Berlin - Mitte März habe ich meinen Onkel – er ist 81 und der brillanteste Kopf der Familie – zu einer Ordensverleihung in Berlin-Mitte begleitet. Er ist Professor für Neurologie und hat die Schlaganfallbehandlung in Deutschland revolutioniert. Ihm ist es zu verdanken, dass Menschen, die in dünnst besiedelten Gegenden einen Schlag erleiden, binnen Minuten die richtige Erstversorgung bekommen. Damit hat er nicht nur Leben gerettet, sondern auch dafür gesorgt, dass Millionen Menschen nach dem Schlaganfall wieder ein halbwegs normales Leben führen können. 

Mein Onkel hatte mir die Aufforderung – einen Brief vom Bundespräsidenten – zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande erst verschwiegen. Zwei Tage vorher hat er mich gebeten, ihn zu begleiten. „Das könnte doch für dich journalistisch interessant sein“, hat er gesagt. Ich habe zugesagt.

Ein NS-Bau, den die West-Berliner Verwaltung verschlimmbesserte

Ich habe mir also meinen besten Anzug angezogen und meinen Onkel in seiner Wohnung in Moabit (der Bundespräsident hat keinen Wagen geschickt) abgeholt. Zusammen sind wir dann über die Turmstraße zum Rathaus Tiergarten gegangen, vorbei an den Spielhallen und den Junkies im kleinen Tiergarten. Auf dem Weg zur Verleihung habe ich mich gefragt: Wie verleiht die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ihren einzigen verbliebenen zivilen Orden? Gibt es eine Party oder gar ein Bankett im Frack? Und bin ich angemessen gekleidet?

Ich muss zugeben, wenn ich an Orden denke, dann zuerst an blutjunge Offiziere, die unter schwerem Beschuss strategisch unwichtige Hügel erstürmen. Denen der König im Lazarett kurz vor ihrem Tod noch ein Kreuz auf die Brust legt. Oder ich stelle mir die Queen vor, wie sie lächelt und Filmstars mit grazilem Schwerthieb im Thronsaal zu Rittern schlägt. Beides ist besser als die Sache mit dem Bundesverdienstkreuz. Im Rathaus Tiergarten – einem NS-Bau, den die West-Berliner Verwaltung durch unzählige Renovierungen verschlimmbesserte – hat uns erst mal niemand in Empfang genommen. Wir haben den richtigen Saal dann selbst gefunden.

In deutschen Rathäusern bekomme ich immer Beklemmungen. Es ist meist düster und riecht nach einer Mischung aus nassen Spanplatten und Putzmittel. Da sind mir lichtdurchflutete Zahnarztpraxen deutlich lieber.

Uringelbe Wände und lasiertes Parkett

Im „Balkonsaal“, wo die Feierstunde stattfinden sollte, erwartete uns ein kleiner Mann mit Händen in den Taschen, schwarzem Hemd und zu engem Sakko. Er streckte uns zur Begrüßung die Faust entgegen: eine Art offizieller Grußformel, die meinem Onkel bis dahin gänzlich unbekannt war, wie er mir später verraten hat. Als der Typ mit den Händen in der Hose die Maske kurz abnahm, dämmerte mir: Das ist Stephan von Dassel, der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, geboren in Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb, Grünen-Politiker und Statthalter von 385.748 Seelen.

Der Mann mit dem schwarzen Schlips ist mein Bürgermeister. Aber ich kannte ihn nicht, obwohl ich mich für Berliner Politik sehr interessiere. Nur sein Gesicht kam mir bekannt vor. Vor fünf Jahren hatte ich im Wartezimmer meines Zahnarztes über ihn gelesen. Die Boulevardzeitung B.Z. hatte ihn zu Hause in seiner „Weihnachtsbäckerei“ besucht. 2015 sei er an der Glasur der Dominosteine schier „verzweifelt“ stand da. In diesem Jahr probiere er es mit „Zaubersternen“.

Kirsch-Streusel und Schmand-Mandarine

Acht Kilo Teig habe er schon verbacken. Ähnlich spannend wie der Mann und seine Hobbys war dann auch der 2019 frisch renovierte Raum für die Ordensübergabe dekoriert. Uringelbe Wände, lasiertes Parkett, diagonale Kabeltrassen, die zu Lampen führten, die nicht mal Erich Honecker in seiner Datscha verbaut hätte. Und auf dem Balkon: ein Schuttberg und Kippenstummel.

