus ganz Pankow inklusive Prenzlauer Berg, aus Reinickendorf, Tegel, Friedrichshain. Sogar aus Brandenburg, die Landesgrenze liegt 250 Meter vom Parkplatz entfernt. Je schöner das Wetter, umso größer das Problem.

Am anderen Ende der Stadt, im Tierheim in Falkenberg, macht sich die Pandemie inzwischen auch in einem traurigen Rekord bemerkbar. Dort wurden in diesem Jahr schon mehr als 80 Welpen aufgenommen, mehr als im gesamten Jahr zuvor.

Wie eine Covid-Station, aber für Welpen

Die Welpen werden von Berlinern abgegeben, denen es dann doch zu viel Arbeit war, der Hund zu schwierig. Manchmal kommen sie persönlich vorbei, oft aber werden die Tiere ausgesetzt und von der Polizei oder Veterinärämtern aufgelesen. Oder bei Razzien beschlagnahmt. Denn auf die hohe Nachfrage in der Pandemie haben längst auch die illegalen Welpenhändler reagiert.

Der illegale Handel mit Welpen ist seit Jahren ein riesiges Geschäft. Der Deutsche Tierschutzbund schätzt, dass Händler pro Tier bis zu 3000 Euro Gewinn machen. Und im vergangenen Jahr sei der Markt dramatisch gewachsen.

„Der Markt ist überschwemmt mit Hundewelpen aus katastrophalsten Quellen“, sagt Beate Kaminski, die Sprecherin des Tierheims. Sie erzählt die Geschichte von Luna, ein Minispitz-Welpe: gekauft auf Ebay-Kleinanzeigen, 1500 Euro, vermutlich aus Polen, der Käufer nahm sie krank in Empfang. Noch am selben Tag zahlte er 1000 Euro in der Tierklinik, danach gab er sie ins Tierheim. Über Wochen pflegten sie Luna auf der Quarantänestation, wo Welpen landen, deren Impfstatus unklar ist, viele haben Parvovirose, schweren Durchfall, immer wieder stirbt ein Tier.

Die Boxen auf der Quarantänestation können die Pfleger nur im Schutzanzug betreten, mit Maske und Haube. Fast wie auf einer Covid-Station, nur dass sie hier nicht die Pandemie bekämpfen, sondern deren Folgen für die Hunde.

Das Tierheim ist ein großer, kreisrunder Bau aus Sichtbeton, von außen wenig einladend, doch hinter der Mauer erstreckt sich ein weites Gelände mit großen, von Schilf eingefassten Wasserbassins. Es gibt fünf Hundehäuser, darunter das „Struppi- Haus“. Die Tierpflegerin Sophie Müller führt zwei Pandemiehunde in den Auslauf. Akela und Pocahontas, so haben die Pfleger die beiden Welpen getauft, die rumänischen Namen, die sie trugen, konnte keiner aussprechen. Sie sind sechs Monate alt und wurden von der Polizei sichergestellt.

Stephan Pramme
Tierpflegerin Sophie Müller mit Akela und Pocahontas im Tierheim Berlin

Akela macht sich neben der Pflegerin ganz klein. „Das ist typisch“, sagt Müller, „dieses Unterwürfige.“ Hunde aus dem Ausland seien meist völlig isoliert aufgewachsen, haben nichts kennengelernt außer den Zwinger. Das macht es nicht leichter, sie zu vermitteln. Akela und Pocahontas sind zudem Kangal-Mixe. Müller hält eine Hand ein gutes Stück oberhalb ihrer Hüfte in die Luft, um zu zeigen, wie groß sie einmal werden. Viel zu groß für ein Stadtleben.

Vor drei Wochen hatten sie einen ganzen Wurf Golden-Retriever-Welpen, die sind längst vermittelt. Die Sprecherin Beate Kaminski zählt auf, welche Rassen gerade beliebt sind: Zwergpudel, Zwergspitze, Malteser, Hunde in Kissenformat. „Am besten jung und knutschig“, sagt sie „Ihre Tierliebe entdecken die meisten leider nur zu Welpen.“

Seit der Pandemie riefen auch viel mehr Rentner im Tierheim an, die im Lockdown allein zu Hause saßen. Immerhin haben sie dann die Chance, die Leute zu beraten. Akela und Pocahontas werden sie nur in ein Eigenheim mit Garten geben. Wer den ganzen Tag unterwegs ist, bekommt keinen Husky, der es alleine nicht aushält, wer im fünften Stock wohnt, keinen Schäferhund, der schlecht Treppen läuft. Es ist anspruchsvoller, im Tierheim einen Hund zu holen. Mit einem Klick ist das Tier nicht bestellt.

