Berlin - Es gibt mitunter sehr kreative Kriminelle. Isabellé Sauer erinnert sich an jenen Tag, als sie zu einem zweistöckigen Haus gerufen wird. In der oberen Etage hat es gebrannt. Die Fassade über einem der Fenster ist voller Ruß. Als sie das Haus betritt, nimmt sie Benzingeruch wahr.

Brandbeschleuniger, geht es ihr durch den Kopf. Sie tastet sich von Raum zu Raum. Eine verwahrloste Wohnung. An den Wänden Graffiti: „Fuck the Police“. Der Benzingeruch ist stechend. Am Boden liegen merkwürdige Gebilde. Es sind zusammengedrehte Tischdecken, irgendwelche Textilien. Sie hockt sich hin. Riecht. Die verknäulten Textilien sind mit Benzin getränkt, sie führen von Raum zu Raum. Auch Papier und Holz liegt auf dem Boden. Ebenfalls mit Benzin getränkt.

Plötzlich sieht sie zerschnittene Böller. In der Mitte eines Raumes ist Holz zu einem Scheiterhaufen aufgetürmt. Dann sieht sie eine Zeitschaltuhr in der Steckdose, daran ein Zünder. Sie geht nach draußen. Weil sie nicht weiß, was sie in den nächsten Räumen noch finden wird, ruft sie die Entschärfer an.

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Bis zum Abend finden die Entschärfer noch fünf weitere Zünder mit Zeitschaltuhren. Alle sind gleich gebaut, doch zum Glück hat nur einer funktioniert. Der Täter wollte das ganze Haus anzünden. Es sollte zwangsgeräumt werden.

Anfragen vom Branddezernat, vom Staatsschutz, von der Mordkommission

Isabellé Sauer, 30 Jahre alt, ist im Kriminaltechnischen Institut die Forensische Sachverständige für Brandursachen. Wenn Menschen bei Bränden ums Leben kamen oder wenn es Brände gab, die besonders hohen Schaden anrichteten und besondere Aufmerksamkeit in den Medien hervorriefen, dann fährt sie raus.

So war es zum Beispiel, als im Jahr 2019 das Gesellschaftshaus in Grünau abbrannte, oder im Februar dieses Jahres in Mariendorf, als ein großer Galvanik-Betrieb in Flammen stand, oder nachdem im März in Kreuzberg das bekannte Restaurant Brachvogel niedergebrannt war. Sie wird angerufen vom Branddezernat des Landeskriminalamtes oder vom Staatsschutz oder auch von der Mordkommission.

„Wenn ich vor dem Objekt stehe, dann mache ich mir als Erstes von außen einen Überblick und überlege mir, was ich an Schutzausrüstung anziehe“, sagt sie. Nicht selten muss zuvor ein Statiker sagen, ob das Gebäude überhaupt betreten werden kann oder ob es einzustürzen droht. „In diesem Fall geht niemand rein. Wir haben alle nur ein Leben“, sagt sie. Die Sachverständige arbeitet oft mit den Tatortfotografen und Vermessern zusammen. Die lassen, wenn es nötig ist, Drohnen aufsteigen und schauen sich den Brandort von oben an.

Erst wenn die Trümmer nicht mehr rauchen, wenn die Brandstellen abgekühlt sind und die Feuerwehr abgerückt ist, beginnt die 30-Jährige mit der Arbeit vor Ort. Dann steht sie im Schutt – bekleidet mit festen Schuhen und einem weißen Einweganzug. Er war vorher steril verpackt, damit die Sachverständige das Spurenbild an dem Ort, der ein Tatort sein kann, nicht mit ihrer DNA oder ihren Textilfasern verfälscht. Sie trägt eine FFP3-Maske vor Mund und Nase und manchmal sogar ein gebläseunterstütztes Atemsystem mit Vollmaske, wegen der schadstoffhaltigen Luft.

