Berlin - Wenn in Deutschland über das Fliegen diskutiert wird, gehen Sozialchauvinismus und gutes Gewissen meist Hand in Hand. Urlauber, die sich für kleines Geld in einen Airbus zwängen, um die Welt auf eigene Faust zu entdecken, bleiben für das Juste-Milieu eine Provokation. Wohlsituierte Postmaterialisten fragen sich: Muss das sein? Folgerichtig kanalisiert die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock diese Stimmung für den Wahlkampf und fordert, Flüge zu verteuern und Kurzstreckenflüge künftig gleich ganz abzuschaffen.

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Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

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Das klingt für viele erst mal gut und vor allem vernünftig. Tatsächlich dauert der kürzeste Linienflug in Deutschland gerade einmal 23 Minuten, und zwar von Nürnberg nach München. Die Bahn braucht für die Strecke von 170 Kilometern zwar eine Stunde, zieht man die Anfahrt zum Flughafen und den Aufwand beim Einchecken mit in Betracht, ergibt sich jedoch ein klares Bild: Der Flug ist überflüssig, die Leute sollen die Bahn nutzen, das sind wir dem Klima schließlich schuldig.

Was ist überhaupt ein Kurzstreckenflug?

Plötzlich steht das Lebensglück der kommenden Generationen wieder im Mittelpunkt der Debatte. Also Kurzstreckenflüge einfach verbieten? Das wäre eine furchtbar schlechte Idee: Baerbock sprach nicht von Inlands-, sondern Kurzstreckenflügen – das sind Flüge, die je nach Definition Strecken von bis zu 1500 Kilometern umfassen können.

Wer von Berlin aus in die wichtigsten europäischen Hauptstädte wie London, Helsinki, Paris oder Rom reisen will, müsste künftig also mit dem Zug oder dem Auto fahren. Sollte sich Baerbock mit ihrer Forderung durchsetzen, käme so fast der gesamte innereuropäische Flugverkehr zum Erliegen. In den ewigen Debatten um die Verteuerung des Fliegens offenbart sich unser Unbehagen mit der Zivilisation. Die Billigflieger haben den Flugverkehr entzaubert: Die Stewards tragen keine weißen Handschuhe mehr, statt Champagner gibt es Dosenbier, und die Sitznachbarn bilden nicht mehr Generaldirektor Haffenloher nebst Gattin, sondern Beate und Uwe aus Bottrop auf dem Weg nach Hurghada.

Eine unbequeme Wahrheit: Der Airbus wurde wirklich zum Bus der Lüfte. Doch das ist gar nicht schlimm, denn Mobilität ist das Kernbedürfnis unserer Zeit. Niemand will seine eigenen Reiseerfahrungen missen. Ryanair, Easyjet und Eurowings haben sich als Motoren der europäischen Einigung erwiesen.

Sind Kurzstreckenflüge in Frankreich wirklich verboten?

Wer als Deutscher mit dem Billigflieger in Amsterdam landet, um die lokalen Coffeeshops zu erkunden, tut mehr für die Völkerverständigung als die Generation der Großväter – auch wenn diese den Weg in die Stadt noch zu Fuß samt Marschgepäck zurückgelegt haben.

Der Flugverkehr hat Europa konkret erfahrbar gemacht und das Versprechen von Schengen, die Überwindung aller Grenzen, mit Leben gefüllt. Der ungeliebte Tourist mit seinem klapprigen Rollkoffer gehört dazu. Baerbocks Vorschlag wirkt vor diesem Hintergrund erstaunlich provinziell, auch weil er die Lebensrealität in einer von Migration und Mobilität geprägten Gesellschaft ignoriert: Die Familie ist in vielen Lebenssituationen genau einen Kurzstreckenflug entfernt.

Für das Verbot von Kurzstreckenflügen wird oft auf Frankreich verwiesen, dort seien Inlandsflüge inzwischen verboten. Das stimmt aber nicht so ganz: Inlandsflüge sind nur auf den Strecken verboten, die der Zug innerhalb von zweieinhalb Stunden erreicht. Und da wären wir bei den Alternativen: Frankreich hat ein eigenes Schienennetz für seine Hochgeschwindigkeitszüge, die berühmten TGV („train à grande vitesse“).

Klagerechte von Anwohnern und Umweltschutzschutzverbänden beschränken

In Frankreich ist der Zug deshalb eine echte Konkurrenz für das Flugzeug. In Deutschland teilt sich der ICE die Strecken hingegen mit Güterzügen und Regionalbahn – Signalstörungen und Verzögerungen im Betriebsablauf inklusive. Der Aufstieg des französischen TGV wurde durch eine rigorose Planung ermöglicht, denn wenn das französische Parlament eine neue Schnellfahrtrasse verkündet und zu einer Sache des nationalen Interesses erklärt, wird einfach gebaut. In Deutschland hingegen führen Anwohnerklagen, die nicht selten von den regionalen Grünen unterstützt werden, zum Streckenneubau in Schneckentempo.

Deshalb ein Vorschlag zur Güte: Wir investieren in den nächsten vier Jahren kräftig in das Schienennetz, Kanzlerin Baerbock setzt sich in der kommenden Legislatur dafür ein, die Klagerechte von Anwohnern und Umweltschutzschutzverbänden zu beschränken, und wenn die Bahn auch in Deutschland eine echte Alternative zum Flugzeug geworden ist, sprechen wir noch mal über die Kurzstrecke. Bis dahin gilt: Piloten ist nichts verboten.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.