Berlin - Neulich hat Peter Stiller* einem Chinesen Spanisch beigebracht, auf Englisch. Das sei unglaublich lukrativ gewesen. „Aber auch sehr seltsam“, sagt der Übersetzer. Nicht, weil Stiller als Amerikaner auch fließend Spanisch spricht oder weil der Unterricht von Berlin aus über Zoom stattfand — „sondern weil ich bei meinem Schüler im Bildschirmhintergrund ein Gemälde von Picasso sehen konnte“. Stiller war klar, dass das Bild echt war und der Chinese sehr reich. Ein Tycoon. Die Bezahlung war so gut, dass Stiller mehrere Monate von dem Geld leben kann. So einen Stundenlohn bekommen eher Anwälte und nicht Sprachlehrer.

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Nach sechs Wochen, von einem Tag auf den anderen, brach der Chinese den Unterricht jedoch ab. Stiller hatte seinen Freund erwähnt, mit dem er zusammenlebe. „Das Bizarre ist“, sagt Stiller, „ich glaube fast, er war eifersüchtig.“ Für viele Chinesen ist Homosexualität noch ein sensibles Thema.

Doch immerhin erhielt Stiller noch sein Geld. Und das braucht er aktuell, wegen eines Schreibens, das er vor drei Wochen bekommen hat. Der Brief trägt als Logo den Berliner Bären und bezieht sich auf Ereignisse Anfang April 2020. Diese zwei Seiten haben das Zeug, Stillers Blick auf Deutschland stark zu verändern. Stiller lebt seit vier Jahren in einer Neuköllner Wohnung und weiß aktuell nicht, ob er das nächstes Jahr noch darf.

Soforthilfe: Fehlende Einnahmen bedrohen die Existenz

Doch von vorn. Existenz bedroht? Klar, Soforthilfe. Kurz nach dem Beginn der Pandemie im März 2020 bekam Stiller sehr viele Absagen von seinen Auftraggebern. „Zum einen legten die Verlage ihre Buchprojekte auf Eis“, sagt er, „und außerdem hatten viele meiner Sprachschüler kein Geld mehr für ihren Unterricht.“ Stiller ist selbstständig, die fehlenden Einnahmen bedrohten seine Existenz. Für solche Fälle war die Soforthilfe gedacht. Doch Stiller dachte zunächst, er als Amerikaner hätte kein Anrecht darauf. Den Fehler bemerkte er erst, als das Programm gestoppt wurde.

Als dann die „Soforthilfe II“ im April 2020 aufgelegt wurde, begann er sofort, sich zu bewerben. Er wollte nicht wieder zu spät sein. Selbst wenn er davon erzählt, wechselt er schnell zwischen Englisch und Deutsch. Flüssig sagt er Wörter wie „Soloselbstständiger“ oder „Betriebskostenabrechnung“. Er füllte alles aus und sendete eine Kopie an die Investitionsbank Berlin (IBB) und eine an die Beraterin – eigentlich nur, weil er eine Nachfrage hatte.

„Ich hatte ein komisches Gefühl damals“, sagt Stiller, „unter anderem wegen dieser für Deutschland ungewöhnlichen Formulierung in den Texten zur Soforthilfe.“ Dort stand immer wieder der Hinweis, dass die Zahlungen „mit geringem bürokratischen Aufwand“ erfolgen sollen.

Das stimmte insofern, als Stiller nur wenige Tage später 6000 Euro auf seinem Konto fand. Das hätte ihn beruhigen können, aber dann bekam er einen Anruf der Steuerberaterin. Sie sagte, dass die „Soforthilfe I“ auf ihn zugetroffen hätte, die „Soforthilfe II“ nicht mehr. Es ging um sein Büro, dass sich innerhalb seiner Wohnung befand und eben nicht in einem anderen Gebäude. Es waren bürokratische Feinheiten, um die es eben nicht gehen sollte.

Danach hatte Stiller zwei schlaflose Nächte, am Morgen wählte er immer wieder die Nummer seiner Beraterin, fragte Freunde und andere Selbstständige um Rat. Ihm war klar: „I think I’m not berechtigt.“ Das Geld auf seinem Konto, er fasste es nicht an, lieh sich etwas von seinem Freund und las immer wieder die Sektion „FAQ“ auf der Internetseite der Bank. Die Abkürzung kennt Stiller aus Amerika, sie bedeutet auf deutsch: „Oft gestellte Fragen“.

