Böse, böse Bomberjacke

Die Bomberjacke war mal ein extremistisches, politisches Statement. Es schadet nicht, ihre Geschichte zu kennen, auch wenn sie schon längst Mode-Mainstream ist.  

Junge britische Skinheads in Brighton, aufgenommen 1985 von Starfotograf Paul Hartnett. In den 80er-Jahren kippte das Image der Bomberjacke in die rechte Richtung. An einer deutschen Schule führte das sogar zum Verbot.
Junge britische Skinheads in Brighton, aufgenommen 1985 von Starfotograf Paul Hartnett. In den 80er-Jahren kippte das Image der Bomberjacke in die rechte Richtung. An einer deutschen Schule führte das sogar zum Verbot.Paul Hartnett/PYMCA

Berlin/Wesel-Mit wachsendem Unmut hatte Frau Direktor Hanebeck die suspekten Elemente beobachtet, die sich auf dem Schulhof herumdrückten und die Schüler behelligten. Schon von Weitem hatte die energische Chefin der „Gesamtschule Am Lauerhass“ im nordrhein-westfälischen Wesel die ultrarechte Gesinnung dieser Leute erkannt, denn sie hatten Springerstiefel und Bomberjacken an. Sie handelte prompt und ordnete ein Trageverbot beider Kleidungsstücke auf dem Schulgelände an. Diese unkonventionelle Verordnung löste damals, im Jahr 2001, eine deutschlandweite Debatte aus. Es gab viele Befürworter, auch die damalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann fand das gut. Man fragte sich, kann von Kleidung Gefahr ausgehen? Hat zum Beispiel die Bomberjacke eine politische Bedeutung? Alle Modeinteressierten wissen: Ja, Kleidung kann überaus politisch sein und generell alles, was man trägt, steht für irgendetwas. Wirklich alles, ihr lieben deutschen, praktischen Menschen.

Die Bomberjacke MA-1 als Basic der Skinhead-Subkultur

Die Bomberjacke ist tatsächlich ein Paradebeispiel für diesen Fakt. Das Modell MA-1 aus Nylon war Bestandteil des Skinhead-Looks, der Ende der 60er-Jahre in Großbritannien entstand. Die Skinheads waren damals politisch diffus. Als die Subkultur jedoch in den 80er-Jahren durch ein rechtes Spektrum vereinnahmt wurde, nahm die Öffentlichkeit den typischen Skinhead-Look nur noch als den Look der Neonazis wahr und die MA-1 wurde zur Uniform der Rechten.

In Wesel wusste damals kaum jemand, dass die Nazi-Konnotation der MA-1 bereits wackelte. Denn vor allem aus modischen Gesichtspunkten konnte die Anti-Jacke nicht dem rechten Flügel überlassen werden. Das Teil sah einfach zu gut aus. Und so hatte, noch während Frau Hanebeck sie aus dem Weseler Gesamtschulbetrieb verbannte, der belgische Designer Raf Simons schon an der textilen Resozialisierung der bösen Bomberjacke geschraubt. Heute ist sein „Pyramid“-Bomber aus dem Jahr 2000 ein ikonisches Stück, das auf dem Vintage-Markt ein paar Tausend Euro kostet. Wer Interesse und Geld übrig hat: Aktuell bietet ein US-amerikanischer Verkäufer ein Exemplar für 5200 Dollar auf Ebay an. Neben Simons, bei dem die MA-1 in vielen Kollektionen bis heute Thema ist, wurde sie ebenfalls sehr früh von dem österreichischen Modedesigner Helmut Lang und der Marke Vetements neu interpretiert. 