Wenn Ruß wieder verbrennt

Ob Fabrikhalle oder Wohnung – für die Sachverständige ist das Entscheidende, den Raum zu finden, in dem das Feuer ausgebrochen ist. „Dort gibt es charakteristische Spuren, an denen man sehen kann, wo genau der Brand entstanden sein könnte“, sagt sie. In der Regel ist es der Ort, wo es am längsten und damit auch am heißesten brannte.

Stephan Pramme
Der Überrest eines Kupferrohrs einer verbrannten Solaranlage. Kupfer schmilzt bei über 1000 Grad.

Die Ingenieurin ist dann nicht etwa an der Stelle, wo es besonders schwarz ist. Denn wenn ein Feuer besonders heiß ist, dann verbrennt Ruß wieder. Unter anderem daran kann sie eine Ausbruchsstelle erkennen. Allerdings kann der Anschein trügen. Wenn zum Beispiel ein Regal mit Lacken, das fünf Meter weiter steht, ebenfalls in Flammen aufgegangen ist, kann dies das Bild wegen der hier entstandenen Hitze wieder verfälschen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Ausbruchsstelle zu finden. „Als Brandursachensachverständige mag ich es, wenn viel Holz vor Ort ist“, sagt sie. „Je länger ein Brand auf Holz einwirkt, desto dicker ist dann die Kohleschicht.“ Und Metall läuft bei langer Hitzeeinwirkung blau oder grün an, genau wie sich Stahlträger verformen. So war es etwa 2019, als zum wiederholten Mal eine Halle im Lichtenberger Dong-Xuan-Center abbrannte und die Feuerwehr mehrere Tage lang löschen musste.

Stephan Pramme
Mit einem Photoionisationsdetektor sucht die Brandsachverständige nach möglichen Hinweisen darauf, ob ein Täter Brandbeschleuniger verwendet hat.

Im Kopf hakt die Expertin dann ab, welche Brandursachen ausscheiden. Der Blitzschlag bei sonnigem Wetter. Oder der Kabelbrand, weil es hier kein Kabel und keine Steckdose gibt. Sie schaut, ob es eine externe Zündquelle gab. Steht irgendwo ein Aschenbecher? Liegen Zigarettenreste herum? Oder Kerzen? Wenn es einen Adventskranz gab und das Metall der Kerzenhalter durch die Hitze blau angelaufen ist, könnte das auf die mögliche Ausbruchsstelle hindeuten.

Manchmal muss eine Wand aufgestemmt werden

Bei einem Wohnungsbrand entstehen Temperaturen von über 800 Grad Celsius. Kupfer schmilzt aber erst bei über 1000 Grad. „Wenn ich geschmolzenes Kupfer finde, kann dies auf einen Kurzschluss hindeuten“, sagt sie. „Man kann aber nicht sagen, wenn ich eine Sache gefunden habe, dann ist es das. Es ist immer ein Zusammenspiel aller Brandspuren.“

Wenn charakteristische Spuren auf eine schmorende Leitung oder einen Lichtschalter hinweisen, dann schaut sich die Ingenieurin auch in der Wand die Leitungen an. Aus ihrem Mercedes Sprinter holt sie dann einen mit Akku betriebenen Bohrhammer und stemmt die Wand auf. „Ich muss viel hämmern, sägen und schrauben“, sagt sie. Ihre Werkzeuge sind akkubetrieben, weil es in Brandhäusern oft keinen Strom mehr gibt. Und es ist auch dunkel, weil die Fenster zum Schutz vor Einbrechern und dem Wetter meistens von außen mit Spanplatten zugenagelt sind. Deshalb leuchtet sie die Räume mit akkubetriebenen Scheinwerfern aus, die sie auf Stative geschraubt hat.