„Tatzeit“: 23. April 2020, 23.56 Uhr

Offenbar gab es viele von diesen Fragen, insgesamt sind es 41, die die IBB anbietet. Darunter fand er auch die Frage, die ihn aktuell nicht schlafen ließ: „Ich habe den Zuschuss beantragt und auch bereits erhalten. Nun stelle ich fest, dass ich dazu nicht berechtigt bin bzw. einen erhöhten Betrag angefordert habe. Was kann ich tun?“ Die Antwort auf dieses Verfahren ist wieder erstaunlich unbürokratisch: Sie umfasst einen Absatz und klingt sehr beruhigend. Man könne das Geld zurückzahlen. Dann die Kontonummer und als Verwendungszweck sollte Peter Stiller ein Wort eintragen, das er noch nie gehört hatte: „Rückläufer“.

Genau das tat er, und er weiß noch genau wann: am 23. April 2020, um 23.56 Uhr. Er weiß das deswegen, weil diese Zeit als „Tatzeit“ angegeben ist auf einem Schreiben, das vor drei Wochen in seinem Briefkasten lag, mehr als ein Jahr später. Unter „Tatort“ ist das Büro der IBB angegeben. Das Wort kannte er bisher nur als Fernsehsendung. Er konnte nicht glauben, dass er plötzlich Verdächtiger in einem Kriminalfall ist. Der „Tatvorwurf“ lautet: Computerbetrug.

Und richtig, im Herbst war bekannt geworden, dass Tausende Male die Soforthilfen an Nicht-Berechtigte gezahlt worden waren. Im November 2020 gründete die Berliner Polizei eine eigene Ermittlungsgruppe. Ihr Name erinnert an das Corona-Virus: „Krone“. Die LKA-Sondereinheit sei vor allem für Rechtsextremisten und Islamisten gegründet worden, „die sich das Hilfsgeld erschlichen haben sollen“. Bundesweit geht die Polizei von Zehntausenden Betrugsfällen aus. In Berlin liefen bei Jahreswechsel 2100 Ermittlungsverfahren.

Für Peter Stiller waren die Tage seit dem Erhalt des Schreibens eine Achterbahnfahrt. „Ich hatte noch nie Kontakt mit der Polizei“, sagt er, „vor allem nicht mit der deutschen Polizei.“ Er nahm sich sofort einen Anwalt. „Besonders hat mich irritiert, dass sie mir im Schreiben vorwerfen, dass ich das Geld zurückgezahlt habe.“ Das Wort im Behördendeutsch auf dem zweiseitigen Schreiben lautet „Schuldeingeständnis“. Aber er hat doch die gesamte Summe nur zurückgezahlt, weil er meinte, damit das Problem zu lösen — und es nicht zu schaffen. Die rhetorische Frage hängt seitdem in seinem Kopf: „Wie viele Bankräuber geben das Geld nach einer Woche zurück?“ Und: „Wäre es leichter gewesen, das Geld einfach auszugeben?“

Träume wie Bücher von Kafka

In den ersten Nächten seit diesem Schreiben hatte er Träume, die ihn stark an die Bücher von Franz Kafka erinnerten. Das Schloss. Der Prozess. Das Urteil. In einem Traum ging er aus einem Supermarkt und bemerkte dann, dass er beim Hinausgehen vergessen hatte, für etwas zu bezahlen. Als er zurückging, um es zurückzugeben und sich zu entschuldigen, rief die Kassiererin die Polizei. Im Gefängnis lag sein Zellengenosse im Bett und zwischen seinem irren Lachen ist nur ein Wort zu verstehen: „Unbürokratisch!“ Rund eine Woche lang ging es ihm wirklich schlecht. Er fühlte sich wie betäubt, war deprimiert, hinzu kamen andere Rechnungen, die überraschend bezahlt werden mussten.

Peter Stiller geht es nicht so sehr um sich. „Ich finde schon einen Weg aus dieser Situation“, sagt er. „Aber was ist mit anderen, die nicht so gut Deutsch sprechen wie ich oder reiche Freunde haben, die schnell einspringen können?“ Er sah sich einem System gegenüber, das nach eigenen Regeln funktioniert, die sich nur Eingeweihten erschließen. „Dazu gehört zum Beispiel“, sagt er, „dass ich auf dieses Schreiben auf keinen Fall antworten soll.“

Das zumindest habe ihm der Anwalt erklärt. Dabei dachte Stiller, er sei dem amerikanischen System entkommen, in dem der Geldbeutel und die Fähigkeiten des Anwalts über Recht und Unrecht entscheiden. Was Peter Stiller verloren hat in den vergangenen Wochen, war das Gefühl, dass seine neue Heimat Deutschland wirklich etwas unbürokratisch lösen können. Sie sagen es zwar und für ein paar Monate glauben sie es vielleicht selbst. Aber dann können sie nicht anders, als Dinge kompliziert zu gestalten. Sein Fall liegt jetzt beim Staatsanwalt.

*Name der Redaktion bekannt


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.