Aktuell bei Prada: eine magentafarbene Bomberjacke aus Nappaleder für 4850 Euro. Die Handschrift von Bomberjackenfan Raf Simons, dem Co-Designer von Miuccia Prada, ist deutlich zu erkennen.
Aktuell bei Prada: eine magentafarbene Bomberjacke aus Nappaleder für 4850 Euro. Die Handschrift von Bomberjackenfan Raf Simons, dem Co-Designer von Miuccia Prada, ist deutlich zu erkennen.Prada

Die Bomberjacke ist zugegeben schon immer ein extremes Kleidungsstück gewesen. Die bereits erwähnte Nylonvariante, die heute ein Basic in der Mode ist, wurde in den 50er-Jahren von der Firma Dobbs für die US-amerikanische Luftwaffe entwickelt. Sie löste das Ledermodell mit Fellkragen ab, war leichter, widerstandsfähiger gegenüber Nässe und hatte einige pfiffige Features. Unter anderem die Ärmeltasche für Zigaretten und die orangefarbene Innenseite als Warnwestenersatz für in Not geratene Piloten. Eine Jacke für den Krieg also, wie der Name ja schon sagt. Als später ausgemusterte Modelle den zivilen Markt erreichten (die Firma Dobbs hieß inzwischen Alpha Industries), fanden die britische Mod-Bewegung und später ihre radikale Abspaltung, die Skinheads, Gefallen an der opportunen Aura des Kleidungsstücks. Wie die Geschichte weiterging, wissen wir: Die Skinheads wurden rechts und die Bomberjacke europaweit Teil ihres rustikalen Signature-Looks. Es folgten düstere Jahre für die MA-1, dann: die Entmachtung ihrer politischen Symbolik durch die Mode und parallel sicher auch durch die Popkultur.

Welche Bomberjacken gibt es aktuell zu kaufen?

Schauen wir aus heutiger Perspektive auf die Ereignisse an der Weseler Gesamtschule im Jahr 2001, stellen wir fest: Das waren andere Zeiten! Heute gibt es die Bomberjacke in unzähligen Interpretationen, man sieht sie ständig auf dem Laufsteg, immer an den Zeitgeist angepasst – in ihrem Schnitt, in der Farbe oder dem Muster. Im Moment wird die Bomberjacke gerne oversized gefertigt, wie bei Prada – wo die Modelle aus Nylon oder Leder ganz eindeutig die Handschrift des Co-Designers Raf Simons tragen. Auch die Berliner Kultur-Marke 032c hat in ihrer Kollektion „Maria“ derzeit ein Unisex-Modell im Programm. Der leichte, weiche Stoff macht die Jacke ideal für den kommenden Frühling und auf einigen Plattformen ist sie gerade im Sale.

Die 032c-Bomberjacke ist leicht, weich und perfekt für den Frühling. Im Sale ist sie derzeit für um die 400 Euro zu haben.
Die 032c-Bomberjacke ist leicht, weich und perfekt für den Frühling. Im Sale ist sie derzeit für um die 400 Euro zu haben.032c
Der Couture-Bomber von Alexander McQueen kostet 1990 Euro.
Der Couture-Bomber von Alexander McQueen kostet 1990 Euro.Alexander McQueen

Leider nicht reduziert ist hingegen die feminine Couture-Bomberjacke mit Puffärmeln von Alexander McQueen. Wer keine Angst vor Fast Fashion hat und kein schlechtes Gewissen bei Wegwerfmode, der wird aber auch bei H&M, Bershka oder Weekday für unter 100 Euro fündig. Doch auch hier gilt: lieber auf ein gutes Stück sparen und auf Qualität setzen.

Noch vom viel zu früh verstorbenen Virgil Abloh designt: Louis-Vuitton-Bomber für den Herbst 22.
Noch vom viel zu früh verstorbenen Virgil Abloh designt: Louis-Vuitton-Bomber für den Herbst 22.Louis Vuitton

Abzuraten ist von den Originalen der Ur-Bomber-Marke Alpha Industries, der Schnitt entspricht nicht den derzeit angesagten Formen und sie sitzt sehr eng. Auch größere Größen verhelfen nicht zu einem lässigen Oversize-Look, da das Material zu fest ist und um die Schultern nicht nachgibt. So sieht man aus wie reingeborgt. Das macht aber nichts, eine zeitgenössische Version des  Army-Klassikers ist sowieso spannender. Man kaufe also lieber etwas Neudesigntes oder suche nach einem gut erhaltenen Vintage-Stück eines großen Designers.

Das Bomberjacken-Verbot an deutschen Schulen ist derweil lange vom Tisch, auch wäre sie heute kein politisches Thema mehr. Die Rechten tragen jetzt Anzüge. Die Bomberjacke hingegen wir.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.