Berlin/Uckermark - Jedes Jahr kommt eine Zeit in meinem Garten – meistens Mitte Mai, in diesem Jahr wegen der kühlen Witterung zwei, drei Wochen später –, in der eine Blühpause entsteht. Dafür kehrt in den Beeten ein bisschen Ruhe ein. Die Tulpenblüte ist durch, Lauch und Akeleien öffnen sich gemächlich, für eine oder zwei Wochen gehört alle Aufmerksamkeit dem satten Grün der Neuaustriebe. Und den Formen und Mustern der Blätter! Es ist die Zeit, in der sich des Gärtners wahres Können zeigt.

Denn wo es jetzt langweilig oder lückenhaft aussieht, gibt es Nachholbedarf beim Pflanzen. Und wo der Garten unordentlich und eingeengt wirkt, könnte es in den kommenden Wochen Probleme geben. Es ist die Zeit, in der Knospen wichtiger sind als Blüten, und in der ich subtile Musterungen mehr schätze als starke Farben. Ich glaube, es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass für echte Gärtnerinnen und Gärtner die Blätter sowieso eine höhere Bedeutung haben als die Blüten. Sie sind schließlich während der ganzen Vegetationsperiode da, sie geben dem Garten auch vor und nach der Blüte Struktur.

Lungenkraut, Wiesenknopf und Frauenmantel haben tolle Formen

Lungenkraut (Pulmonaria), Wiesenknopf (Sanguisorba), Wollziest (Stachys byzantina) und Frauenmantel (Alchemilla) zum Beispiel sind bekannt für  ihre tolle Blattästhetik. Aber auch der Kandelaber-Ehrenpreis (Veronicastrum virginicum) und der Austrieb vieler Astersorten sind wunderschön. Gerade bei allen spät blühenden Stauden ist es wichtig, dass die Blätter eine gewisse Abwechslung bieten. Denn wenn eine Pflanze selbst keine ansprechende Blattstruktur aufweist, dann sollte sie möglichst von anderen Pflanzen eingerahmt werden, die eine solche Formschönheit bieten.

Zu meinen Lieblingspflanzen gehören der Teufelsabbiss (Succisa pratensis) und der Moorabbiss (Succisella inflexa), die ihre Namen dem Umstand verdanken, dass ihre Wurzeln wie abgebissen aussehen. Beide Pflanzen haben ein ziemlich unordentliches Blattwerk – sie sehen aber dennoch wunderbar aus, sobald sie rechts und links von „schönlaubigen“ Pflanzen flankiert werden. Zum Beispiel vom Koreanischen Wiesenknopf (Sanguisorba hakusanensis), dessen hellgraue Blätter (allein mit ihnen hat er mich schon gewonnen!) die Eigenschaft haben, mich an den Duft von Sonnencreme aus meiner Kindheit zu erinnern. Unwillkürlich versetzt mich der Koreanische Wiesenknopf, wenn ich in seiner Nähe bin, in die fröhliche Atmosphäre von Schulsommerferien und Schwimmbädern.

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Wie angezuckert: die pelzigen Blätter des Wollziest.

Und dann gibt es noch jene Stauden, deren Habitus sich das Jahr hindurch verändert. Die Blätter und Blütenstände von Nachtviolen (Hesperis matronalis), aber auch von Akeleien (Aquilegia) sehen vor der Blüte richtig gut aus, danach aber unordentlich und zauselig. Da ist es ratsam, sie in der zweiten Jahreshälfte durch andere Pflanzen zu überdecken. Das gilt auch für den Zierlauch (Allium), dessen Blätter schon während der Blüte gelb werden. Und wer will den Augenweiden seines Gartens schon ab Mai beim Verwelken zusehen? Natürlich kann man solche Pflanzen gleich nach der Blüte zurückschneiden – der Frauenmantel zum Beispiel dankt es der Gärtnerin und dem Gärtner dann auch mit einem frischen, schönen Blattaustrieb.