Stephan Pramme
Akela und Pocahontas werden nur an Halter mit eigenem Garten vermittelt.

Beate Kaminski hat selbst einen Hund, sie wohnt in Prenzlauer Berg, auch dort hat sie den Boom längst bemerkt. „Man braucht nur den Kopf zu heben, überall Hunde“, sagt sie. Eigentlich müsste eine Tierfreundin wie sie sich doch darüber freuen? „Wenn ich einen Welpen sehe, denke ich mittlerweile nur noch: Bitte nicht noch einer.“

Die Lage im Auslaufgebiet Arkenberge war immer wieder Thema in der BVV Pankow. Dort werden jetzt häufig Hundeprobleme verhandelt, erzählt Lars Bocian, der Lokalpolitiker. Zum Beispiel auch die „Sondersituation“ am Wasserturm in Prenzlauer Berg: viele Anwohnerklagen wegen einer winzigen Grünfläche, auf der neue zwischen alteingesessenen Hunden toben, Lärm machen, auch die Spielplätze in Beschlag nehmen. Ein Hundeverbot ab 22 Uhr und neue Schilder sollen die Lage befrieden.

Den Hundeauslauf soll ein Wildzaun befrieden

Dann die vielen Anfragen von Bürgern, die Flächen für neue Auslaufgebiete einfordern, sie würden ja schließlich Hundesteuer zahlen.

Am Stadtrand stöhnen die Hundebesitzer, die in Ruhe ihre Tiere ausführen wollen, über die Hundebesitzer, die mit dem Auto und derselben Idee aus der Innenstadt kommen. In der Innenstadt kurven immer mehr Kleintransporter von Dogwalkern durch die Straßen. Es gebe wirklich „überall Konflikte“.

In der BVV beschlossen CDU, SPD und Grüne, einen Wildzaun um das Hundeauslaufgebiet Arkenberge zu ziehen. Schließen könne man den Auslauf nicht, irgendwo müssten die Leute mit ihren Hunden ja hin.

„Ein Hund war das Mittel Nummer eins in der Pandemie gegen Langeweile“, sagt Bocian noch. Er hoffe nur, dass sich die Zahl wieder einpendle. Seine Familie hat seit Corona einen weiteren Hasen im Garten.

Der Dogwalker Oliver Diekmann lässt am Grunewald 13 Hunde einsteigen, einige schlafen sofort ein. Diekmann sagt, er sorge sich nicht mehr um eine mangelnde Nachfrage, aber um seine Arbeit weiter gut machen zu können, braucht er Auslaufgebiete wie den Grunewald. Die professionellen Hundeausführer hätten sich organisiert, Kontakt zur Lokalpolitikern, zur Forstverwaltung gesucht. Vorausschauende Konfliktlösung, wenn man so will.

Stephan Pramme
Cockerspaniel Scotti darf auf der Heimfahrt bei Oliver Diekmann vorn sitzen.

Lupita aus Lichtenberg knurrt mittlerweile nur noch, wenn sie eine Katze sieht, bellt aber immer noch jeden Schatten an, sobald es dämmert. Sie frisst gerne Unterwäsche. Oder Schuhe. Oder entwischt in den Innenhof und versteckt sich hinter den Hecken.

Pippo und Leicy haben einen Hundetrainer organisiert. Es war schwierig, einen zu finden. „Teurer als der Tierarzt“, sagt Leicy. Morgens joggt Pippo mit Lupita durch den Park, mittags drehen sie eine Runde, meistens reicht das, damit sie ausgelastet ist, die letzte Konferenz am späten Nachmittag schafft er aber nur knapp. „So ein Hund produziert Stress, klar“, sagt er. „Aber ich lerne langsam, damit umzugehen.“

Manchmal denken sie noch an das Video, in dem sie Lupita zum ersten Mal sahen. „Ich glaube, wir haben ihr ein schönes Leben geschenkt“, sagt Leicy. Das Schuhregal neben der Eingangstür haben sie weggeräumt.

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