Diese Arbeit ist nichts für empfindliche Seelen. Man steht die meiste Zeit im Dreck und darf sich nicht vor Gerüchen ekeln. Den weißen Anzug trägt sie auch, weil der Löschschaum der Feuerwehr aggressiv auf Textilien einwirkt. „Ganz schlimm sind Rigips-Wände, weil sie durch Löschwasser wieder flüssig werden“, sagt sie. Um über Scherben, zerbrochene Möbel und durch Asche balancieren zu können, trägt sie robuste Feuerwehrstiefel. Im Auto hat sie auch eine Spitzhacke, ein Beil und eine Schaufel. Sie ist ihr wichtigstes Werkzeug.

Wenn es Hinweise darauf gibt, dass jemand Brandbeschleuniger benutzt hat, fordert die Forensische Sachverständige Brandmittelspürhunde an. Besonders bei großen Hallen ist das sinnvoll, weil ein Hund schnell unterwegs ist.

Fünf Jahre lang hat sie das Feuer studiert

„Ich habe auch meinen Brandmittelspürhund für die Handtasche“, sagt sie und zeigt ein kleines Gerät mit einem Rüssel. Es ist ein Photoionisationsdetektor, kurz: PID. Er saugt die Luft ein und schlägt aus, wenn er leicht flüchtige organische Substanzen erschnüffelt, wie sie in Brandbeschleunigern vorkommen. „Das könnte ein Zeichen für ein Brandmittel sein“, sagt sie und fügt hinzu: „Das Problem ist nur, dass es immer heißen muss: Es könnte.“ Deshalb nimmt sie Proben der Brandreste, füllt sie in Gläser oder Tüten. Die Chemiker des Kriminaltechnischen Instituts werden sie dann im Labor genauer untersuchen und herausfinden, ob tatsächlich Brandbeschleuniger benutzt wurde.

Die gebürtige Berlinerin hat an der Universität Magdeburg Sicherheit und Gefahrenabwehr studiert und ist Ingenieurin für Brand- und Explosionsschutz. „Ich habe gewissermaßen fünf Jahre lang das Feuer studiert“, sagt sie. Nach ihrem Studium arbeitete sie beim Institut für Schadenverhütung und Schadenforschung als Gutachterin für Brandursachen, bevor sie zur Polizei ging. Sie kam Anfang 2019 zum Kriminaltechnischen Institut, als dort der Brandbereich neu gegründet wurde.

Manchmal legt sie selbst Feuer

Und hatte prompt eine anspruchsvolle Aufgabe: Im Februar 2019 verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf eine Polizeiwache in der Invalidenstraße. In einer Nacht schoben sie einen Zeitungszustellwagen in den Eingangsbereich des Hauses und zündeten ihn mit einem Brandsatz an. In der ersten Etage darüber arbeiteten Menschen, was die Brandstifter an den erleuchteten Fenstern sehen konnten. Die Flammen griffen auf die Fassade über, die stark beschädigt und verrußt wurde. Der Staatsschutz nahm Ermittlungen wegen versuchten Mordes auf.

Stephan Pramme
Die Proben des Brandschutts kommen in Gläser. Chemiker untersuchen sie dann im Labor des Kriminaltechnischen Instituts auf eventuelle Rückstände von Brandbeschleuniger.

Um den Tathergang zu rekonstruieren, musste die Ingenieurin einen Brandversuch starten. In der Übungsstadt der Polizei in Ruhleben ließ sie die Fassade des Polizeigebäudes nachbauen. Dann legte sie Feuer.

Die Gutachten, die die Brandursachensachverständige schreibt, müssen vor Gericht unangreifbar sein, sodass sie nicht vom Anwalt eines Angeklagten zerpflückt werden können. Mit ihrem 40 Seiten langen Gutachten und der 70 Seiten dicken Bildmappe zu dem Brandversuch hofft sie darlegen zu können, dass die Polizisten in der Invalidenstraße stark gefährdet waren – sollten die Tatverdächtigen jemals gefasst werden.