Jedenfalls gilt: Einen Garten bloß den Blüten entsprechend anzulegen, kann leicht zu einem ästhetischen Desaster führen. Damit er dauerhaft interessant und lebendig wirkt, braucht es Rhythmus, Abwechslung, Gliederung – und am besten etwas, was sich nur schwer in Worte fassen lässt. Wenn es aber da ist, lässt es Betrachterinnen und Betrachtern den Atem stocken: ein Element der Überraschung, des Aufregenden, dieses „je ne sais quoi“, das sich eher fühlen als sehen lässt. In diesem Spannungsfeld liegt der gelungenste Garten.

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Form schlägt Farbe: die eigenwilligen Konturen des Frauenmantels.

Einerseits liebe ich die Ruhe, die ein Garten zu besagter Zeit durch die vielen grünen Formen ausstrahlt. Andererseits sehne ich mich schon den ganzen Winter hindurch nach der Wildheit, die bestimmte Pflanzen entfachen können. Auch dazu gehören Stauden, die ich nicht ihrer Blüten wegen anpflanze, sondern teilweise nur wegen der Blätter. Unter meinem Kirschbaum, einer Bergkirsche (Prunus sargentii), bleiben deshalb der Alant (Inula helenium) und die Telekien (Telekia) stehen, die sich selbst ausgesät haben. Meterlange Blätter (ich übertreibe nicht!) bilden eine Basis, aus der die dunklen Stämme der Bergkirsche entspringen.

Umso wilder ein Beet ist, umso akkurater sollte der Rasen sein

Das mit der Wildheit habe ich wohl von meiner Mutter. Nichts liebte sie mehr als überbordende Wildwiesen-Blumensträuße. Gleichwohl war es ihr Schicksal, von allen Leuten ein Leben lang kleine Bouquets geschenkt zu bekommen, mit drei komischen steifen Blumen darin (oft Sonnenblumen oder Gerbera), dazu zwei größere Blätter am Rande. Meine Mutter zeigte den Schenkenden zwar nie, was sie wirklich über solche Mitbringsel dachte – durch einen kurzen Seitenblick und ein gedämpftes Lächeln in meine Richtung aber konnte zumindest ich ihre Gedanken lesen.

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Der Kandelaber-Ehrenpreis hat überaus schöne Farben, macht sich aber auch nach der Blüte gut.

Im Garten jedenfalls funktioniert diese Wildheit nur, wenn ihr eine gewisse Ordnung und Ruhe gegenübersteht. Neben den riesigen Alant-Blättern steht darum bei mir zwar der mannshohe Baldrian (Valeriana officinalis) – gerahmt aber wird beides von einer scharfen Rasenkante, und dahinter sieht man schon die hölzerne Brücke. Überhaupt: der Rasen. Umso urwüchsiger ein Garten gestaltet ist, umso akkurater sollten die Rasenflächen aussehen. Sonst wirkt’s leicht unordentlich.

In der vergangenen Woche habe ich an dieser Stelle ja über Unkräuter geschrieben und darüber, wie man sie beseitigt. Aber nicht immer hat man dafür Zeit. Auch da hilft es schon, den Rasen zu mähen und so für einen starken Kontrast zwischen der ordentlichen Rasenfläche und den wilden Beeten zu sorgen. Zumindest ungepflegt sieht der Garten dann nicht aus. Im Grunde übernimmt der Rasen dann jene Funktion, die den Blättern der Pflanzen außerhalb der Blüte zuteil wird: Struktur und Rhythmus schaffen. Und wenn ein Großteil der Gartenpflanzen schöne Blätter hat und harmonisch wächst, stört auch ein bisschen Unkraut nicht.

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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Irgendwann aber kommt wieder die Zeit der Blüten: der Sommer. Dann geraten die Blätter für eine Weile in Vergessenheit, Gärtnerinnen und Gärtner schwärmen und schwelgen im Blütenrausch. Nur geht, wie bei der Liebe, auch diese Zeit vorüber. Im Garten ist es eben manchmal wie in der Beziehung: Der Rausch der Verliebtheit lässt nach. Und dann ist es gut zu wissen, dass es da etwas gibt, was bleibt – und immer wiederkehrt.


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