Ein „Highlight“, sagte Bürgermeister von Dassel, sei, dass hier die Porträts aller Bundespräsidenten hingen. Am Pinselstrich konnte ich gut beobachten, wie von Amtszeit zu Amtszeit das Format der Politiker proportional zur Qualität der Bilder abgenommen hatte. Die schwarze Null lässt grüßen. Dann ging die Feierstunde los.

Der Bürgermeister deutet auf die alten Plastikstühle. Vor uns steht ein weißes Kaffeeservice mit Papierserviette, eine rote Thermoskanne und ein Teller mit Blechkuchen (Kirsch-Streusel, Schmand-Mandarine, Apfel-Krokant und Butter-Mohn), daneben ein Blumenstrauß mit Margeriten in Knisterfolie und zwei handwarme Flaschen Söhnlein Brillant – halbtrocken zu je 4,30 Euro. Während seiner Rede hat von Dassel weiter die Hände in den Taschen. Das sieht gemütlich aus.

Bundesverdienstkreuz aus chinesischer Herstellung für 2,67 Euro

In das Material über meinen Onkel, das man ihm zusammengestellt hatte, habe er sich zu wenig eingearbeitet, gesteht der Bürgermeister. Überhaupt wisse er wenig über Schlaganfälle. Außer, dass man ihn – da zitiert er seine Oma – mit einem Hausmittel vorbeugen könne: „Stimmt es, dass es hilft, wenn man sich mit der linken Hand die Zähne putzt?“ Von Dassel geht an diesem Tag mit seinem Unvermögen – das ist hier nur mein Eindruck und nicht justiziabel – so offensiv um, dass er betont: Das ganze sei erst seine dritte (2020 wurden in Deutschland 742 Verdienstkreuze am Band verliehen) Ordensübergabe überhaupt.

Per Mail stellt er später klar: „Es ist mir eine große Ehre, stellvertretend für den Bundespräsidenten diese höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik Deutschland für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht, vornehmen zu können.“ Und so heftet der Bürgermeister meinem Onkel beherzt das Kreuz (bis vor kurzem kostete ein in China gefertigtes Exemplar 2,67 Euro) an die linke Brust.

„Größeres Büfett (warm/ kalt)“

Im Nachhinein ärgert es mich ein bisschen, dass ich später – das macht man als gewissenhafter Journalist – eine Anfrage an den Bundespräsidenten und von Dassels Büro gestellt habe. Denn die Tatsache, dass es wegen Corona nur ein Kaffeekränzchen gab, hat mich irgendwie traurig gemacht. Normalerweise werde die Feierstunde mit einem „größeren Büfett (warm/ kalt)“ ausgestattet, heißt es aus dem Rathaus. Als Pausensnack heißt „warm“ im Bundeskanzleramt oder in der Ministerpräsidentenkonferenz der neuen BRD eigentlich immer Bockwürstchen. Und „kalt“ steht fast ausnahmslos für Kartoffelsalat.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich mag beides. Nur nicht immer. Deshalb fand ich es auch so erfrischend, dass die neu gewählte Koalitionsregierung aus Union und FDP es 2009 nach ihren Koalitionsverhandlungen mal ein bisschen anders gemacht hat. In der NRW-Landesvertretung tranken sie damals mit 40 Personen 75 Flaschen meist französischen Weins aus dem Burgund und von der Loire für insgesamt 6417,67 Euro. Das sind 86 Euro pro Flasche, inklusive Korkgeld.

Die Hauptstadtpresse schäumte von der „teuersten Party der schwarz-gelben Koalition“ und von „spätrömischer Dekadenz“. Ich habe mich eher gefreut über den Ausbruch aus der blassen Mittelmäßigkeit. Mein Onkel hätte wegen seiner Lebensleistung so eine Veranstaltung mindestens verdient. Über seinen Orden und den Tag hat er sich dann aber trotzdem gefreut. Denn er ist nicht nur brillant, er hat auch noch Humor.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.